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aus Heft 21/2009 Gesellschaft/Leben

Fliegender Wechsel

Christine Dohler und Tobias Haberl (Interview)  Fotos: Franziska von Stenglin

Zwei deutsche Soldaten am Flughafen: Der eine bricht auf zum Einsatz nach Afghanistan, der andere kommt gerade von dort zurück. Ein kurzer Moment nur, Zeit für ein paar Worte. Über den Tod, über die Angst und über die Frage: Was haben wir da unten verloren?

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Jörg Rathmann (inks), im Tropenfeldanzug, fliegt gleich nach Afghanistan. Marco Dahnke fährt zurück in die Kaserne nach Lüneburg.

SZ-Magazin: Herr Rathmann, in einer Stunde fliegen Sie nach Afghanistan. Welche Frage wollen Sie an Ihren Kameraden noch loswerden?
Jörg Rathmann: Wie ist die Telefonverbindung nach Deutschland? Wie oft kann ich mit meiner Familie und meinen Freunden sprechen?
Marco Dahnke: Man kann rund um die Uhr E-Mails schreiben, natürlich auch telefonieren. Ich würde dir aber raten, Briefe zu schreiben, dann bekommst du auch welche zurück, und so ein Brief mitten in der Wüste, das ist das Größte.
Rathmann: Wie lange braucht ein Brief nach Deutschland?
Dahnke: Drei bis fünf Tage. Ich habe zwei pro Woche geschrieben. Anrufen würde ich nicht zu oft, vielleicht zweimal die Woche, sonst denkt deine Freundin noch, du willst sie kontrollieren.
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In Afghanistan sind bisher 32 deutsche Soldaten zu Tode gekommen. Mit welchen Gefühlen treten Sie Ihren Auslandseinsatz an, Herr Rathmann? Rathmann: Ich fühle mich unsicher und verspüre einen Riesenrespekt. Alles, was ich weiß, ist: Ich fliege in einer Stunde nach Usbekistan, von dort geht es nach Afghanistan ins Lager nach Masar-i-Scharif, dann weiter nach Faisabad. Aber was erwartet mich dann? Welche Aufträge bekomme ich? Morgen werde ich in einem Land sein, in dem ich noch nie war, von dessen Sprache ich kein Wort verstehe.
Dahnke: Du wirst überrascht sein, wie chaotisch es da zugeht. Die meisten Menschen leben in Lehmhütten, und an die Temperaturen muss man sich auch erst gewöhnen. Ich war im Winter bei minus 28 Grad draußen, im Sommer wird es 50 Grad heiß. Und staubig ist es, unfassbar staubig.

Sehen die Afghanen die deutschen Soldaten als Befreier oder Besatzer?
Dahnke: Die sind unberechenbar und benehmen sich jeden Tag anders. Mal sind sie freundlich, am nächsten Tag ignorieren sie einen. Nur die Kinder sind neugierig und zutraulich. Die wollen alles ganz genau sehen, die Uniformen, die Waffen, die Fahrzeuge.

Aber Kinder können doch auch Selbstmordattentate verüben.
Dahnke: Man muss wachsam sein, aber meistens sind die Kinder dünn und zierlich und haben so wenig an, dass man gut einschätzen kann, ob sie Sprengstoff bei sich tragen.

Und Sie? Haben Sie Angst?

Rathmann: Für viele Männer ist Angst ein Eingeständnis von Schwäche, das halte ich für falsch. Angst ist immer dabei und auch wichtig, weil sie wachsam hält.
Dahnke: Angst schließe ich aus. Wenn ich als Führer Angst zeige, werde ich unsicher, und wenn ich unsicher werde, mache ich Fehler und das kann ich mir im Einsatz nicht erlauben.

Einer Ihrer Kameraden hat in einem Interview gesagt: "Wer keine Angst hat, lügt."
Dahnke: Ich habe wirklich keine Angst, und das hat nichts mit Stärke zu tun. Das ist mein Beruf, den habe ich gewählt, in dem muss ich funktionieren. Ich könnte mir keinen anderen Job vorstellen, bei dem ich so viel erlebe und so viel Verantwortung habe.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie die beiden Soldaten mit dem Dauerstress eines Einsatzes in Afghanistan umgehen.
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