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aus Heft 29/2009 Gesellschaft/Leben 1 Kommentar

Der lange Abschied vom Licht

Charlotte hat einen sehr guten Job. Und sie ist hervorragend in dem, was sie tut, bald soll sie befördert werden. Aber Charlotte hat ein Geheimnis, das sie eisern vor ihren Kollegen verbirgt: Sie ist fast blind - und Tag für Tag werden ihre Augen schlechter

Von Nina Poelchau 



Seit sie mit einem Auge nur noch zwei Prozent sieht und mit dem anderen 17 Prozent, hat sie den IQ von Bill Gates, denkt Charlotte manchmal, so gerissen manövriert sie sich durchs Leben. Sie sitzt in ihrer Mittagspause in einem Café an der Hamburger Innenalster, dunkelblaues Kostüm, Perlen an den Ohren, eine Brille trägt sie nicht, denn eine Brille nützt nichts bei ihrer vernarbten und geschädigten Netzhaut. Charlotte fällt auf.

Die Männer an den Nebentischen bleiben mit ihren Blicken lange an ihrem Gesicht hängen. Sie ist umgeben von einer merkwürdigen Nicht-von-dieser-Welt-Aura; das liegt an den Augen, die glänzen wie die von Liv Tyler in Herr der Ringe. Sie wirkt zehn Jahre jünger, als sie ist: 29, die dunklen Haare hat sie zum Pferdeschwanz zusammengebunden, ihr Ausdruck: verschlossen. Der Mund: trotzig. Sie war doch ma ein fröhlicher Mensch, sagt sie schwach. Ein Mädchen, das durchs Leben hüpfte und immer gern alles verschenkte, daran erinnert sich ihre Mutter.
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Heute empfindet sie Neid, fast Hass auf die Menschen um sie herum, weil sie das Normalste der Welt können: sehen. Sie will nicht blind sein, sich keine Selbsthilfegruppe suchen, schon gar nicht sich mit ihrem Schicksal versöhnen, sie zieht sich zurück. Sie möchte am liebsten nicht über ihr Problem sprechen, nicht mit ihrer Mutter, nicht mit den Geschwistern, den Freunden – und auch jetzt nicht. Viel lieber redet sie darüber, wie Menschen miteinander wohnen sollten.

Da beginnt ihr Gesicht zu leuchten, ihre Stimme wird leicht und hell: in Häusern, die leben! Die nicht starr und steif in der Gegend stehen! Dann spricht sie doch über das Schreckliche in ihrem Leben, das ihr alles kaputt schlägt. Leise, wütend. Raten, ahnen, immer die Angst, aufzufliegen. Um in ihrer Firma mithalten zu können, arbeitet Charlotte extrem effizient. Statt jede Seite zu lesen, studiert sie in den Unterlagen das Inhaltsverzeichnis und sortiert radikal aus, was sie nicht braucht. Auf dem Bildschirm stellt sie die Schriftgröße auf 250
Prozent – solange niemand zusieht.

Auf der Macula in ihren Augen, den Sehzentren, sind nur noch winzige Punkte übrig, mit denen sie scharf sehen kann. Ohne Lupe muss sie die auf Papier gedruckten Buchstaben dicht vors Auge halten, um sie lesen zu können. Konzepte entwickelt sie im Kopf, Vorträge hält sie ohne
Papier. Das war schon in der Schule Charlottes Vorteil: ihr ungewöhnlich gutes Gedächtnis. Vor einer Woche: Monatsmeeting. Bei Charlotte laufen die Fäden für ein 100-Millionen-Bauvorhaben zusammen.

Die beiden Chefs aus der Berliner Hauptniederlassung sind gekommen, 15 Leute sitzen im Konferenzraum; ein Dutzend Ordner stehen auf dem Tisch, Charlotte soll die Runde über die Inneneinrichtung informieren, sie soll etwas vorlesen. Sie kann von ihrem Stuhl aus kein Wort auf den Rücken der Ordner entziffern. Die Buchstaben sind groß gedruckt, aber sie springen vor ihren Augen herum wie Kobolde. Sie orientiert sich an den Farben auf den Rücken. Sie weiß: Rosa ist Inneneinrichtung. Sie blättert, schlägt irgendwo auf, kramt in ihrem Kopf ihr Wissen zusammen und fantasiert einen Text, der in etwa passen könnte, sie spricht langsam und druckreif, ohne auch nur ein Wort abzulesen. Ihre Hände zittern. Ihre Stimme ist viel zu laut. Keiner merkt etwas.

Man diskutiert ein bisschen, verabschiedet sich irgendwann gut gelaunt, einer klopft Charlotte auf die Schulter, das Projekt geht voran. Charlotte zieht sich in ihr Büro zurück, ihr Kopf schmerzt. Ein Kollege kommt ihr hinterher, fragt, ob sie irgendwas habe, sie wirke so angestrengt. »Was? Nichts!«, ruft sie. Wenn sie ehrlich wäre, müsste sie sagen: »Ja. Ich habe was. Diabetische Retinopathie. Endstadium. Ich bin fast blind.«

Doch das würde sie nie sagen. Eine Mitarbeiterin in einem Architekturbüro, die blind wird. Ihr Chef würde ihren Vertrag nicht verlängern, da ist sie sich ganz sicher, wenn er wüsste, dass sie bald vielleicht gar nichts mehr sieht. Als der Kollege weg ist, stützt sie die Stirn in die Hände und weint. Sie spürt: Auf keinen Fall kann es so weitergehen. Aber wie sonst? Wenn sie an ein Leben als Blinde denkt, dann donnern ihr diese Begriffe durch den Kopf wie Schwerlaster durch einen Tunnel: Armut, Einsamkeit, Nutzlosigkeit.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Was soll in ihr inneres Fotoalbum? Die Pyramide in Paris von Ieoh Ming Pei? Das Central Television Headquarter in Peking von Rem Kohlhaas? Nein. Unwichtig! Kann man sich alles beschreiben lassen. Aber Menschen!")

Kommentare

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  • Domingos Schmidt (0) Es gibt eine ganz spannende Debatte um die Frage, ob es besser ist, spät zu erblinden oder vollblind geboren zu werden:
    http://www.oliveira-online.net/wordpress...
    Das fatale kann sein, dass die Dame hier durch ihr Verhalten ihren Sehverlust beschleunigt. Streß, Verkrampfung, Überanstrenugng sind kein gutes Verhalten für den eigenen Körper.