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aus Heft 21/2009 Familie

Schluss jetzt, es reicht!

Rainer Stadler  Foto: André Mühling

Zu lasch, zu streng, zu lieb, zu doof: Noch nie standen Eltern so sehr in der Kritik wie heute. Dabei ist Kindererziehung auch ohne Besserwisserbücher schon kompliziert genug. Ein Aufschrei.

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Nun hat auch unser zehnjähriger Neffe erkannt, dass meine Frau und ich in Sachen Erziehung nichts auf der Pfanne haben: Als er uns kürzlich besuchte, stürmte er mit den Worten »Kinder brauchen Disziplin!« die Treppe hoch und befahl unserem fünfjährigen Sohn, sofort sein Zimmer aufzuräumen. Der hatte friedlich Lego gespielt und rannte nun schluchzend zu uns, seinen Eltern, die ihn zu allem Überfluss noch trösteten. Nur unser Neffe blieb hart, Konsequenz ist das A und O in der Erziehung, das hat er im Fernsehen gelernt. Er darf seit Kurzem Super Nanny schauen.

Unser Neffe ist nicht der Einzige, der uns für lasch und inkonsequent hält. Laut dem Umfrageinstitut Allensbach sagen zwei Drittel der Deutschen, dass wir unseren Kindern »zu wenig Werte und Orientierungen« vermitteln und »keine klaren Regeln und Vorgaben«. Jeder zweite Deutsche weiß, dass unsere »Kinder zu sehr verwöhnt werden«. Was die andere Hälfte sagt, steht so nicht in der Studie, aber ich kann es mir denken: dass Eltern ihre Kinder verwahrlosen lassen und manchmal sogar im Garten verscharren. Die Zeitungen schreiben ja täglich über solche Fälle. Auch in den Buchhandlungen stapeln sich die Zeugnisse unseres Versagens: Bücher, die Die Tyrannei der Liebe – wenn Eltern zu sehr lieben heißen, Eltern brauchen Grenzen, Die Verwöhnungsfalle oder Warum unsere Kinder Tyrannen werden.
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Vor wenigen Jahren hatten wir noch ein Sozialprestige wie
Internet-Unternehmer. Eltern waren die Stars. Claudia Schiffer strahlte mit ihrem wenige Monate alten Sohn Caspar vom Quelle-Katalog und sprach in der Vogue: »Ihr solltet euch unbedingt ein Baby anschaffen.« Ursula von der Leyen wollte für uns Zehntausende neue Krippenplätze bauen. Aber in letzter Zeit ist unser Renommee abgeschmiert wie der Aktienkurs der Hypo Real Estate. Warum?

Hinter der Fundamentalkritik stecken sicher wirtschaftliche Interessen. Trotz aller Incentives – Kinderbonus, Elternzeit, diverse Steuervorteile – dümpelt in Deutschland die Geburtenrate dahin. In wenigen Jahren werden die Unternehmen jeden Jugendlichen einstellen müssen, ob mit oder ohne Qualifikation. Deshalb beobachten die Ökonomen zwangsläufig mit Sorge, wie meine Frau und ich unsere Kinder erziehen.

Zu abwegig, die These? Paula Honkanen-Schoberth, Geschäftsführerin des Kinderschutzbunds, hört neuerdings von Wirtschaftsvertretern Sätze wie: »Jedes Kind ist ein Juwel.« Das ist neu, sagt sie. »Früher waren Kinder und Erziehung in diesen Kreisen kein Thema.« In Amerika, wo manche Wahrheiten unverblümter ausgesprochen werden als bei uns, stürmte ein Buch mit dem Titel A nation of wimps die Bestsellerlisten, auf Deutsch »Ein Volk von Weicheiern«. Wenn die Eltern die Kinder weiter so verhätscheln, warnt der Autor, wird die US-Wirtschaft in den Abgrund stürzen. In Deutschland heißt der oberste Apokalyptiker Michael Winterhoff. In seinem Buch Warum unsere Kinder Tyrannen werden argumentiert er, die mangelhafte Erziehung gefährde »in letzter Konsequenz die Existenz unserer friedlich zusammenlebenden Gesellschaft«. Eltern als Standortrisiko und potenzielle Staatsfeinde – wer bietet mehr?


(Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie die alternde Gesellschaft mit Familien umgeht.)
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