Anzeige

aus Heft 19/2009 Zukunft des Journalismus 10 Kommentare

B wie Blog

Zehn Gründe, warum Blogs in Deutschland nicht funktionieren.

Von Felix Salmon  Illustration: Christoph Niemann




Diskutieren Sie mit anderen Lesern auf folgenden Internetseiten über diesen Artikel:
- egghat | Kommentare
- Netzeitung | Kommentare
- Spiegel Online | Kommentare
- Stefan Niggemeier | Kommentare
- Stilstand | Kommentare
- Süddeutsche Zeitung | Kommentare
- taz.de | Kommentare


Weitere Meinungen und Kommentare finden Sie am Ende dieses Artikels.
Anzeige
Die zehn Thesen von Felix Salmon:

1. Das Internet ist eine große Gleichheitsmaschine, was dazu führt, dass selbst junge und sogar anonyme Blogger berühmt und wichtig werden können. Respektierte Professoren und einflussreiche Experten dagegen werden in der Blogosphäre oft ignoriert, weil sie nicht sagen, was sie wirklich denken, oder weil das, was sie sagen, einfach zu langweilig und vorhersehbar ist. Deutschland funktioniert genau andersherum: Hier ist man immer noch fixiert auf Status und Hierarchie.

2. In Deutschland zählt Qualifikation mehr als alles andere. Die Leute verbringen Jahrzehnte damit, die verschiedensten Diplome und Zeugnisse und Zertifikate zu sammeln, und wenn sie dann alles beisammenhaben, sorgen sie dafür, dass die Welt das weiß. Wenn man kein Papier hat, auf dem steht, dass man sich zu diesem oder jenem Thema äußern darf, dann darf man seine Meinung auch keinem anderen zumuten. Die Leser sind übrigens nicht viel anders, auch sie wollen zuerst wissen, ob der Schreiber qualifiziert genug ist, bevor sie sich dafür interessieren, was der Schreiber denkt. In der Blogosphäre dagegen ist es völlig egal, ob jemand ein zertifizierter Meinungsträger ist – was zählt, ist allein, ob die Meinungen stichhaltig, originell und klug sind.

3. In Amerika ist es den meisten Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft wichtig, was die Blogosphäre sagt – sogar einem selbstherrlichen Ökonomen wie Larry Summers, dem Chefdenker der Obama-Administration. Er liest Blogs täglich, und zwar nicht nur solche von Technokraten mit einem großen Namen. Er liest auch die Blogs von Leuten, die normalerweise kein Gehör finden würden in der Politik. Er respektiert die Stimme des Volkes, was eine sehr amerikanische Haltung ist und keine besonders deutsche.

4. Um ein guter Blogger zu sein, muss man ganz andere Dinge können als ein großer Ökonom oder Banker. In Deutschland denken die Menschen dauernd an ihre Karriere und kümmern sich eher um die Fähigkeiten und Voraussetzungen, die wichtig sind für ihren Beruf, als um die viel weniger wichtigen Faktoren, die sie zu einem guten Blogger machen würden.

5. Ein Blogger muss sich irren, wenigstens manchmal. Wenn er sich nie irrt, dann ist er nie interessant. In den meisten Ländern ist das eine der großen Schwierigkeiten für die Blogo-sphäre: Die Menschen haben Angst davor, etwas zu schreiben, das sie dumm aussehen lässt. In Deutschland ist diese Angst besonders stark ausgeprägt, weil hier jedes öffentliche Wort genau gewogen wird. Wenn du über etwas schreibst, womit du dich nicht auskennst, wirst du Angst haben, einen wichtigen Aspekt zu übersehen. Wenn du über etwas schreibst, womit du dich gut auskennst, wirst du Angst haben, dass die Leute dich nicht mehr ernst nehmen, wenn du einen Fehler machst.

6. Die Deutschen sind methodisch und systematisch und umfassend in dem, was sie tun. Die Blogger lieben Schnellschüsse, sie machen Dinge ad hoc, es ist schwer, sie festzunageln.

7. Blogger sind die natürlichen Außenseiter, sie sind sogar stolz auf diesen Status und sehen sich gern als die Einzigen, die im Angesicht der Macht die Wahrheit sagen. In Deutschland kommt man nicht besonders weit, wenn man sich zum Außenseiter erklärt, man gewinnt kein Ansehen – und Ansehen ist etwas, wonach fast alle Deutschen streben.

8. In Amerika sind es, gerade im Wirtschaftsbereich, vor allem Professoren, die bloggen – und die lieben nichts mehr, als Ideen auszutauschen und miteinander online zu diskutieren. Deutschland hat eine andere Professorenschaft, andere Universitäten und vor allem kein Blogger-Nest wie die George Mason University in Virginia.

9. Die Deutschen werden nicht arbeiten, wenn sie kein Geld dafür bekommen, und Bloggen wirkt auf sie verdächtig wie Arbeit. In Amerika verdient man mit Bloggen nur indirekt Geld, durch Ruhm und Bekanntheit, die einem der Blog bringt. Da ein deutscher Blog kaum Ruhm oder Bekanntheit bringen wird, gibt es keinen wirklichen Grund zu bloggen.

10. Die Deutschen nehmen ihre Ferien extrem ernst. Der Blogger kennt keine Ferien.


Felix Salmon, 37, ist mit seinem Blog über Wirtschafts- und Finanzthemen vor kurzem von portfolio.com zu Reuters umgezogen (*) und bloggt zudem auf http://www.felixsalmon.com.


Weitere Meinungen und Kommentare:
- DampfLog | Kommentare
- Dialog International | Kommentare
- dieBoersenblogger | Kommentare
- dieSchnipseljagd
- entwickler.com | Kommentare
- Gehirnschluckauf | Kommentare
- JakBlog | Kommentare
- Marienstraße | Kommentare
- Medien Monitor | Kommentare
- NachDenkSeiten
- namics | Kommentare
- Politikblogger
- sehrHner | Kommentare
- Stohl | Kommentare
- Tonwertkorrekturen | Kommentare
- Vorspeisenplatte | Kommentare
- Zahnteufelchen | Kommentare
- zoom | Kommentare


"Zeitungen sind systemrelevant. Sie sind systemrelevanter als die HRE-Bank, als die Deutsche und die Dresdner Bank. Sie sind sehr viel systemrelevanter als Opel und Arcandor."  (Lesen Sie hier den vollständigen Text aus der Süddeutschen Zeitung und diskutieren Sie mit den Lesern von sueddeutsche.de.)

Kommentare

Name:
Kommentar:

  • Michael Kausch (0) Die kulturellen Unterschiede, die Felix Salmon da zwischen Amerika und Deutschland auszumachen glaubt, sind doch schon lange eingeebnet. Sicherlich ist das deutsche Bloggingen gegenüber Blog City zeitlich ein paar Monate hinten dran. Aber das hat eher mit der Entwicklungsgeschichte des Internet zu tun, als mit den vorgeblich hierarchiegläubigen und geldgeilen Deutschen und den populistischen Amerikanern. Ein wenig ausführlicher werden die zehn Thesen auf dem Czyslansky-Blog kritisiert: http://www.czyslansky.net/?p=1199
  • Markus Pflugbeil (0) Klingt alles sehr plausibel, allerdings natürlich auch sehr verallgemeinernd und klischeehaft. Ich bedauere, dass die Redaktion es übersehen hat, mitzuteilen, was Herrn Salmon dazu befähigt, über "die Deutschen" Auskunft zu geben. Ich habe die 10 Gründe übrigens als Anregung mal auf unserem Firmenblog positiv formuliert: http://www.vibrio.eu/blog/?p=687
  • Peter Lentwojt (1) Die "Süddeutsche Zeitung" und ihr Magazin schätze ich sehr und lese sie lieber als irgendein anderes deutsches Presseerzeugnis. Insofern ist mir eine PR-Maßnahme für diese beiden Produkte nicht per se zuwider, und als solche PR-Maßnahme begreife ich das aktuelle Heft. Ich finde es sogar kurzweilig und interessant zu lesen. Nur der Beitrag von Felix Salmon passt mir so gar nicht. Er steckt voller Klischees und Halbwahrheiten. Ich habe mir deshalb erlaubt, ihm auf meinem eigenen Blog zehn Gründe entgegenzusetzen, warum Blogs in Deutschland doch funktionieren:

    http://tonwertkorrekturen.wordpress.com/...
  • Juergen Arndt (0) Bloggen ist quasi eine Art Rückbesinnung zur Urform der Demokratie und in gewissem Sinne eine plebiszitäre Haltung. Dass Deutschland in politischer Hinsicht diese Haltung kaum abwägt, liegt wohl eher an der repräsentativen Demokratie des Landes. Aber wer glaubt, Bloggen sei anhand von einfachen Formeln in Deutschland verpöhnt und ohne relevante Anerkennung, der verkennt, dass nicht Politiker im Land Politik machen, sondern die Vierte Gewalt und ihre Werbeträger. Und der Journalismus heutzutage hätte ohne die Blogger wohl einen bitteren Abstrich einzuheimsen.
  • Thomas Schmidt (0) Schätze, wir unterscheiden in unserer Kultur sehr zwischen Meinung und Berichterstattung und stehen uns dabei selbst mancher täglicher Erkenntnis im Wege. Blogs changieren ständig und oft nicht erkennbar zwischen objektiver Wiedergabe und subjektiver Verlautbarung. Wenn man dafür eine entsprechende Wahrnehmungskompetenz entwickelt hat und damit eine souveräne Haltung in der Rezeption, kann man sehr von regelmäßiger Bloglektüre profitieren.
  • Susanne Modeski (0) Kommt dieser Quatsch jetzt eigentlich überall? Bezahlt dieser Blogger deutsche Zeitungen für diesen Mist? Ich glaube nicht, dass jemand, der 3000 Meilen entfernt sitzt und kein deutsch kann, in der Lage ist, etwas anderes als plumpe Klischees abzusondern. Das einzige, was der Autor vergessen hat, ist Sauerkraut und Lederhosen.
  • Sascha Stoltenow (0) Nun ja Anna, eine PR-Nummer der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft als Beispiel eines guten Ökonomen-Blogs anzuführen ist bestenfalls naiv, oder? Benchmark muss hier doch die Liga Krugman sein.
  • Peter Patti (1) Der Titel ist verwirrend, weil irgendwie im Widerspruch mit den Aussagen im Artikel. Er soll lauten: "warum Blogs in Deutschland so gut funktionieren". Wir haben die Nase gestrichen voll von sogenannten Experten. Die haben Angst, Wahrheiten auszusprechen, um ihren Job nicht zu verlieren. Es leben die Bloggers!
  • Ludger Freese (1) Also mir macht bloggen sehr viel Spaß. Als kleiner Fleischer auf dem Lande habe ich damit auch sehr viel Erfolg. Bekanntschaften, Aufträge, neue Produkte, Treffen, Aktionen und vieles mehr. Auf bloggen möchte ich nicht verzichten - auch nicht mim Urlaub.
    Blog "Essen kommen!" www.blog.fleischerei-freese.de
  • Anna Schreiber (0) Sorry, aber die Gründe von Felix Salmon triefen vor Klischees und sind daher nur wenig aussagekräftig. Der Mann war anscheinend noch nie in Deutschland will aber aus 7000 Kilometer Entfernung die deutschen Blogger charakterisieren.

    1) Es gibt sehr wohl gute Blogs in Deutschland, uns zwar aus allen Bereichen:

    http://www.spreeblick.com/
    http://www.fuenf-filmfreunde.de/
    http://www.oekonomenblog.de/

    2) Letzteres Blog ist ein Beweis dafür, dass auch in Deutschland Professoren bloggen. Vielleicht nicht so viele wie in den USA, aber immerhin.