Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München -7°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 21/2009 Gesellschaft/Leben

Der Mann fürs Leben

Seite 3

Julia Rothhaas und Alexandros Stefanidis (Interview)  Fotos: Joachim Baldauf
John Günther, 74, und Alfred Kaine, 81, sind seit dem 4. November 1961 ein Paar. Erst 38 Jahre später konnten sie sich ihren großen Wunsch erfüllen - endlich heiraten.

Sie beide benutzen immer das Wort »homosexuell«, aber nie »schwul«. Warum?
Günther:
Die Bedeutung des Wortes »schwul« hat sich im Laufe der Jahre sicher geändert. Ich empfand es lange als beleidigend. Aber ich bin nun 74 Jahre alt und ab und zu zwinge ich mich, auch mal »schwul« zu sagen.
Anzeige
Klaus Wowereit rief im Juni 2001 auf dem Landesparteitag der SPD: »Ich bin schwul – und das ist auch gut so.« Bedeutet Ihnen dieser Satz etwas?
Kaine:
Wäre ich dort gewesen, hätte ich ununterbrochen »Bravo!« gerufen.
Günther: Am liebsten hätte ich ihn dafür umarmt!

Was halten Sie von Guido Westerwelle, der jahrelang nichts zu seinem Privatleben sagte?
Kaine:
Die FDP hat damals mit der CDU gegen die Homo-Ehe gestimmt. Das sagt, glaube ich, alles.
Günther: Ich empfand sein Verhalten als heuchlerisch. Ich erinnere mich an eine seiner Bundestagsreden, in der er sagte, die FDP wäre gegen die Homo-Ehe, weil ihr die Rechte der Homosexuellen noch nicht weit genug gehen würden. Statt das Angebot anzunehmen, hat er das ganze Gesetz abgelehnt.

Heterosexuelle Paare versprechen sich immer noch Treue, bis dass der Tod sie scheidet. Gilt das Gleiche auch für Sie?
Günther:
Ich finde es unmenschlich, dass sich jemand dazu verpflichten soll, nie wieder mit einem anderen sexuelle Träume erleben zu dürfen. Je mehr diese Dinge in Absprache liberal gehandhabt werden, desto größer die Chance auf ein beständiges Zusammenleben.

Hatten Sie beide jemals Sex außerhalb Ihrer Beziehung?
Günther:
Ja. Ich glaube, ein Punkt, in dem sich homosexuelle von heterosexuellen Ehen erfreulicherweise unterscheiden, ist, dass ein sexuelles Erlebnis außerhalb der Beziehung keine Katastrophe darstellt. So etwas gehört zum Alltag und muss nicht zum Bruch führen.

Haben Sie Regeln untereinander vereinbart?
Kaine:
Jeder von uns hatte immer die Erlaubnis, einen Tanz außerhalb der Reihe zu tanzen. Aber dadurch, dass es nicht verboten war, kam es auch nicht oft vor.
Günther: Mein Neffe hatte einen One-Night-Stand und hat es seiner Frau erzählt. Jetzt droht die Ehe an dieser Lächerlichkeit zu zerbrechen. Ich finde es traurig, dass man wegen so etwas gleich das große Ganze in Frage stellen, ja ruinieren kann.

Wäre diese sexuelle Freiheit etwas, was heterosexuelle Paare von homosexuellen lernen könnten?
Günther:
Ein entschiedenes: Ja! Wenn es eine Botschaft von uns gibt, dann ist es diese.

Hat Aids Ihr Leben verändert?
Günther: Von Aids habe ich das erste Mal in der Zeitung gelesen. Mitte der Achtzigerjahre dachte ich, das wird uns nie betreffen. Wir planten gerade eine Reise nach San Francisco und ein befreundeter Arzt erklärte uns, wie wir uns vor Aids schützen könnten. Er nahm uns jede Lust, aber damit hat er uns wahrscheinlich das Leben gerettet.

Was muss heute noch getan werden, damit Homosexuelle gleichberechtigte Beziehungen führen können?
Kaine:
Ich wünsche mir, dass die Religionen Homosexualität nicht mehr verdammen. Außerdem gibt es noch rechtliche Unterschiede für gleichgeschlechtliche Ehen, zum Beispiel im Steuerrecht oder was die Hinterbliebenenversorgung angeht.
Günther: Aber wissen Sie: Wir haben eine unheimliche Spannweite erlebt: von dem Schockerlebnis mit dem Brockhaus über die immer größer werdende Toleranz bis hin zur eingetragenen Lebenspartnerschaft. Wir können wirklich froh sein.

Homosexuelle Paare können gemeinsam kein Kind adoptieren. Gibt es Momente, in denen Sie bedauern, keine Kinder zu haben?
Günther: Es muss etwas Wunderbares sein, Kinder zu haben. Vielleicht bleibt das die größte Lücke in unserem sonst sehr erfüllten Leben.
Kaine: Ich sage mir immer: Wer ist schon hundertprozentig glücklich? John ist der Mensch, der sich die Mühe gemacht hat, mich zu verstehen. Mit ihm will ich abends zu Bett gehen und neben ihm morgens wieder aufwachen. Bis zum Ende. Ist das nicht schön?
Seite 1 2 3
  • Gesellschaft/Leben

    Wer zuletzt qualmt, qualmt am besten

    Langsamrauchen, das klingt erstmal nicht nach spannendem Sport. Bei den Meisterschaften fieberte unser Autor jedoch unerwartet mit – bis schließlich das »große Sterben« begann.

    Von Frank Lorentz
  • Anzeige
    Gesellschaft/Leben

    MeToo - und nu?

    Es wurde viel debattiert über »MeToo«, die Bewegung gegen Sexismus - doch wie lässt sich die Debatte in Gesellschaft und Alltag übertragen? Unsere Autorin hat den Selbstversuch gewagt und Sexisten mit deren Aussagen konfrontiert.

  • Gesellschaft/Leben

    Das Ufo-Büro der britischen Regierung

    Fast sechzig Jahre lang betrieb das britische Verteidigungsministerium ein Büro, das die vermeintlichen Ufo-Sichtungen von Bürgern prüfte. Die eingeschickten Bilder sind oft irrwitzig – und wurden deutlich zahlreicher, als "Krieg der Sterne" ins Kino kam.

    Von Lara Fritzsche