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aus Heft 22/2009 Außenpolitik

Späte Sieger

Seite 4

Georg Diez 

Wang Dan (1989), der Idealist, saß acht Jahre im Gefängnis und wurde dann in die USA abgeschoben. (Foto: Corbis)
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Die Spaltungen und Spannungen der Dissidenten begannen schon auf dem Platz des Himmlischen Friedens und drehten sich fast immer um die Frage, wie weit man die Regierung reizen darf. Chai Ling sagte damals: »Die Studenten fragen andauernd, was tun wir als Nächstes, was können wir erreichen? Ich fühle mich sehr deprimiert, denn wie kann ich ihnen sagen, dass wir im Grunde auf ein Blutbad hoffen, auf den Moment, in dem die Regierung keine andere Wahl mehr hat, als uns einfach abzuschlachten? Nur wenn das Blut in Strömen fließt, werden dem chinesischen Volk die Augen aufgehen, dann wird es sich zusammenschließen.«

Li Lu organisierte die Versorgung von bis zu 200 000 Studenten, 100 000 Dollar am Tag brauchten sie, das Geld kam von einfachen Leuten und aus Hongkong. »Ich wusste, dass wir nicht gewinnen können«, hat er einmal gesagt, »ich lebe heute mit dem Gefühl, dass ich versagt habe, dass meine Fähigkeiten nicht gut genug waren, ich weiß nicht, wie ich damit leben kann, dass so viele für diesen Traum gestorben sind und wir immer noch am Leben sind.«

In dem Aquarium schwimmt nur ein einziger Fisch, aber Wang Dan schaut nicht hin, er schaut mal wieder nach innen. Er spricht stockend, wie am Tag zuvor, bei der Pressekonferenz in Chinatown. Jetzt sitzt er in einem dunklen Hinterzimmer in Queens, es ist die Redaktion der Zeitschrift Beijing Spring, zwei Zimmer, vier Redakteure, eine Tischtennisplatte. Vor ihm auf dem Schreibtisch liegt eine japanische Zeitung, das Foto mit den Dissidenten, die aussehen, als ob sie ertrinken, haben sie auf einer hinteren Seite gebracht, immerhin.

»Den meisten Menschen in China ist die Demokratie egal«, sagt Wang Dan. Wang Dan war gerade ein halbes Jahr in Oxford, als visiting scholar, jetzt lebt er in Los Angeles, »in Harvard habe ich gelitten, so viel Schnee im Winter«, sagt er. Er schüttelt den Kopf, »Ich kann das der jungen Generation nicht vorwerfen«, sagt er, »aber es macht mich schon traurig.«

Beijing Coma
heißt ein Roman, der im Herbst auch auf Deutsch erscheint, Ma Jian heißt der Autor, der die aufregenden Tage von 1989 beschreibt und die gesellschaftliche Amnesie von heute. Das Koma, das Vergessen hat auch die Politik ergriffen. »Hillary Clinton«, sagt Wang Dan und ist zum ersten Mal richtig sauer, »fährt für Barack Obama nach China und stellt sich hin und sagt, das Thema Menschenrechte, das habe ich doch schon vor vielen Jahren angesprochen, das reicht dann wohl.«

Als Wang Dan sich neulich von einem chinesischen Studenten einen Schirm ausleihen wollte, sagte der, du bist doch Wang Dan, dir leihe ich meinen Schirm nicht. Er dreht eine Büroklammer in der Hand hin und her. »In den nächsten fünf Jahren wird es zu neuen Protesten kommen«, sagt er, »aus der Geschichte habe ich gelernt, optimistisch zu sein.« Fühlt er sich fair behandelt? Er schweigt lange. Dann sagt er: »Ich bin glücklicher als zum Beispiel Shen Tong, weil ich kein Talent und auch kein Interesse habe, in die Wirtschaft zu gehen.«

Shen Tong erzählt von dem Bild, dem berühmten Bild von dem einen Mann, der sich einer ganzen Panzerkolonne entgegenstellt. Es ist nicht klar, sagt er, ob der Mann überlebt hat. Klar ist aber, dass der Name erfunden war, den ihm westliche Zeitungen gegeben haben. Heute weiß nur jeder zwanzigste junge Chinese überhaupt, was dieses Bild bedeutet, wovon es erzählt.

»Der Wandel im Land muss von innen kommen«, sagt Shen Tong. Zwei kleine Kinder hat er. Sie laufen durch die große Wohnung am Broadway, das Mädchen versteckt sich hinter einer Säule. »15 Jahre«, sagt er, »15 Jahre hatte ich jede Nacht Albträume. Grausame Albträume. Entweder wurde ich ermordet oder Freunde von mir, immer in Zeitlupe, Messer, Gewehre, das Blut spritzte nur so.« Dann wurde seine Tochter Yanyan geboren, und die Albträume hörten auf.
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