Um halb sieben beginnt die Arbeit. Strafgefangene müssen, Untersuchungsgefangene können arbeiten; die zehn Häftlinge der Sicherheitsstation dürfen nicht. Ich komme in eine Halle mit langen Werkbänken: Eine Firma von draußen lässt hier Kabelbäume zusammenbauen, Stecker fürs Auto löten, Kleinteile für Pipelines montieren; an die sechzig Mann werkeln heute, es herrscht irritierend ruhige Geschäftigkeit. Mir schießt eine schauerliche Geschichte aus der JVA Uelzen durch den Kopf: Vor neun Jahren nahm dort ein Häftling, der Küchendienst hatte, das größte Messer – er schnitt damit dem Gefängnisdirektor, der das Mittagessen vorkostete, die Kehle durch und erstach dann den Küchenchef. Sicherheit im Knast ist immer prekäre Sicherheit, auch in der besten Anstalt.
Ich wäre lieber in die Tischlerei gekommen; aber die ist das Revier der Langzeithäftlinge, an den Fräs- und Sägemaschinen stehen ein paar hundert Jahre. Auch nicht schlecht wäre die gehobene Bastel-atmosphäre der Schlosserei gewesen, wo der praktischste Grill hergestellt wird, den ich je gesehen habe. Die Ausbruchfantasien der Gefangenen sind in das »Modell Oldenburg« umgeleitet worden. 800 Vorbestellungen, der Verkaufsschlager der JVA, dank einer wunderbaren Höhenverstellung für das Grillgut.
Die Arbeit bringt durchschnittlich elf Euro am Tag – bei sehr sorgfältiger Produktion. Das ist wenig, aber besser als nichts. Drei Siebtel davon, an die 70 Euro pro Monat, dürfen für Einkäufe ausgegeben werden; der Rest dient als Rücklage, zur Schuldentilgung und für die Opferentschädigung. Ich habe das Gefühl, dass ich es auch nach zwei Wochen hier mit meiner Hände Arbeit nur auf 50 Cent täglich bringen würde.
An der Decke über den Arbeitsplätzen lugen, wie fast überall in der Anstalt, Kamera-Augen. Die Sicherheitszentrale passt auf, dass nicht nebenbei Gerätschaften produziert oder geklaut werden, die für eine Geiselnahme taugen. (Soeben hat im bayerischen Straubing ein verurteilter Gefangener die Psychologin in seine Gewalt gebracht: Der Vergewaltiger war irgendwie an ein Messer gekommen.) Geiselnahme – das ist die heimliche, die verdrängte Angst des Personals. Dagegen helfen Zellenkontrollen, Leibesvisitation und der »Sicherheitsblick«, den sich Vollzugsbeamte und Sozialarbeiter angewöhnt haben. Wenn sie jeden Tag mit schlotternden Knien zur Arbeit kämen, könnten sie hier nicht arbeiten. »Ich habe mehr Angst, wenn ich abends mit dem Fahrrad durch Oldenburg nach Hause fahre«, sagt Nikola Framme, eine selbstbewusste junge Frau, studierte Diplomverwaltungswirtin, Vollzugsabteilungsleiterin, Frauenbeauftragte im Gefängnis. Fast ein Drittel des Personals im
Männerknast ist weiblich. Das hat den Ton und das Klima verändert in der Anstalt. Die Männer stehen nicht mehr im Unterhemd auf dem Flur. Und dass er seine »Bremsstreifen« im Klo wegbürsten soll, das lässt sich auch der Hartgesottenste von einer Frau nicht gern sagen. »Anmache« gibt es angeblich kaum.
Nikola Frammes Arbeit beginnt, wenn sie sich den »Tauchergürtel« umbindet. So nennt man das Koppel, an dem das JVA-Equipment hängt – dazu gehört tagsüber, wenn die meisten Zellen offen sind, keine Schusswaffe (»wäre viel zu gefährlich«), dazu gehört kein Schlagstock (»würde nur provozieren«); da hängen nur die vielen großen Schlüssel mit dem Doppelbart; und da hängt vor allem das kleine schwarze Gerät mit dem roten Alarmknopf. Sechsmal wurde im vergangenen Jahr Hauptalarm ausgelöst, Raufereien unter den Gefangenen zumeist. Dann sind binnen drei Minuten ein halbes Dutzend Vollzugsbeamte da; Kampfsportnaturen, die das aber nicht raushängen lassen.
Der Sicherheitsbeamte Ralf Klein erinnert sich, wie er angefangen hat: »Ich stand da wie John Wayne, durfte aber nicht John Wayne sein.« Es habe lange gedauert, bis er wirklich begriffen hatte, dass es im Haftalltag nicht darum geht, Kraft zu demonstrieren, sondern darum, mit den Gefangenen ins Gespräch zu kommen. Die Vollzugsbeamten, die Abteilungsleiterinnen zumal, suchen den richtigen Ton wie mit einer Stimmgabel: freundlich-zugewandt, rustikal-mahnend, aber nie kumpelig. Im Vollzug herrscht zwar ein besonderes Gewaltverhältnis, aber das muss der Staat den Gefangenen gegenüber nicht dadurch demonstrieren, dass er sich selbst gewalttätig aufführt. Vor dreißig Jahren hat Anstaltschef Koop als junger Beamter erlebt, wie eine tobende Frau von den Kollegen an den Haaren in den »Sauerkrautkeller« geschleift, geschlagen und getreten wurde. Demütigung erzeugt Hass; Hass erzeugt Straftaten. Anstalten, die wie ein Brutkasten für Straftaten funktionieren – und die gibt es immer noch –, müssten daher als gemeingefährlich geschlossen werden.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie in der JVA Oldenburg eine liberale und zugleich konsequente Haltung praktiziert wird.
Ich wäre lieber in die Tischlerei gekommen; aber die ist das Revier der Langzeithäftlinge, an den Fräs- und Sägemaschinen stehen ein paar hundert Jahre. Auch nicht schlecht wäre die gehobene Bastel-atmosphäre der Schlosserei gewesen, wo der praktischste Grill hergestellt wird, den ich je gesehen habe. Die Ausbruchfantasien der Gefangenen sind in das »Modell Oldenburg« umgeleitet worden. 800 Vorbestellungen, der Verkaufsschlager der JVA, dank einer wunderbaren Höhenverstellung für das Grillgut.
Anzeige
Aber ich bin zum Löten von kleinen Schaltern eingeteilt, das Soll liegt bei 1200 Stück am Tag, die Endabnahme ist streng, meine Brille hinderlich. Der Vorarbeiter – Räuber? Mörder? Betrüger? – weist mich bedächtig ein. Ich bin kein Meister des Lötkolbens, aber der Nebenmann, gefährliche Körperverletzung, erbarmt sich meiner mit freundlichem Akzent; ich produziere trotzdem nur Ausschuss. Das sei ganz normal, sagt mein Gegenüber, wegen Drogen in U-Haft. Er selbst habe eine gute Woche gebraucht, bis seine Arbeit brauchbar war.
Die Arbeit bringt durchschnittlich elf Euro am Tag – bei sehr sorgfältiger Produktion. Das ist wenig, aber besser als nichts. Drei Siebtel davon, an die 70 Euro pro Monat, dürfen für Einkäufe ausgegeben werden; der Rest dient als Rücklage, zur Schuldentilgung und für die Opferentschädigung. Ich habe das Gefühl, dass ich es auch nach zwei Wochen hier mit meiner Hände Arbeit nur auf 50 Cent täglich bringen würde.
An der Decke über den Arbeitsplätzen lugen, wie fast überall in der Anstalt, Kamera-Augen. Die Sicherheitszentrale passt auf, dass nicht nebenbei Gerätschaften produziert oder geklaut werden, die für eine Geiselnahme taugen. (Soeben hat im bayerischen Straubing ein verurteilter Gefangener die Psychologin in seine Gewalt gebracht: Der Vergewaltiger war irgendwie an ein Messer gekommen.) Geiselnahme – das ist die heimliche, die verdrängte Angst des Personals. Dagegen helfen Zellenkontrollen, Leibesvisitation und der »Sicherheitsblick«, den sich Vollzugsbeamte und Sozialarbeiter angewöhnt haben. Wenn sie jeden Tag mit schlotternden Knien zur Arbeit kämen, könnten sie hier nicht arbeiten. »Ich habe mehr Angst, wenn ich abends mit dem Fahrrad durch Oldenburg nach Hause fahre«, sagt Nikola Framme, eine selbstbewusste junge Frau, studierte Diplomverwaltungswirtin, Vollzugsabteilungsleiterin, Frauenbeauftragte im Gefängnis. Fast ein Drittel des Personals im
Männerknast ist weiblich. Das hat den Ton und das Klima verändert in der Anstalt. Die Männer stehen nicht mehr im Unterhemd auf dem Flur. Und dass er seine »Bremsstreifen« im Klo wegbürsten soll, das lässt sich auch der Hartgesottenste von einer Frau nicht gern sagen. »Anmache« gibt es angeblich kaum.
Nikola Frammes Arbeit beginnt, wenn sie sich den »Tauchergürtel« umbindet. So nennt man das Koppel, an dem das JVA-Equipment hängt – dazu gehört tagsüber, wenn die meisten Zellen offen sind, keine Schusswaffe (»wäre viel zu gefährlich«), dazu gehört kein Schlagstock (»würde nur provozieren«); da hängen nur die vielen großen Schlüssel mit dem Doppelbart; und da hängt vor allem das kleine schwarze Gerät mit dem roten Alarmknopf. Sechsmal wurde im vergangenen Jahr Hauptalarm ausgelöst, Raufereien unter den Gefangenen zumeist. Dann sind binnen drei Minuten ein halbes Dutzend Vollzugsbeamte da; Kampfsportnaturen, die das aber nicht raushängen lassen.
Der Sicherheitsbeamte Ralf Klein erinnert sich, wie er angefangen hat: »Ich stand da wie John Wayne, durfte aber nicht John Wayne sein.« Es habe lange gedauert, bis er wirklich begriffen hatte, dass es im Haftalltag nicht darum geht, Kraft zu demonstrieren, sondern darum, mit den Gefangenen ins Gespräch zu kommen. Die Vollzugsbeamten, die Abteilungsleiterinnen zumal, suchen den richtigen Ton wie mit einer Stimmgabel: freundlich-zugewandt, rustikal-mahnend, aber nie kumpelig. Im Vollzug herrscht zwar ein besonderes Gewaltverhältnis, aber das muss der Staat den Gefangenen gegenüber nicht dadurch demonstrieren, dass er sich selbst gewalttätig aufführt. Vor dreißig Jahren hat Anstaltschef Koop als junger Beamter erlebt, wie eine tobende Frau von den Kollegen an den Haaren in den »Sauerkrautkeller« geschleift, geschlagen und getreten wurde. Demütigung erzeugt Hass; Hass erzeugt Straftaten. Anstalten, die wie ein Brutkasten für Straftaten funktionieren – und die gibt es immer noch –, müssten daher als gemeingefährlich geschlossen werden.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie in der JVA Oldenburg eine liberale und zugleich konsequente Haltung praktiziert wird.
Die Leuchte
Das Modul-Regal
Der Eimer
Der Stapelhocker
20 Jahre
Sagen Sie
Perfekter Plan
CUS



19 Uhr 41
Er war als Promi-Gast in einer der modernsten Gefängnisse Deutschlands, ging freiwillig, und wurde nicht durch die Mangeln der deutschen Justiz gedreht. Er hat nur beiläufig von seinen Emotionen berichtet, der Rest liest sich wie eine Werbebroschüre für „Schöner Wohnen“. Das hat nichts mit der Realität zu tun, In der Menschen auf Verdacht auf unbestimmte Zeit in Gewahrsam genommen werden, in einer 16m² 4-Mann Zelle, ohne warmen Wasser, ohne Fernseher, aber mit 1x wöchentlichem Duschen mit Drogendealern landen, das normale Leben einen abrupten Abbruch nimmt, und die Familie spätestens nach ein paar Monaten Ade sagt. Der Job ist dann schon lange weg, und die Existenz sowieso. Was bleibt, ist die Entschädigung von 10!!! Euro pro Tag, und das Gefühl nicht nur der Willkür der Justiz ausgeliefert zu sein, sondern auch dem sogenannten Rechtssystem nie mehr vertrauen zu können…
13 Uhr 36
Was hat sich Prantl bei diesem Vorhaben gedacht. War es nur das journalistische Interesse, diesen sog. unwirklichen Selbstversuch zu durchlaufen? war es sein Spannertum?
Oder Schuldgefühle ausgelöst durch Zweifel die ihn heute einholen.
Mich würde interessieren Herr Prantl, wie viele male haben Sie als Staatsanwalt abgedrückt und möglicher weise einen Unschuldigen zur Verurteilung gebracht?
Wie viele male mußten Sie Herr Prantl einen Menschen, bei dem alles schief gelaufen ist was schief laufen konnte, zur Verurteilung gebracht, weil einen Flachmann für 2,50 im REWE mitgehen lassen hat?
Und wie viele male haben Sie nichts getan einfach nichts getan, als Staatsanwalt, weil es ein CSU – Promi war, obwohl Jedermann wusste, dass was daran ist?