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aus Heft 27/2009 Kunst

"Ich war in Gedanken immer woanders"

Michaela Haas (Interview) 

Seit fast 60 Jahren zeichnet der Franzose Sempé die Welt, wie sie ihm (und uns) lieber wäre. Ein Gespräch über kleine Weisheiten und große Begegnungen.


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Im Erdgeschoss seines Hauses am Boulevard Montparnasse in Paris ist eine Buchhandlung, wie passend. Ein beeindruckend eleganter Eingang mit einer Spiegelgalerie und in Glas gesetzten Jugendstilblüten. Der Art-déco-Fahrstuhl mit gläsernen Wänden ruckelt knarzend in den siebten Stock. Ein unverkennbares, auf das Türschild gekritzeltes schwarzes »S.« verrät, dass man beim Meister angekommen ist. Überall im lichtdurchfluteten Atelier von Sempé hängen und liegen Zeichnungen, Skizzen, Aquarelle.


SZ-Magazin: Ein wunderschönes Atelier! Mitten in Montparnasse und gleichzeitig über den Dächern. Sind Sie hier glücklich?
Jean-Jacques Sempé:
Im Grunde schon – nur leider sehe ich die Menschen von hier oben nicht. Das fehlt mir. Stört es Sie, wenn ich rauche? (Sempé zündet sich die erste von vielen Selbstgedrehten an. Kein Aschenbecher stört die Ästhetik des Raums. Sempé lässt die Asche achtlos auf den Boden fallen, das Fischgrätenparkett ist zum Glück an dieser Stelle mit einer dicken Auflage geschützt.)
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Hier liegen viele neue Zeichnungen, Sie arbeiten immer noch sehr viel. Was treibt Sie an?
Es bewegt mich einfach, wenn jemand eine Zeichnung von mir möchte. Ich hätte nie geglaubt, dass eines Tages jemand meine Sachen kaufen wird, um sie
bei sich zu Hause zu haben. Das haut mich um, auch nach all den Jahren noch.

Sie haben allein unzählige Titelbilder für den New Yorker und Dutzende von Büchern gezeichnet, die in 30 Sprachen übersetzt sind, Sammler zahlen Tausende von Euros für ein Blatt, und Sie können immer noch nicht glauben, dass man Ihre Zeichnungen liebt?
Ich bin höchstens ein-, zweimal im Jahr mit einer Zeichnung zufrieden. Ich sehe in meinen Bildern immer nur die Mängel. Je älter ich werde, desto mehr empfinde ich meinen Erfolg als Wunder. Überhaupt, das Alter, eine elende Sache.

Bei allem Respekt, Sie kokettieren! Beginnen Sie immer noch jeden Tag vor einem weißen Blatt Papier?
Aber ja! Und dann suche ich.

Suchen Sie auf den Straßen, in den Cafés?
Nein, ich bin kein Beobachter. Ich beobachte nicht mit den Augen.

Sondern?
Ich sehe natürlich, dass es Autos auf den Straßen gibt. Aber Sie finden nie eine lustige Zeichnung im Leben. Man muss sie immer erfinden. Manchmal ist es Folter. Man scheitert, scheitert, scheitert, setzt neu an, neu an, neu an … Die Arbeit macht mir nur selten Spaß. Es ist zum Verzweifeln.

An der Wand hier hängen viele Zeichnungen von berühmten Kollegen – Bosc, Chaval, Saul Steinberg … Ihre Freunde Chaval und Bosc haben sich beide das Leben genommen. Gehören die Melancholie und der tiefgründige Blick auf die Welt zwingend zusammen?

Wenn man Freunde verloren hat, wird man notwendigerweise melancholisch. Man ist melancholisch, weil die Zeit so schnell vergeht, weil die Dinge so kompliziert sind. Man kann gar nicht nicht melancholisch sein, ich kann es mir jedenfalls nicht vorstellen.

Sie zeichnen die Menschen seit mehr als 50 Jahren. Was haben Sie dabei über die Menschen gelernt?
Nicht beim Zeichnen lerne ich über die Menschen, sondern indem ich sie anschaue, wenn sie auf der Straße an mir vorbeigehen, oder indem ich über das Leben nachdenke.

Sie beobachten also doch.

Ich spüre die Atmosphäre und stelle mir Szenen vor. Mensch zu sein braucht enorm viel Tapferkeit. Es ist schwer. Auf der Straße sieht man Menschen, die griesgrämig schauen, ein Mann in einer zu engen Jacke, vielleicht
Mitarbeiter einer Versicherung, es ist heiß, er wirkt müde, aber er muss immer weitergehen, immer weiter. So etwas berührt mich sehr.


(Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Der kleine Nick ist das Ergebnis eines Traums".)
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