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aus Heft 18/2009 Gesellschaft/Leben

Die Welt als Zelle und Vorstellung

Heribert Prantl  Fotos: Gianni Occhipinti

So landen Ressortleiter der Süddeutschen Zeitung im Gefängnis: Innenpolitik-Chef Heribert Prantl wollte aus erster Hand erfahren, wie es im deutschen Justizvollzug aussieht. Also ging er freiwillig hinter Gitter. Was er dort erlebte, hat ihn ziemlich gefangen genommen.

Sechseinhalb Meter hohe Mauern, Fluchtversuche zwecklos. Unser Autor kurz vor seiner Aufnahme in die Justizvollzugsanstalt Oldenburg
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Der Beamte ist sehr gründlich. Er filzt mich penibler, als ich das vom penibelsten Flughafen-Check kenne. In der Kleiderkammer nimmt er mir mit routinierter Freundlichkeit meine Privatsachen weg. Er lässt mich das Handy ausschalten, zählt mein Geld, sichtet meine Aktentasche, stopft das alles zusammen in die Plastikbox Nummer 103, die er mit der Plombe Nummer 92958 versiegelt.

Knast ist registrierte Ordnung. Immerhin: Man ist dort keine Nummer, man hat einen Namen. Der Beamte sagt nicht »Häftling« zu mir, er sagt »Herr Prantl«. Trotzdem ist die Entkleidung und Neueinkleidung eine Prozedur der Selbstentfremdung. Es ist, als lasse man seine bürgerliche Existenz in der Kleiderkammer zurück.

Neben den Zellentüren sind durchsichtige Plastikschilder an die Wand geschraubt, darunter Papierstreifen geschoben. Auf meinem steht nicht »Nummer 103«, sondern »Heribert Prantl«. Im Studenten- und im Altersheim sehen die Schilder ähnlich aus; aber es ist anders, seinen Namen neben der 15 Zentimeter dicken Stahltür zu lesen mit den vielen Riegeln und der Kostklappe. Man steht vor der beschrifteten Gefängniszelle wie vor dem eigenen Grabstein. »Ein Stück Tod mitten im Leben« sei die Haft, hat der Rechtsphilosoph Gustav Radbruch vor hundert Jahren geschrieben. Der moderne Strafvollzug soll aber nicht nur ein Stück Tod sein; er soll, so steht es im Gesetz, funktionieren wie eine Wiederauferstehung zu einem »Leben ohne Straftaten«. Tut er das? Kann er das?

Aufnahmestation, Zelle 5: Hierher werde ich, schon in schlabbrigen Anstaltsklamotten, von zwei Beamten geführt, ich ziehe das Wägelchen mit der Gefängnis-Grundausstattung und der Gefängniswäsche hinter mir her: ein billiges Besteck (»Messer ungehärtet«), ein Trinkbecher, ein Frühstücksbrettchen, ein tiefer Teller; Zahnpasta, Zahnbürste, Einwegrasierer, ein Stück Rasierseife, ein Pinsel mit wenigen harten Borsten; vier Paar Wollsocken, Handtuch, Geschirrhandtuch, ein abgetragener Trainingsanzug, ein Schlafanzug mit der Aufschrift »Baseball High 35«, Bettwäsche, Wolldecke, eine blaue Latzhose; Duschlatschen, Arbeitsschuhe, vier Unterhosen, vier Unterhemden, fein gerippt und mit dem ausgewaschenen Eindruck »JVA Oldenburg«. Das ist meine neue Habe.

Ich bin im »Alcatraz des Nordens«, einem Männergefängnis der Hochsicherheitsstufe, 310 Häftlinge, die eine Hälfte Straf-, die andere Untersuchungsgefangene. Außen herum eine Mauer, fast zwei Kilometer lang, sechseinhalb Meter hoch; zwei Meter versetzt nach innen ein zweiter Zaun aus Gittergeflecht, sensorgesichert; 220 Videokameras innen und außen. Fluchtversuche zwecklos. Nur kurz nach der Eröffnung der Anstalt vor neun Jahren hat es ein Betrüger geschafft; er hatte sich an die Unterseite eines ausfahrenden Bollerwagens geklammert, so wie Odysseus an das Bauchfell eines Schafs, als er aus Polyphems Höhle entfloh. Der geflüchtete Häftling hatte einen Beamten bestochen; die Kollegen schämen sich heute noch.

Zwischen mir und der Freiheit liegen zwanzig Türen und Gitter. »Spüren Sie doch einmal am eigenen Leib, wie sich das anfühlt«, hat Gefängnisdirektor Gerd Koop im November 2008 zu mir gesagt. Da hatte ich auf der jährlichen Tagung der Gefängnisspezialisten in der Katholischen Akademie von Stapelfeld einen Vortrag gehalten; das Thema hieß, ein wenig neckisch: »Wohin fährt der Strafvollzug?« Ich habe die Einladung ins Gefängnis angenommen; nun sitze ich drin. Keine Sonderbedingungen für Prantl, hat der Direktor sein Personal angewiesen. Immerhin wissen die Vollzugsbeamten, dass ich nicht so richtig zu ihrer Klientel gehöre: kein Betrüger, kein Totschläger, kein Räuber, kein Drogist. Nur Journalist – der früher drei Jahre bayeri-scher Richter, dann drei Jahre bayerischer Staatsanwalt gewesen ist.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum die ersten Tage in U-Haft die schlimmsten sind.
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