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aus Heft 15/2005 Gesellschaft/Leben

Der Tag, an dem Papa auszog

Seite 3

Nina Poelchau 
Während die Mutter mit Lea spielt und Leo den Umzugshelfern den Weg versperrt, kniet die zwölfjährige Judith in ihrem Zimmer auf dem Teppich. Sie hat ihren Hamster aus dem Käfig geholt, lässt ihn von einer Hand auf die andere laufen, immer abwechselnd. Uwe hört sie, als er aufs Klo geht, leise schluchzen: »Ich will, dass mein Papa bei uns bleibt. Ich will nicht, dass mein Papa weggeht.« Uwe bleibt kurz stehen. Er fühlt sich elend. Aber er macht die Tür nicht auf. Fürchtet, dass Judith sich schämt, wenn sie beim Selbstgespräch ertappt wird. Er ärgert sich über Evi. Okay, Jürgen ist erwachsen. Er wird das packen. Aber die Kinder? Im Vorbeigehen ruft er Evi so neutral wie möglich zu: »Vielleicht solltest du mal nach deiner großen Tochter schauen.« 11 Uhr. Es hat gar nicht so lange gedauert. Alles ist verladen. Viel nimmt Jürgen ja gar nicht mit. Das meiste stammt aus Studentenzeiten: Bett, Schreibtisch, Stuhl. Das Bücherregal, die Stehlampe, die Stereoanlage. Der Schrank, der Teppich, das Schuhregal, das Fahrrad, der Wäschetrockner. Und natürlich die ganzen Kleider und Schuhe und seine Bücher, die seit Tagen in Kisten in seinem Arbeitszimmer und im Flur herumstanden. Bernd und Uwe lassen sich einen Espresso aus der Kaffeemaschine in der Küche. Von der Fröhlichkeit vom Frühstück ist nichts mehr übrig. Sie verabschieden sich von Evi, Küsschen, Küsschen, das schon, wie immer, dann nichts wie raus aus diesem Haus, in das das Unglück eingezogen ist. Sie warten draußen, während Jürgen sich verabschiedet, quetschen sich unter dem Vordach zusammen, um nicht nass zu werden. Bernd, der Trauzeuge, raucht. »Man fühlt sich wie ein Bestattungsunternehmer«, dieses Bild findet er passend: »Man fährt davon, nimmt einen mit – und lässt lauter traurige Leute zurück.« Uwe zündet sich auch eine an, obwohl er nur noch raucht, wenn es wirklich unvermeidbar ist. Er nimmt sich in diesem Moment vor, seine Abneigung gegenüber Evi zu ignorieren und regelmäßig nach den Kindern zu schauen. Judith liegt auf dem Bett, als ihr Papa sich verabschieden will. Er kommt zu ihr ins Zimmer. Dreht sie vorsichtig zu sich hin, streichelt ihr die Haare aus dem Gesicht. Sie klammert sich an ihm fest. »Kommst du zu meiner Ballettvorführung?«, flüstert sie. »Ich hoffe es«, sagt Jürgen, »ich weiß es noch nicht genau.« Judith flüstert weiter: »Papa, wenn du eine große Wohnung hast, dann zieh ich zu dir…« Ihr Bruder steht im Badezimmer, von dort hat er den besten Blick auf die Straße. Jürgen schlägt ihm vor, mit nach Konstanz zu fahren. Sie beide. Wie zwei echte Fernfahrer! Bernd und Uwe würden das Auto nehmen und Leo später mit dem Möbelwagen wieder zurück nach Meersburg bringen. Der Junge schüttelt den Kopf. Er sieht erschöpft aus. Jürgen sagt so locker wie möglich: »Also, bis Samstag dann, da kommt ihr zu mir. Bis dahin habe ich an der Wand lauter Fotos von euch aufgehängt.« Er ärgert sich, dass er nicht daran gedacht hat, ein Geschenk zum Abschied für die Kinder vorzubereiten. Dass er nichts hat, was er Leo jetzt zum Trost geben kann. Lea schläft. Er küsst sie. Das süße, warme Gesicht. Lea wird nie erleben, was eine heile Familie bedeutet, denkt er. Kämpft mit Tränen. Spürt die Hoffnung, dass er wieder zurückkommen wird. Die Hoffnung, dass alles wieder wird wie früher. Das wird es nicht werden. So wenig wie bei den meisten Paaren, die sich einmal – fast immer hat mindestens einer da bereits einen langen Abschiedsprozess hinter sich – entschließen, auseinander zu gehen. Als er am Steuer sitzt, sieht Jürgen Judith und Leo in der Haustür stehen. Sie kommen ihm so zerbrechlich vor. Jürgen hupt. Alle winken. Judith wird später in ihr Tagebuch schreiben: »Wenn dein Papa geht, dann kannst du nicht mehr denken. Nur heulen.« 19 Uhr: Evi hat die Böden geschrubbt und da, wo der Schrank und die Regale standen, Geschenkpapierbögen an die Wand geklebt. Lea hat auf die großen, gelben Rosen an der Wand gezeigt und gelacht. Sie haben den Zopf gegessen, den Jürgen am Morgen vom Bäcker mitbrachte, extra dick mit Butter und Nutella bestrichen. Evi fühlt sich mies. Sie ist einen verrückten Augenblick lang versucht, Jürgen auf seinem Handy anzurufen – würde ihn so gern sagen hören: »Du trägst nicht allein die Verantwortung. Keine Angst, egal was passiert, ich bin immer für euch da.« Sie ruft ihn nicht an. Judith sitzt in Papas Zimmer, ein leerer Raum jetzt, mit Geschenkpapier an den Wänden. Sie hört, wie das Telefon klingelt – hofft: »Der Papa…« Dann hört sie ihre Mutter telefonieren. Ihre Stimme ist weich und zärtlich, plötzlich: »Oh, das ist lieb…« und »…mit großem Garten? Das wäre schön…« Als Evi wieder ins Wohnzimmer kommt, ist sie guter Laune. Schiebt La Traviata in den Ghettoblaster, der da steht, wo am Morgen noch Jürgens Stereoanlage thronte. Sempre Libera. Für immer frei! Sie dreht laut auf. Singt mit. Judith rennt aus dem Zimmer, donnert die Tür zu, wirft sich in ihrem Zimmer aufs Bett. Sie sehnt sich nach ihrem Papa. Sie hasst ihre Mutter. Zum Glück gibt es Leo, ihren Bruder, der neulich mit wildem Blick sagte: »Den Neuen, den töt ich.« Sie fühlt sich so ohnmächtig. Das ist das Schlimmste.
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