»Neun Jahre« – das war das höchste Urteil, das ich einst als Richter gefällt habe; auf »13 Jahre« lautete mein höchster Strafantrag als Staatsanwalt. Länger als eine Stunde war ich damals, als Justizjurist, nie im Gefängnis gewesen – immer nur kurz, zu einer Anhörung, zu einer Vernehmung. Der Richter straft, aber er kennt die Strafe nicht, die er ausspricht. Jetzt, als Journalist, bin ich vier Tage lang da: zunächst als unechter Häftling und dann als Praktikant, der das Vollzugspersonal bei der Arbeit begleitet.
Wenn Wände reden könnten, die Zellenwände würden reden von Resignation, Wut, Gleichgültigkeit, von Melancholie, Misstrauen, Feindseligkeit, von Angst, Hass und Hoffnung. Gegen solche Gefühle hilft der Alarmknopf neben der Tür nicht. Der Knopf hat zwar neulich einem Strafgefangenen das Leben gerettet, der einen Herzinfarkt hatte. Der Knopf löst aber keinen Alarm aus, wenn ein Untersuchungshäftling sich aus seinem Bettzeug eine Schlinge dreht. Die ersten Tage in U-Haft sind die schlimmsten. Der Untersuchungsgefangene gilt zwar vor dem Gesetz als unschuldig. Aber was hilft ihm das, wenn sein bisheriges Leben zusammenbricht, wenn seine Zukunft nach Gefängniskost schmeckt, wenn er nicht weiß, was aus ihm, Frau, Kind und Arbeit wird? Diese Gefühle lassen sich nicht auf Einladung des Gefängnisdirektors simulieren. Gut situierte Häftlinge, solche wie ich, quälen sich mit der Frage, ob sie sich werden freikaufen können. Meistens klappt es. Die Gefängnispopulation ist auch deswegen nicht ein Abbild der Gesellschaft, sondern ein Abbild ihrer Unterschicht. Das Gefängnis als Ort des sozialen Lernens?
In einer Ecke der Zelle führt die Tür zum abgetrennten,
1,2 Quadratmeter kleinen Klosett mit Waschbecken. Menschenwürde im Knast beginnt mit A – wie Abort. Es riecht zwar etwas streng, aber es gibt fließend warmes und kaltes Wasser. Warmwasser ist Knastkomfort, in den älteren Gefängnissen nicht vorhanden. Die Justizvollzugsanstalt Oldenburg ist ziemlich neu, vor neun Jahren wurde sie eröffnet, und es steckt viel Erfahrung darin: Sie ist vom Direktor und dem Personal selbst geplant worden. 16 Stationen mit jeweils 21 Haftplätzen, jede Station eine Art Wohngruppe mit Freizeitküche, jeweils etliche Stationen von einer Wachstation aus gut einsehbar. Die alten Zuchthäuser waren Stein gewordener Irrtum. Dieses Gefängnis ist gemauerte Reform, es ist ein Vollzugsreformhaus.
Ich lese die drei DIN-A4-Zettel an der Innenseite meiner Zellentür, eine Art Haus- und Zellenordnung: »Sie haben die Anordnungen der Vollzugsbeamten zu befolgen, auch wenn Sie sich dadurch beschwert fühlen.« Ich sitze in einer Zelle im Erdgeschoss, vergitterter Blick auf ein paar Masten mit Videokameras, auf vier Obstbäume und auf den martialischen, auch nach oben vergitterten »Bärenkäfig«. Das ist der Auslauf für die zehn besonders gefährlichen Häftlinge der Sicherheitsstation, deren Zellen 23 Stunden am Tag verriegelt sind. Ich werde eingeschlossen und bin nun froh drum. Ich kann zwar nicht hinaus, es kann aber auch keiner von denen herein, die draußen im Gefängnishof ihre letzten Runden drehen.
In diesem Gefängnishof haben fast alle Verbrecher ihre Runden gedreht, die man aus den Zeitungen kennt: der Holzklotzmörder; der siebenfache Mörder vom China-Restaurant in Sittensen; der Heimleiter, der die ihm anvertrauten Kinder missbraucht hat; der Vater von Kevin, der sein Kind verhungern ließ. »Wegen was bist du da?«, ruft einer mit russischem Akzent in meine Zelle. »Sag ich nicht«, sag ich. Am nächsten Tag, bei der Arbeit im Gefängnisbetrieb, lerne ich von Dimitri, wie man auf solche Fragen elegant antwortet. Er sitzt für sechseinhalb Jahre. »Wegen was?«, frage ich ihn. Er grinst: »Ohne Ticket gefahren.« Dimitri hat internationale Knasterfahrung, er kennt die russischen Gefängnisse. »Kein Vergleich«, sagt er, »eher Sport hier.«
Es klopft und rappelt an der Tür. Jemand hält ein Tablett mit dem Abendessen herein: drei Scheiben Brot, drei Scheiben Käse und zwei Scheiben Wurst. Dazu werden eine Packung Frühstücksmargarine gereicht, Marke Goldquelle, und 250 Gramm Marmelade Sauerkirsch extra, »fruchtige Qualität aus Mecklenburg«. Wie lange soll ich damit haushalten? Bevor ich fragen kann, ist die Tür schon wieder zu. Es wird Nacht, aber nicht richtig dunkel; das Licht vom Gefängnishof ist gleißend. Es hebt jetzt ein merkwürdiges Nachtleben an: Es klopft, hämmert, gluckert, es blubbert und furzt. Raue Rufe hallen über den Hof, von Gitterfenster zu Gitterfenster, Wortfetzen in Türkruss-arabischdeutsch. Meine Zelle ist eine schützende Wabe.
Lesen Sie auf der nächsten Seite: Geiselnahme – das ist die heimliche, die verdrängte Angst des Personals.
Wenn Wände reden könnten, die Zellenwände würden reden von Resignation, Wut, Gleichgültigkeit, von Melancholie, Misstrauen, Feindseligkeit, von Angst, Hass und Hoffnung. Gegen solche Gefühle hilft der Alarmknopf neben der Tür nicht. Der Knopf hat zwar neulich einem Strafgefangenen das Leben gerettet, der einen Herzinfarkt hatte. Der Knopf löst aber keinen Alarm aus, wenn ein Untersuchungshäftling sich aus seinem Bettzeug eine Schlinge dreht. Die ersten Tage in U-Haft sind die schlimmsten. Der Untersuchungsgefangene gilt zwar vor dem Gesetz als unschuldig. Aber was hilft ihm das, wenn sein bisheriges Leben zusammenbricht, wenn seine Zukunft nach Gefängniskost schmeckt, wenn er nicht weiß, was aus ihm, Frau, Kind und Arbeit wird? Diese Gefühle lassen sich nicht auf Einladung des Gefängnisdirektors simulieren. Gut situierte Häftlinge, solche wie ich, quälen sich mit der Frage, ob sie sich werden freikaufen können. Meistens klappt es. Die Gefängnispopulation ist auch deswegen nicht ein Abbild der Gesellschaft, sondern ein Abbild ihrer Unterschicht. Das Gefängnis als Ort des sozialen Lernens?
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Meine »Hütte«, wie man im Jargon sagt, riecht verqualmt: Gefängniszellen gehören zu den wenigen Orten in Deutschland, wo geraucht werden darf. Aber die achteinhalb Quadratmeter sind viel sauberer als erwartet: gestrichener Betonfußboden, Schrank, Tisch, Pritsche, Regal, das alles nicht aus Metall, sondern aus Holz; eine hölzerne Wandleiste gibt es zum Bilderaufhängen, Bilder direkt an die Wand zu kleben ist streng verboten – als Verstoß gegen das erste Gebot dieses Gefängnisses: »Die Anstalt muss immer sauber sein.« Der Anstaltschef glaubt an den »unmittelbaren Zusammenhang zwischen Dreck und Aggression«. Die Wandleiste ist allerdings voll von weißen Flecken: Man nimmt hier Zahnpasta zum Ankleben der Bilder, meist herausgerissen aus der nur noch im Knast beliebten Erotikillustrierten Coupé. Kugelschreiber-Kritzeleien findet man auch auf der Bilderleiste: ein paar Zeichen auf Arabisch und ein ordentlich gereimter Zweizeiler auf Deutsch: »Der Papa sitzt im Zuchthaus – wie / im Hühnerstall das Federvieh«. Ein kleiner Fernseher steht vor dem Bett, Standard bei Untersuchungsgefangenen, das mindert die Selbstmordgefahr.
In einer Ecke der Zelle führt die Tür zum abgetrennten,
1,2 Quadratmeter kleinen Klosett mit Waschbecken. Menschenwürde im Knast beginnt mit A – wie Abort. Es riecht zwar etwas streng, aber es gibt fließend warmes und kaltes Wasser. Warmwasser ist Knastkomfort, in den älteren Gefängnissen nicht vorhanden. Die Justizvollzugsanstalt Oldenburg ist ziemlich neu, vor neun Jahren wurde sie eröffnet, und es steckt viel Erfahrung darin: Sie ist vom Direktor und dem Personal selbst geplant worden. 16 Stationen mit jeweils 21 Haftplätzen, jede Station eine Art Wohngruppe mit Freizeitküche, jeweils etliche Stationen von einer Wachstation aus gut einsehbar. Die alten Zuchthäuser waren Stein gewordener Irrtum. Dieses Gefängnis ist gemauerte Reform, es ist ein Vollzugsreformhaus.
Ich lese die drei DIN-A4-Zettel an der Innenseite meiner Zellentür, eine Art Haus- und Zellenordnung: »Sie haben die Anordnungen der Vollzugsbeamten zu befolgen, auch wenn Sie sich dadurch beschwert fühlen.« Ich sitze in einer Zelle im Erdgeschoss, vergitterter Blick auf ein paar Masten mit Videokameras, auf vier Obstbäume und auf den martialischen, auch nach oben vergitterten »Bärenkäfig«. Das ist der Auslauf für die zehn besonders gefährlichen Häftlinge der Sicherheitsstation, deren Zellen 23 Stunden am Tag verriegelt sind. Ich werde eingeschlossen und bin nun froh drum. Ich kann zwar nicht hinaus, es kann aber auch keiner von denen herein, die draußen im Gefängnishof ihre letzten Runden drehen.
In diesem Gefängnishof haben fast alle Verbrecher ihre Runden gedreht, die man aus den Zeitungen kennt: der Holzklotzmörder; der siebenfache Mörder vom China-Restaurant in Sittensen; der Heimleiter, der die ihm anvertrauten Kinder missbraucht hat; der Vater von Kevin, der sein Kind verhungern ließ. »Wegen was bist du da?«, ruft einer mit russischem Akzent in meine Zelle. »Sag ich nicht«, sag ich. Am nächsten Tag, bei der Arbeit im Gefängnisbetrieb, lerne ich von Dimitri, wie man auf solche Fragen elegant antwortet. Er sitzt für sechseinhalb Jahre. »Wegen was?«, frage ich ihn. Er grinst: »Ohne Ticket gefahren.« Dimitri hat internationale Knasterfahrung, er kennt die russischen Gefängnisse. »Kein Vergleich«, sagt er, »eher Sport hier.«
Es klopft und rappelt an der Tür. Jemand hält ein Tablett mit dem Abendessen herein: drei Scheiben Brot, drei Scheiben Käse und zwei Scheiben Wurst. Dazu werden eine Packung Frühstücksmargarine gereicht, Marke Goldquelle, und 250 Gramm Marmelade Sauerkirsch extra, »fruchtige Qualität aus Mecklenburg«. Wie lange soll ich damit haushalten? Bevor ich fragen kann, ist die Tür schon wieder zu. Es wird Nacht, aber nicht richtig dunkel; das Licht vom Gefängnishof ist gleißend. Es hebt jetzt ein merkwürdiges Nachtleben an: Es klopft, hämmert, gluckert, es blubbert und furzt. Raue Rufe hallen über den Hof, von Gitterfenster zu Gitterfenster, Wortfetzen in Türkruss-arabischdeutsch. Meine Zelle ist eine schützende Wabe.
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19 Uhr 41
Er war als Promi-Gast in einer der modernsten Gefängnisse Deutschlands, ging freiwillig, und wurde nicht durch die Mangeln der deutschen Justiz gedreht. Er hat nur beiläufig von seinen Emotionen berichtet, der Rest liest sich wie eine Werbebroschüre für „Schöner Wohnen“. Das hat nichts mit der Realität zu tun, In der Menschen auf Verdacht auf unbestimmte Zeit in Gewahrsam genommen werden, in einer 16m² 4-Mann Zelle, ohne warmen Wasser, ohne Fernseher, aber mit 1x wöchentlichem Duschen mit Drogendealern landen, das normale Leben einen abrupten Abbruch nimmt, und die Familie spätestens nach ein paar Monaten Ade sagt. Der Job ist dann schon lange weg, und die Existenz sowieso. Was bleibt, ist die Entschädigung von 10!!! Euro pro Tag, und das Gefühl nicht nur der Willkür der Justiz ausgeliefert zu sein, sondern auch dem sogenannten Rechtssystem nie mehr vertrauen zu können…
13 Uhr 36
Was hat sich Prantl bei diesem Vorhaben gedacht. War es nur das journalistische Interesse, diesen sog. unwirklichen Selbstversuch zu durchlaufen? war es sein Spannertum?
Oder Schuldgefühle ausgelöst durch Zweifel die ihn heute einholen.
Mich würde interessieren Herr Prantl, wie viele male haben Sie als Staatsanwalt abgedrückt und möglicher weise einen Unschuldigen zur Verurteilung gebracht?
Wie viele male mußten Sie Herr Prantl einen Menschen, bei dem alles schief gelaufen ist was schief laufen konnte, zur Verurteilung gebracht, weil einen Flachmann für 2,50 im REWE mitgehen lassen hat?
Und wie viele male haben Sie nichts getan einfach nichts getan, als Staatsanwalt, weil es ein CSU – Promi war, obwohl Jedermann wusste, dass was daran ist?