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aus Heft 21/2009 Gesellschaft/Leben 13 Kommentare

Der Mann fürs Leben

Vor zehn Jahren wurde in Deutschland die Homo-Ehe erlaubt. John und Alfred gehörten zu den Ersten, die "Ja" sagten. Ein Gespräch über die eine, die ganz große Liebe.

Von Julia Rothhaas und Alexandros Stefanidis (Interview)  Fotos: Joachim Baldauf



Seit 48 Jahren sind John Günther und Alfred Kaine zusammen, 1999 durften sie endlich heiraten.
S
Z-Magazin: Herr Kaine, Herr Günther, herzlichen Glückwunsch! Sie feiern in Kürze Ihren zehnten Hochzeitstag.
Beide:
Vielen Dank!

Sie sind seit 48 Jahren ein Paar. Hatten Sie immer den Wunsch zu heiraten?
John Günther: Vom ersten Tag an. Es war unser Traum. Wir haben so lange auf diese offizielle Anerkennung gewartet.Sie gehörten zu den ersten homosexuellen Paaren, die 1999 die sogenannte Hamburger Ehe eingingen.
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Was hat sich mit Ihrer Hochzeit verändert?
Günther:
Ich empfand sie als eine Art Wiedergutmachung für all das, worunter wir jahrzehntelang gelitten haben.

Was war das Schlimmste?
Alfred Kaine:
Die ständige Demütigung.
Günther: Für viele Menschen sind Alfred und ich in erster Linie das homosexuelle alte Paar. Ich wäre so froh, wenn stattdessen jemand über mich mal denken würde: "Hat der aber eine komische Brille."

Wie war Ihre Hochzeit?
Günther:
Wir haben am 8. Oktober 1999 in einem kleinen Kreis im Standesamt Eimsbüttel geheiratet. Und ein zweites Mal im Herbst 2001 – als die rot-grüne Regierung die Homo-Ehe auf Bundesebene einführte und die Hamburger Ehe damit überflüssig wurde.

Fühlen Sie sich damit hetero-sexuellen Paaren gleichgestellt?
Günther: Jedenfalls mehr als zuvor.Kaine: Ich lag 1972 im Krankenhaus. Die Ärzte haben sich schlichtweg geweigert, John zu erzählen, wie es mir geht. Ich musste die Ärzte erst von der Schweigepflicht befreien. Als ich dann 2007 am Herzen operiert wurde, akzeptierte man uns von Anfang an als Paar, John war bei allen Untersuchungen und Gesprächen dabei. Dafür quäle ich mich jetzt im Alter mit der Frage: Was passiert mit meinem geliebten Partner nach meinem Tod? Bei meinem ehemaligen Arbeitgeber gilt die Klausel, dass Witwer nur die Hinterbliebenenrente bekommen, wenn das Paar bereits fünf Jahre vor der Pensionierung verheiratet war. Ich bin 1993 in Rente gegangen, wir durften aber erst 1999 heiraten. Ich kämpfe täglich dafür, dass wir trotzdem noch den Anspruch darauf erhalten.

Erinnern Sie sich, wann Sie sich das erste Mal auf der Straße geküsst oder irgendwo eng umschlungen getanzt haben?
Kaine:
Das war auf Mykonos, Anfang der Siebzigerjahre.
Günther: Aber Alfred, das war damals eine Ausnahmesituation auf dieser Insel. Erst Ende der Neunzigerjahre haben wir uns am Hamburger Hauptbahnhof einen Abschiedskuss gegeben.

Wie haben Sie sich eigentlich kennengelernt?
Günther:
Ich komme aus Stuttgart und war mit zwei Männern befreundet, die in einer offenen homosexuellen Beziehung lebten – das war für 1961 sehr ungewöhnlich. Alfred war bei ihnen zu Besuch, und ich sah ihn auf dem Balkon stehen. Die Sonne blendete mich, ich erkannte nur den Umriss eines Mannes, aber ich wusste sofort: Das ist der Mensch, mit dem ich alt werden will.

Also war es Liebe auf den ersten Blick?
Günther:
Ja. Als er gehen wollte, nahm ich all meinen Mut zusammen und fragte: "Ich suche so sehr einen Freund. Könnte ich Sie wiedersehen?"
Kaine: Und ich dachte nur: Was für eine provinzielle Person! Er trug Knickerbockers und humpelte an einem Stock, weil er seinen Fuß gebrochen hatte. Aber ich musste dauernd an ihn denken. Also habe ich ihn angerufen. Nur wenige Tage später wussten wir, dass wir für immer zusammenbleiben wollen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie die Familien der beiden mit der Homosexualität umgegangen sind.

Kommentare

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Kommentar:

  • Thomas Michel (0) Nun habe ich mich noch hier registriert, um zu kommentieren... der Artikel ist es definitiv wert, auch wenn er nun schon älter ist und der Angesprochene vermutlich nicht mehr antworten wird.
    Ich hatte, lange bevor ich diesen Artikel gelesen habe, diese beiden Unikate von Menschen rein zufällig persönlich kennengelernt und ich muss sagen, dass es zwei der sympathischsten Menschen sind, die ich je die Ehre hatte treffen

    Ich bin immer wieder verblüfft, wie so eine Beziehung durch so schwere Zeiten funktionieren kann. In meinem jugendlichen Alter kann ich nur hoffen, dass mir Ähnliches beschieden ist, egal ob mit Mann, Frau oder irgendetwas dazwischen.
    Es gibt heute immernoch Probleme mit Intoleranz und Vorurteilen, aber in den meisten Gegenden ist das Leben für Homo- (und andere nonkonforme)sexuelle doch recht normal. Nur zur tatsächlichen Gleichberechtigung fehlt noch ein großer Schritt in den Köpfen, aber auch der kommt bald, wenn die Generation, die gerne das Wort "pervers" benutzt langsam ausstirbt.
    Ich verstehe beim besten Willen nicht, wo das Problem ist... störe ich (oder irgendjemand anders) mich daran, was Herr Ostermann im eigenen Schlafzimmer treibt? Bin ich angewidert wenn sich Mann und Frau öffentlich küssen? Sicher nicht. Da finde ich es obszöner, an jeder Straße halbnackte Frauen (und neuerdings auch Männer) auf Werbeplakaten zu sehen, aber das ist ein anderes Thema und ich akzeptiere es. Die Zeiten ändern sich eben.

    Und "solche Bilder" zu zeigen ist aus meiner Perspektive nun wirklich nichts sehr Großes. Ich sehe da einfach zwei Menschen (einer mit komischer Brille), die sich lieben - nicht einmal ein Kuss oder andere Andeutungen körperlicher Liebe, die zarte Gemüter vielleicht anstößig finden könnten.

    Für mich wäre es auch sehr erstrebenswert, solche Artikel nicht lesen zu müssen... aber erst, wenn Homosexualität so alltäglich akzeptiert (nicht nur toleriert) ist, dass man nicht mehr darüber reden und schreiben muss. Wenn ich auf jeder Straße der Welt einen Mann küssen kann und dafür nicht mehr oder weniger Beachtung finde als ein heterosexuelles Paar... möge es nicht mehr lange dauern.

    Es wird geschätzt, dass etwa 10% (wahrscheinlich etwas mehr, weil sich viele noch verstecken) aller Menschen in allen Bevölkerungsgruppen homo- oder bisexuell sind - das ist vermutlich genetisch und nicht zu ändern. Gehen Sie, Herr Ostermann, mal durch die Straßen einer deutschen Großstadt und zählen Sie die Menschen: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10. Ha! Es ist wahrscheinlich, dass mindestens einer nicht ihre Sexualität teilt. Oder schauen sie sich in ihrem Freundeskreis um. Da ist der Prozentsatz sicher nicht so hoch, aber wenn sie 50 nehmen, ist mit großer Wahrscheinlichkeit auch eine/r dabei. Wüssten sie, wer das ist? Wohl kaum. Wäre es ein Problem, das ihre Freundschaft gefährden würde? Ich hoffe nicht.

    Auch wenn Homosexualität endlich allgemein akzeptiert ist, wird Sie niemand zwingen, daran teilzuhaben. Liebe ist Liebe, egal für wen man sie empfindet. Sie können ein glückliches Leben mit ihrer Frau führen und eine Familie gründen (und ich wünsche ihnen alles Gute dafür) und ich vielleicht mit meinem Mann. Das einzige Argument, dass ich noch verstehen würde, wäre das von der Arterhaltung... aber bei der zunehmenden Überbevölkerung wäre ein bisschen mehr Homosexualität vielleicht garnicht so übel ;-)

    Ich hoffe, ihrer Reaktion, insofern sie diesen Kommentar lesen, ist nicht "Hilfe, ein Perverser! Die Argumentation aus diesem kranken Hirn ist absolut wertlos." Ich freue mich jedenfalls über jede zivilisierte Diskussion.
  • Kyril Davidoff (0) Ich meinte Natürlich politisch unkorrekte Meinungen...
  • Kyril Davidoff (0) Ostermanns Art seine Meinung kund zu tun ist wahrlich kein Beweis von Kultur. Und dennoch verbitte ich mir harsche Kritik, da es in diesem Land unerträglich schwierig geworden ist politisch unkorrekte Kritik zu vertreten. Gute Nacht MeinungsFREIHEIT - ein Dank an Grün und Rot.

    Mit den besten Wüsnchen

    Davidoff
  • Stephan Schmidpeter (1) Ich habe vor drei Jahren meinen Sohn mit 17 Jahren verloren, weil er in der ach so moralischen heterosexuellen Welt mit seinen homosexuellen Gefühlen nicht zurecht kam. Eingebunden in Vereins- und Schulgesellschaft zusammen mit einer unglücklichen ersten Liebe wurde ihm wohl jegliche Lebensperspektive genommen. Ich hätte es als heterosexueller Vater gern gesehen, dass er glücklich und alt wird, so wie es uns die beiden vorleben. Doch solange in unserer Mitte all diese ach so toleranten Doppelmoralapostel leben, Kirche und Staat nichts gegen die breite Diskriminierung unternehmen, solange dürfen sich Schwule leider nicht frei fühlen. Ich wünschte es wäre anders. Zusammen mit Lambda Bayern habe ich einen Schulpreis ins Leben gerufen, der versucht bei den Jugendlichen mehr Verständnis für das schwule Leben zu erreichen. Für alle die hier mitmachen möchten. http://www.schmidpeter-preis.de/ Ich hoffe ich darf hier dafür werben.
  • michaela pintus (0) Hier schreibt die Nichte an alle Welt:
    Ich bin sehr stolz das die beiden meine Onkel sind.
    Es ist bewundernswert, wie sie zusammen leben.
    Ich wünsche allen Homosexuellen, das sie in der Zukunft die gleichen Rechte wie wir Hetero`s bekommen.
  • Vanessa Rehder (0) Da schmilzt man doch dahin, wenn man das liest! Ich habe geheult vor Rührung. Bezaubernd. Danke!

    Herr Ostermann: wenn man keine (emotionale) Ahnung hat, einfach mal die Klappe halten.
  • thomas schloemann (0) ein tolles Interview über menschliches Glück. Sensibel und wunderbar photographiert. Ich wünsche den beiden noch ein langes und glückliches Leben
  • B.-a. Bonauer (1) Schönes Interview! Alles Gute nach Stuttgart. Und vielen Dank an Frau Schneider.
  • Florian Frisch (1) und ich dachte tatsaechlich, als ich das bild sah: der hat ja ne komische brille! haha.
  • Hilde Schneider (0) Lieber Herr Ostermann,
    was genau ist denn das Problem an den Bildern?
    Und über welches Ziel wird da hinausgeschossen?
    Ich wäre da schon deshalb dankbar für eine Antwort, damit ich mit meinem Verhalten nicht arme Heterosexuelle in ihrer heilen Welt behellige, sondern mich schön brav den Normvorgaben der Mehrheit (vielleicht sind es aber ja auch nur Ihre persönlichen?) anpassen kann.

    Ach so, nebenbei bemerkt: schon mal über die Präsenz von Heterosexualität in den Medien nachgedacht?
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