Anzeige

aus Heft 12/2009 Gesellschaft/Leben 4 Kommentare

Die Krise und wir

Seite 2

Fotos: Konrad R. Müller



Anzeige

Anne Will (43, im Bild), Fernsehmoderatorin:
»Mir macht an der Krise Angst, dass offensichtlich keiner weiß, was hinter der nächsten Ecke noch lauert und was Rettung versprechen könnte. Das war und bleibt uns Anlass für so manche Sendung. Für mich persönlich hat sich verändert, dass ich mit Aktienfonds ein bisschen Geld verloren habe. Die Konsequenz: Ich bekomme weniger Anrufe von Bankberatern. Genau genommen gar keine mehr! Außerdem lese ich anders Zeitung, fange inzwischen mit dem Wirtschaftsteil an. Und solange es noch geht, begreife ich shoppen nicht mehr simpel als einkaufen, sondern verkläre es als meine oberste Bürgerpflicht zum Konsum.«

Michael Mösbauer (42), Friseur:
»Bei vielen Kunden verlängert sich der Abstand zwischen den Friseurbesuchen. Und im Bekanntenkreis sind gerade diejenigen, die früher aufgeschnitten haben und immer sagten: »Geld spielt keine Rolle«, auf einmal recht leise geworden.«

Bodo Kirchhoff (60), Schriftsteller:
»Ich bemerke die Krise gar nicht; denn der Schriftsteller ist immer in der Krise. Aber ich gebe jetzt fast alles aus, solange es noch etwas wert ist.«

Marietta Slomka (39), Fernsehmoderatorin:
»Ich werde immer wieder gefragt: »Du musst das doch wissen: Wo ist das ganze Geld eigentlich hin?« Eine wirklich gute Antwort habe ich darauf bis heute nicht gefunden. Denn selbst wenn man argumentiert, dass viel von dem Geld ja nur auf dem Papier existierte, ist das keine befriedigende Erklärung.«

Christian Thielemann
(49), Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker:
»Gefühlsmäßig befindet sich die Krise ja noch in ihren Anfängen. Aber schon jetzt blicken die Menschen auf der Straße sorgenvoller drein.«



Hans-Christian Ströbele (69, im Bild), Grünen-Politiker:
»Meine persönlichen Verluste halten sich in Grenzen: Ein paar ererbte Wertpapiere sind nicht einmal mehr die Hälfte wert. Wenn es hart auf hart kommt, könnte ich auf vieles verzichten, aber nicht auf meinen morgendlichen Magerquark und die Milch.«

Martin Thierer
(30), Galerist und Assistent bei Schirmer & Mosel:
»Auch der Kunstmarkt wird sich mäßigen. Und das ist gut so. Die Preise auf dem Kunstmarkt basierten auf reiner Spekulation und hatten nichts mehr mit Qualität zu tun.«

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (57), bayerische FDP-Vorsitzende: »Die Krise beunruhigt mich sehr. Ich muss politische Entscheidungen treffen, deren Tragweite niemand richtig abschätzen kann. Das bestimmt meinen beruflichen Alltag als Parlamentarierin und droht die Beschäftigung mit meinem eigentlichen Arbeitsbereich der Rechtspolitik zu verdrängen.«

Dieter Rex-Stingl (46), Feinkosthändler:
»Ich frage mich, woher die Bundesregierung das ganze Geld nimmt, und wie man, ohne mit der Wimper zu zucken, unseren Ururenkeln so viele Schulden aufhalsen kann. Kleine Unternehmer wie ich erhalten doch auch keine Unterstützung, wenn sie pleite sind.«

Dirk Schönberger (42), Modeschöpfer:
»Ich habe während der Zeit meiner eigenen Kollektion immer alles, was wir hatten, in die Firma gesteckt. Deshalb weiß ich, was Verzicht bedeutet. Für mich ist es einfach, back to basics zu gehen, wenn es sein muss. Solange ich meine Musik und meine Bücher behalten kann ...«

André Schulten (33, im Bild), Investmentbanker:
»Diese Krise ist keine so elementare! Keiner wird deswegen sterben! Um der PR willen sollte ich als Investmentbanker auf meinen Bonus verzichten. Das wäre super und populär. Aber ich werde erfolgsabhängig bezahlt, und wenn ich erfolgreich bin, möchte ich auch nicht auf einen Bonus verzichten, den ich auf messbarem Erfolg erwirtschaftet habe.«





(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Eckart Witzigmann
, Koch: »Wer bei den täglichen Horrormeldungen keine Angst bekommt, muss eine Hornhaut um seine Empfindungen tragen.«)

Kommentare

Name:
Kommentar: