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aus Heft 24/2009 Das Prinzip 2 Kommentare

Festnetz

Das Telefon mit Wählscheibe repräsentierte früher für die gängige Kommunikationstechnik, heute steht es für Privatsphäre und ausgewählte Gesprächspartner.

Von Andreas Bernard 



Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang befremdet, fast ein wenig empört. »Woher hast du denn meine Festnetznummer?«, fragte der frühere Arbeitskollege, der seit einigen Monaten in einer anderen Stadt wohnte. Das Gespräch in den eigenen vier Wänden empfand er als Übertretung, als ungehörigen Einbruch in die Privatsphäre, obwohl er sich mit dem Anrufer gut verstand und sie immer noch regelmäßig über Handy oder Büroapparat telefonierten. Und auch als er sich wieder an den Moment erinnerte, in dem er seine neue Festnetznummer herausgegeben hatte, war ihm das Unbehagen weiterhin anzumerken. »Komisch, ich war mir sicher, dass diese Nummer nur meine Eltern und meine Freundin haben. Ich bin fast erschrocken im ersten Moment.« So routiniert er seit vielen Jahren mit seinem Mobiltelefon umging (er war einer der Ersten gewesen, die das Gerät nur noch im Vibrationsmodus benutzten, sodass er oft mitten in einer Unterhaltung im Café oder auf dem Büroflur einen Anruf entgegennahm, ohne dass es sein Gegenüber bemerkte, und noch weiterredete, während er schon das Handy am Ohr hatte), so wichtig ihm also die ständige Gesprächsbereitschaft am Mobiltelefon war, so zurückhaltend, fast scheu reagierte er jetzt auf diesen Anruf zu Hause.

Noch lange nach der Etablierung des Handys galt das Festnetz als der eigentliche, für alle verfügbare Anschluss, eingetragen im öffentlichen Telefonbuch. Das Handy dagegen wurde von den meisten weiterhin als zweite Nummer wahrgenommen, als exklusiver Überschuss an Kommunikationsfähigkeit. Erst in jüngster Zeit hat sich vor allem unter jenen, die auf ihre Zeitgenossenschaft achten, eine ganz andere Hierarchie ergeben. Dank Pauschaltarifen und optimiertem Empfang ist das Handy zum Universalanschluss geworden, unterwegs und in der eigenen Wohnung. Das alte Festnetz dagegen wird mehr und mehr zum privaten Refugium. Das erklärt auch, warum so viele Menschen inzwischen ihren Anrufbeantworter abgeschafft haben. Der Apparat wirkt überflüssig, altbacken, denn es geht zu Hause ja gerade nicht mehr darum, so gut wie möglich erreichbar zu sein. Entlang der Kupferdrähte des Festnetzes verläuft heute vielmehr die Manufaktum-Linie der Telekommunikation: eine altehrwürdige, hochwertige Leitung, die nur noch für ausgesuchte Gesprächspartner vorgesehen ist.
 
Die neue soziale Bedeutung des Festnetzes stimmt mit seiner ökonomischen Bedeutung überein. Denn das ehemalige Grundgeschäft hat sich auch in den Berechnungen der Telefonkonzerne zum Exklusivprodukt gewandelt. Prepaid-Cards und Super-Flatrates sorgen heute dafür, dass jeder zehnte deutsche Haushalt nur noch mobil telefoniert. Wobei die Treue zum Festnetz mit dem Wohlstand steigt: In der untersten Einkommensklasse verzichtet sogar ein Viertel aller Kunden auf den Anschluss in der Wohnung. Das Festnetz muss man sich inzwischen leisten – und wer das tut, hat ohnehin nicht in erster Linie den Telefon-, sondern den damit einhergehenden Internet-Zugang im Blick. Wenn die Deutsche Telekom kürzlich vermeldete, dass sie die Festnetzanschlüsse in den kommenden Jahren flächendeckend modernisieren wolle, dann geschieht das vor allem aus der Sorge um den Breitband-Internet-Markt heraus.
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Das »Festnetz«: Vor einem guten Jahrzehnt, als diese Technik für die allermeisten noch die einzig denkbare Möglichkeit des Telefonierens war, gab es die Bezeichnung noch gar nicht. Dann hörte man von den Pionieren des Mobiltelefons im Bekanntenkreis zum ersten Mal Sätze wie: »Ich bin zu Hause, du kannst mich auch auf dem Festnetz anrufen.« Wort und Sache stehen seitdem in paradoxem Verhältnis zueinander: Der Begriff etablierte sich im Sprachgebrauch in dem Maße, in dem die Kommunikationstechnik an Bedeutung verlor. Nun scheint sich der Telefonanschluss zu Hause mehr und mehr zu einem Luxusaccessoire zu entwickeln. Früher bekamen Prominente oder Opfer von Belästigungen eine Geheimnummer zugewiesen, die nur an wenige Vertraute übermittelt wurde und nicht im Telefonbuch auftauchte. Bald wird jede Festnetznummer eine Geheimnummer sein.

Foto: dpa

Kommentare

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  • Stefan Burgschütz (0) Der Autor vergißt, dass Leute, die nur eine Handynummer vergeben, eigentlich garnicht angerufen werden wollen. Ein Anruf vom Festnetz im Handynetz ist noch immer weitaus teurer als ein Anruf im Festnetz. Und ein Anruf in Handynetzen untereinander ist ebenfalls weitaus teurer als Anrufe im Festnetz untereinander. Dienstleister, entfernte Verwandte und Bekannte usw. bekommen ohnehin nur meine Festnetznummer. Ich habe keine Lust, im Ausland Roaminggebühren zu zahlen, nur weil eine Werkstatt fragt, wie der Service war oder mich irgendwer nach Jahren mal wieder anruft.

    Nicht nur bei einer Familie ist das Festnetz eine kostengünstige Alternative zum Handy. Klar, man kann eine Flatrate für alle Handynetze nehmen, aber ist das der Sinn? Dazu kommt, dass die sogenannten Sonderrufnummern wie 0180-x, um die man nicht immer drumherum kommt, von den Mobilfunkbetreiber als Goldesel verstanden werden und Tarife weit über den Festnetztarifen haben.

    Festnetzanschlüsse mit Flatrate für Festnetz und Internet gibt es ab ca. 30 Euro im Monat.

    Da ist mir auch egal, was TK-Anbieter und die Branche allgemein predigt.
  • Wolfgang Wetzer (0) Kann ich nur teilweise zustimmen, auch derzeit bleibt das Festnetz die preisgünstigste Art und Weise als Familie telefonieren zu können, weshalb das Phänomen kein Festnetzanschluss wohl auch überwiegend bei Bürgern ohne Kinder auftritt.

    Die Kosten mehrer Mobiltelefone mit Flatrate in alle Netze ist deutlich teurer und letztlich sind Anrufe in die Mobilfunknetze immer noch recht teuer, weshalb es den Telekommunikationsanbietern sicher sehr recht ist, wenn einer kein Festnetzanschluss hat.