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aus Heft 10/2009 Gesellschaft/Leben

Hurensohn! Stück Scheiße! Arschloch!

Gabriela Herpell  Fotos: Achim Lippoth

Über Mobbing am Arbeitsplatz wird ständig diskutiert - aber wie Schüler sich gegenseitig fertig machen, das ist hundertmal brutaler. Mit den Folgen kämpfen die Opfer oft noch als Erwachsene.

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Als Julia T.* alles daransetzt, einen Platz für Lukas an einer sehr beliebten Grundschule in München zu bekommen, glaubt sie, das Allerbeste für ihren Sohn zu tun. Aber ein Jahr später sind Mutter und Sohn durch die Hölle gegangen. Der Junge, weil er von seiner Klasse fix und fertig gemacht wurde, und die Mutter, weil sie ihm nicht helfen konnte.

Dabei ist die Schule keine schlechte Schule. Sie befindet sich mitten in einem kinderreichen Viertel, das Schulhaus ist alt und ehrwürdig, auf dem Hof stehen kleine Hütten und Klettergerüste. Patenklassen empfangen die Erstklässler, und sogenannte Tröster gehen in den Pausen auf dem Schulhof herum, um sofort zur Stelle zu sein, wenn mal jemand hinfällt und sich wehtut. Für ihre vorbildliche Pädagogik wurde die Schule sogar ausgezeichnet.
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Und doch stand sie dem, was mit Lukas geschah, machtlos gegenüber: Mobbing kommt auch an den besten Schulen vor; und das Problem wird in deutschen Lehrerzimmern nach wie vor dramatisch unterschätzt. Entweder die Fälle werden gar nicht bemerkt, oder aber sie werden verdrängt. Dabei sind sie oft keineswegs harmlos. »Wenn Kinder mobben«, sagt Mechthild Schäfer, Entwicklungspsychologin der Universität München, »bedienen sie sich teilweise Methoden, für die man – wenn man strafmündig ist und angezeigt wird – ins Gefängnis wandern kann.«

Im Sommer 2002 zieht Julia T. mit Lukas von Hamburg nach München. Lukas ist vorher in Norddeutschland und im Rheinland zur Schule gegangen. Es hat nie Probleme gegeben. Er war kein brillanter, aber ein problemloser Schüler. Nun kommt Lukas, zehn Jahre alt, in die vierte Klasse der Münchner Grundschule. Die Lehrerin fragt ihn: »Wo kommst du her?« Er sagt: »Aus Hamburg.« Sie sagt, unbedacht: »Ach, dann kannst du ja sowieso nichts.«

Irgendwie war das der Anfang vom Ende, meint Lukas heute. Er ist jetzt 17 und sieht aus, wie 17-Jährige heute so aussehen: halblange Haare, die Jeans sitzt auf den Hüften. An der rechten Hand trägt er einen breiten silbernen Ring, den er selbst gemacht hat, er überlegt, vielleicht Goldschmied zu werden. Er wirkt sanft und spricht bedächtig. Er hat jetzt keine Angst mehr vor der Schule, aber es hat Jahre gedauert, bis er wieder Vertrauen fassen konnte in Mitschüler und Lehrer.

Im vergangenen Jahr hat er den Hauptschulabschluss gemacht, in diesem Jahr steht die mittlere Reife bevor – es hätte einen leichteren Weg für ihn geben können, wären seine Noten in der vierten Klasse nicht so schlecht geworden, dass es nicht einmal mehr für die Realschule reichte.
Nach dem Spruch der Lehrerin fangen die coolen Jungs aus der Klasse an, Lukas zu hänseln. »Du bist neu, du bist doof, du kannst nichts.«

Die Mädchen verhalten sich erst mal neutral. Ein Mitschüler ist nett zu Lukas. Doch nach einer Weile distanziert auch er sich. »Man muss sich entscheiden, ob man Täter oder Opfer sein will«, sagt ein Junge in einer Umfrage des Deutschlandfunks zum Thema Mobbing. Wenn man mobbt, geht man wenigstens sicher, nicht gemobbt zu werden – und ist außerdem nie allein. Denn es sind nie Einzelpersonen, die mobben, es sind nicht einfach böse oder schlecht erzogene Jungs oder Mädchen, es ist immer eine Gruppe, eine Klasse, ein System.

Die Jungs nehmen Lukas seinen Stift weg, und wenn er ihn sich wieder holen will, werfen sie ihn durch die Klasse und lachen sich kaputt. Sie klauen seine Schuhe und stecken sie ins Klo. Sie nennen ihn »Hurensohn« oder »Idiot«. Lukas sieht jünger aus, als er ist, er ist unsportlich und schüchtern – kein Kerl, der mit einem Spruch kontert, wenn er angegriffen wird, sondern einer, der verstummt.

»Die Täter zeichnen sich durch großes Geschick aus, potenzielle Opfer zu erkennen, und sie beschreiben die Merkmale eines Opfers so: Das sind die, die sich nicht wehren, nicht sehr stark sind und sich zu sehr fürchten, Lehrern oder ihren Eltern davon zu erzählen«, sagt Mechthild Schäfer. »Das Opfer wird mit jeder Episode mehr zur albernen Figur und ist in seinen Reaktionen zunehmend eingeschränkt.« Irgendwann kann der Betroffene überhaupt nichts mehr richtig machen.


(Lesen Sie auf der nächsten Seite über die gravierenden Folgen, die Mobbing bei Kindern oft nach sich zieht.)
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