aus Heft 09/2009 Gesellschaft/Leben 7 Kommentare
Immer mit der Ruhe
Wenn die Gedanken kein Ventil mehr finden: Was passiert mit einem Menschen, der eine Woche lang eisern schweigt? Der Schauspieler Christian Ulmen, vor der Kamera sonst sehr redselig, hat es für uns ausprobiert.
Von Christian Ulmen
Tag 1
Westberliner Vormittag. »Im noch zuckenden ehemaligen Herz der Stadt«, beschrieb ein Journalist die Lage unseres Büros. Stau vor den Boutiquen. Sehr alte Russinnen versperren in dicken Trauben die Seitenstraße, in der ich parken will. Einparken, ohne fluchen zu dürfen: Das ist die Vorhölle. Schmerzhaft wie eine Brandwunde ohne Kühlung. Ich brumme in kurzen Intervallen. Schimpfworte, die nicht rausdürfen, geistern unausgesprochen über meine Lippen. Leidet so ein Tourette-Patient?
Ich will »Jesus« sagen und sogar »Fucking« und »Arschloch«, mit jedem vergeblichen Versuch, eine Lücke zu finden, und jedem Punto, der vor mir einen Platz ergattert hat. Ich darf seufzen! Und parke im Halteverbot. Dies ist der erste Tag eines Experiments. Eine Woche schweigen.
Ich spreche generell nicht viel. Nicht, weil mir nichts einfällt, sondern weil es mich anstrengt. Beim Small Talk suche ich immer nach Themen, von denen ich annehme, dass sie irgendwie passen, die mich aber im Grunde überhaupt nicht interessieren: die Grippewelle im Januar; warum die Bahn im Winter immer total überfordert ist; ob Boris Becker noch in der Pubertät ist. Das ist mir alles egal – aber ich unterhalte mich auf Stehpartys über diese Dinge, als bestünden darin die letzten Wortwechsel meines Lebens; stets etwas hastig und unentspannt.
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Man müsste Schweige-Partys organisieren. Keiner darf was sagen. Alle stehen da und trinken und gucken und nicken. Würde wahrscheinlich kaum einer mitmachen. Was aber, wenn man das nur für sich durchzieht? Eine Woche lang nichts sagen. Also noch weniger als sonst. Gar nichts. SMS, Briefe und Mails – okay. Ansonsten: Klappe halten. Kein einziges Wort sprechen. Und um’s spannender zu machen: vorher niemandem etwas sagen. Einfach morgen früh loslegen. Ganz normal aufstehen, nur nichts mehr sagen. Das stelle ich mir sehr schön vor. Mal sehen, was passiert.
Das Vorhaben ist in zwei Zeilen erklärt. Ich schrieb sie am Vorabend auf und lasse sie meine Frau jetzt laut vorlesen: »Will eine Woche lang schweigen und Tagebuch führen. Ein Experiment.« Sie sieht mich an, prüft wohl, ob es ernst gemeint ist. Hält es, glaube ich, für einen Scherz und spielt mit. Kurz darauf leise Umarmung. Dem unbändigen Abschiedsritual meines Sohnes begegne ich mit heftigem Grimassieren, was sicher wahnsinnig albern aussieht. Er grimassiert zurück, scheint aber ansonsten nichts zu vermissen.
Frau fährt zur Fortbildung in die Lüneburger Heide, nimmt den Sohn mit. Ein Vorgeschmack auf die bevorstehende Woche ohne Sprechen: Geräusche. Vier Füße auf der Treppe. Die Haustür fällt langsam zu, ich bin gerührt. Als Einziger. Fünf Minuten später fahre ich ins Büro. Der Verkehr steht zäh, mein Navigationssystem wird kreativ. Die Dame spricht am laufenden Band. Ferres-Momente, wenn ihre Stimme übergluckst. Kurz gut gegen die eigene Stille.
Sie betont Straßennamen, als seien es eingeölte Körperteile: »Kurfürstendamm« klingt plötzlich ekelhaft, wie der glänzende Damm des Kurfürsten. Schalte sie stumm. Muss noch ein Paket abgeben. Postfrau frankiert atemlos, rasend und stumm. Zum ersten Mal wünsche ich ihr keinen schönen Tag. Hab ich all die Jahre gemacht, sie hat nie geantwortet. Fast eine kleine Rache. Gehe befriedigt. Hab ich sie da noch leise grüßen hören?
Im Büro begrüße ich alle mit Handschlag. Wirke wie ein Vorschüler, der seinen Chemiebaukasten mit Leuchtkristallen auspackt. Ich halte ihnen die Notiz hin, die ich zuvor meiner Frau zeigte. »Mal wieder ein verrücktes Experiment.« Sagt der Redakteur, der auch heute zu spät war. Dabei knistert er leise. Er trägt wieder Polyester. Könnte ich ihn jetzt drauf hinweisen. Zusammenhänge zwischen Polyester, elektrischer Spannung und Körpergeruch herstellen. Er weiß nun, dass ich es nicht darf.
Der Wind hat sein krauses Haar zu einem turbanförmigen Klump geweht. Ich sammle Synonyme für sein Haar: Buschgras, Maisbeulenbrand, Rolf Töpperwien. Muss sie alle bei mir behalten. Das ist nicht leicht.
In meinem Bürozimmer lasse ich die Tür einen Spalt auf. Um alle Unterhaltungen mitzubekommen. Scheine ständig entscheidende Teile zu verpassen. Habe das Gefühl, dass man nur über mich spricht. Wie ein Kiffer. Wortfetzen werden in meinem Kopf zu Sätzen, Behauptungen, Fragen. Beginne, in Gedanken zu antworten. Schließe die Tür.
(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie am Tag 2 alle Geräusche zu einem zähen Geräuschbrei zusammenfließen.)
Die Leuchte
Das Modul-Regal
Der Eimer
Der Stapelhocker
20 Jahre
Sagen Sie
Perfekter Plan
CUS




02 Uhr 03
19 Uhr 21
Super - interessant - das gab jedem Montag eine besondere Würze.
Was ich nicht vergessen habe:
1.) Gesten bekommen Macht.
2.) Die Worte werden bewusster gewählt und gesetzt.
3.) Dumpfbacken verlieren sich aus dem Bekanntenkreis.
4.) Kunden haben mich um meine Freiheit beneidet und ließen mich Montags in Ruhe.
Was ich auch so empfunden habe: Die gedankenlose Geschwätzigkeit der Mitmenschen.
Ein Highlite: die Tochter meiner Ex- brachte es sogar fertig, sich an einem Montag mit mir zu streiten! (Pubertät.)
Aus den ersten zwei Gründen werde ich das wohl wieder einführen. Wenn meine 3-wöchige Fastenzeit vorbei ist.
Danke für Ihre Aufmerksamkeit!
21 Uhr 31
schon mal was vom jetzt-magazin gehört?
da war die selbe sache schon vor 10 jahren drin ...
und da hats nen typ 1 jahr lang (!!!) durchgehalten.
sowas nenn ich mut!
schöne grüsse
11 Uhr 55
10 Uhr 54
das ich vor 3 jahren im ersten Semester meines Mediendesign Studiums, von Oktober 06- Dezember 06, an der BA-Ravensburg auch gemacht habe. Das Thema lautete Intervention. Ich intervenierte sozusagen in mein eigenes Leben und schwieg eine Woche lang. Ich hielt es in einem Tagebuch, auf Selbstportraits und Video fest.
Bei Interesse hier der Link zu meinem Projekt:
http://www.youtube.com/watch?v=5YKQg5HAm...
Das Tagebuch habe ich noch, wenn sie es denn mal haben möchten.
Viele Grüße aus Stuttgart
Dominic Nemec
08 Uhr 02
Bei den "Hobby-Buddhisten" wie es Meister Ulmen nennt, http://www.german.dhamma.org/. Schöne Erfahrung, gratis auf Spendenbasis, keine Sekte oder so !! mit der Verpflichtung es durchzuhalten. Manche drehen durch, da die Innenschau zu heftig wird.
Im Alltag ist es natürlich auch schwierig, aber er konnte sich ablenken, mit Arbeit, Internet, Zetteln etc.
Schönes WE.
08 Uhr 56