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aus Heft 12/2009 Deutschland

German Angst

Roger Cohen 

Seit Jahrzehnten gilt Verzagtheit als typisch deutsche Eigenschaft. Aber ausgerechnet jetzt, mitten in der Krise, werden die Deutschen vom Ausland als erstaunlich gelassen wahrgenommen. Ist das eine neue »German Lässigkeit«?

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Vielen Leuten in den Nachbarstaaten, nicht zuletzt den Polen, war es lange Zeit ein Rätsel, wie die Deutschen so wohlhabend und zugleich so unglücklich sein konnten. In den Straßen brummten die Luxuskarossen, auf den Gehsteigen wogten die Pelzmäntel, und doch machten die Leute lange Gesichter, aus denen man den unterdrückten Albtraum vom atomaren Winter ablesen konnte.

Der deutsche Begriff der »Angst« fand Eingang in die Sprachen der Welt, er kam aus den Tiefen der deutschen Seele. Keine andere Nation verkörperte so präzise eine Gefühlsregung, die über bloße Furcht hinausging, aber noch nicht in Panik ausartete.
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Natürlich spielte die Geschichte eine Rolle: Die Deutschen hatten alles verloren, erst ihr Geld, dann ihr Leben. Sie wussten, was es hieß, in der Stunde Null neu anzufangen. Die Berliner Mauer war die sichtbare Strafe für den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg. Scham mischte sich mit Angst: Wie war dieser Drang zum Massenmord entstanden? Und konnte er vielleicht wieder zum Vorschein kommen?

Die Wirtschaftswunderjahre haben diese Sorgen nie ganz ausgelöscht. Wohlstand galt als Ergebnis harter Arbeit, und war nichts, womit man sich brüstete. Die Angst dümpelte unter dem deutschen Alltag dahin wie ein dunkler Fluss.

Umso faszinierender ist es, die Ausgeglichenheit zu beobachten, eine Abwesenheit von Furcht, grenzend an Sorglosigkeit, mit der die Deutschen auf den schlimmsten Konjunktureinbruch seit der Weltwirtschaftskrise reagieren. Eine Krise, die in New York die Restaurants veröden, den Verkehr auf den Straßen zurückgehen und die Amerikaner um ihre Jobs, Renten, Häuser, also um ihre Existenz bangen lässt.

Deutschland steht in dieser Wirtschaftskatastrophe keineswegs außen vor. Wie auch, als viertgrößte Wirtschafts- und größte Exportmacht der Welt? Die Ausfuhrzahlen sinken, die Arbeitslosigkeit steigt, das Land sieht seiner schwersten Rezession seit Jahrzehnten entgegen. Jenseits der Grenzen, in den ehemaligen kommunistischen Ländern Mitteleuropas, ist eine Kernschmelze im Gange. Landeswährungen sausen in den Keller – jetzt keine Witze über den Zloty! –, und Ungarn fleht um einen gewaltigen Sanierungsplan für die Region.

Und doch stellt sich der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück hin und erklärt munter: »Die Stimmung ist besser als die Lage.« Die Welt steht Kopf: Die Lage ist fürchterlich, aber die Deutschen sind glücklich! Oder sie bewahren zumindest Ruhe. Gönnen sich eine Maniküre weniger, aber gehen noch immer auswärts essen. Niemand hortet Bargeld unter der Matratze.

Ein Grund ist natürlich, dass Deutschlands Probleme nicht so akut sind wie anderswo, und die schlimmsten Szenarien noch nicht eingetreten sind. Das Land kannte weder eine Kredit- noch Immobilienblase, die Zwillingsphänomene, die Verwerfungen von Miami bis Madrid zur Folge hatten. Meine Freunde in Berlin jammerten lange, dass die Immobilien und Grundstücke, die sie vor einem Jahrzehnt oder mehr gekauft hatten, nicht an Wert gewannen, während die Preise in anderen europäischen Hauptstädten wie London und Paris explodierten. Jetzt sind sie nicht mehr so unglücklich.

Die Deutschen haben positive Sparquoten und kaum Schulden – ein angstmindernder Zustand, um den sie die Amerikaner mit ihrer Kredit- und Hypothekenlast nur beneiden können. Dazu verschafft ein Sozialstaat Linderung, der den Arbeitsplatzverlust wenigstens für einige Monate erträglich macht. Und die inzwischen großflächig eingeführte Kurzarbeit drosselt die Arbeitslosigkeit. Vor Kurzem pendelten sich die jeweiligen Arbeitslosenquoten in den USA und Deutschland bei etwa acht Prozent ein, jedoch mit einem grundlegenden Unterschied: In Amerika ist diese Zahl im historischen Vergleich sehr hoch.

(Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite: Jeder siebte Berliner ist arbeitslos. Sogar Hunde beziehen Sozialhilfe. Wie viel schlimmer kann es da noch kommen?)
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