Deutschland | Heft 25/2009

Leben wir in einem ungerechten Land?

Steuersünder stecken Millionen ein, der Staat zahlt Milliarden für die Rettung kaputter Konzerne. Gleichzeitig müssen Kindergärtnerinnen um ihren Lohn kämpfen, eine Kassiererin verliert wegen 1,30 Euro ihren Job. Die Zustände sind untragbar - oder machen wir es uns mit diesem Urteil zu leicht? Wie steht es wirklich um die Gerechtigkeit? Eine Reportage aus Deutschland.

Von Bastian Obermayer (Text) und Robert Lebeck (Fotos) 


1. Zwanzig Millionen gegen 1,30 Euro
Deutschland im Sommer 2009

Herr Tuchlenski von Kaiser’s kämpft auf der Seite der Ungerechten, ob ihm das passt oder nicht, er kämpft auf der Seite derer, die alles dürfen, besitzen und sich das im Zweifel auch einfach herausnehmen. Herr Tuchlenski, Vorname Tobias, 47, Hornbrille, kantiges Kinn, ist Berlin-Chef von Kaiser’s und verantwortlich für die fristlose Entlassung von Barbara E., jener Kassiererin, die unberechtigt Pfandbons für sich eingelöst haben soll. Pfandbons im Wert von 1,30 Euro. Inzwischen saß Barbara E. bei Kerner, ihr Fall wurde bei Anne Will diskutiert, ihre Geschichte stand wochenlang in der Bild-Zeitung, und ganz Deutschland fragte sich, wie gnadenlos man sein kann. Jemanden wegen 1,30 Euro zu entlassen, eine dreifache Mutter, nach 30 Jahren in derselben Filiale.
Man fragte sich das auch deshalb, weil zur gleichen Zeit Klaus Zumwinkel, Ex-Chef der Post, für die Hinterziehung von 970 000 Euro Steuern mit Bewährung davonkam und sich mit 20 Millionen Euro Vorausrente in seine Burg am Gardasee zurückziehen konnte. Barbara E. wurde zum Gesicht eines ungerechten Landes, das alle Verhältnismäßigkeit verloren zu haben schien. An ihr kommt nicht vorbei, wer 2009 über Gerechtigkeit schreibt, der Fall steht am Anfang einer fast 3000 Kilometer langen Fahrt durch die Republik, von Berlin nach Bochum, von Ludwigshafen nach Stadtroda, von Essen nach Hamburg, auf der Suche nach einem großen Ideal: Gerechtigkeit.

BILDERGALERIE

Ein Sonntagnachmittag am Capital Beach, dem Hauptstadtstrand zwischen Hauptbahnhof und Kanzleramt. Die Kellnerin trägt Gelb.

»Für uns ist die Sache natürlich ein Desaster«, sagt Herr Tuchlenski von Kaiser’s in seinem Büro in Berlin-Mariendorf, »aber eines, das wir im Grunde nicht verhindern konnten. Auch wenn ich sehe, dass diese Angelegenheit einen schlechten Eindruck macht.« Firmenpolitik sei nun mal, dass man sich von unehrlichen Mitarbeitern trenne, egal ob es sich um 500 Euro oder fünf Euro handle. Oder um 1,30 Euro. »Wir können keine Frau an der Kasse lassen, von der wir sicher sind, dass sie uns hintergeht. Und wir müssen Unehrlichkeit immer gleich behandeln, alles andere wäre doch ungerecht!«

Mit der öffentlichen Aufregung hat niemand hier im Kaiser’s-Flachbau gerechnet und noch weniger damit, bei Anne Will auf eine Stufe mit Aldi und Lidl gestellt zu werden. »Das war nicht fair«, sagt Tuchlenski, »wir zahlen nach Tarif, wir behandeln unsere Angestellten gut und wir haben Betriebsräte. Die in
der Sache Barbara E. übrigens auf unserer Seite stehen.« Zweimal hat Kaiser’s inzwischen vor Gericht Recht bekommen, mit der Folge, dass die Empörungswelle erst so richtig anrollte: Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse sprach von einem »barbarischen Urteil von asozialer Qualität« und die Demonstrationen vor und in den Berliner Kaiser’s-Filialen wurden zahlreicher.

Mit hoch erhobenem Kopf, den sie nicht einziehen wird, stolz, weil sie nicht weicht, eine Spur zu trotzig vielleicht, so steht Barbara E., genannt Emmely, an einer Straßenecke in Berlin-Kreuzberg. Gegenüber ein Kaiser’s-Supermarkt, ein bisschen Provokation muss sein. Den Treffpunkt hat jemand vom Komitee »Solidarität mit Emmely« vorgeschlagen, »die vom Soli-Komitee kommen auch gleich«, sagt Barbara E., 51, ohne sie will sie nicht reden, »die kennen das Juristische besser«. Ein bisschen später sitzt sie mit einem Cappuccino vor einer türkischen Bäckerei und sagt, es gehe ihr den Verhältnissen entsprechend. Die Verhältnisse: Sie hat noch keinen neuen Job, sie bekommt Hartz IV, sie musste umziehen, weil das Geld vom Staat nicht reicht für ihre bisherige Wohnung. Aber sie wirkt nicht geschlagen, nicht einmal niedergeschlagen. Eher kämpferisch, Kinn hoch, Fäuste geballt auf dem Tisch.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wer 2009 nach der Gerechtigkeit sucht, stößt auf klare Fronten.)

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