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aus Heft 24/2007 Außenpolitik

Der Krieg beginnt hier

Seite 2

Gerald Selch (Text); Mirco Taliercio (Fotos) 

Nirgendwo lernen amerikanische Soldaten den Krieg besser als in Grafenwöhr. 365 Tage im Jahr, 24 Stunden täglich. Für zwei Jahre sind die Soldaten im Regelfall hier stationiert, ihre Familien dürfen mit. In den Krieg zieht der Soldat dann von der Oberpfalz aus allein. Aber darüber wird nicht gesprochen. »Krieg ist tabu, viele kommen aus dem Irak, viele müssen wieder hin«, sagt Gertrud Leiato, die in »ED’s Bar« in Grafenwöhr hinter dem Tresen steht. »Ab und zu hat mal einer Tränen in den Augen, den tröste ich dann«, sagt sie. Aber sie würde nie fragen, warum er weint: »Das regeln die Jungs innerhalb ihrer Einheit.« In einer Ecke des rauchigen Lokals sitzen ein paar Soldaten mit ernsten Mienen unter einem Neuschwanstein-Poster, sie reden leise. »Da gab’s Verluste«, glaubt Gertrud. Die Wände des Lokals sind mit Eindollarscheinen tapeziert. Es sind Glücksbringer der Soldaten, alle beschriftet: Dienstgrad, Name, Einheit.

Wer für Amerika in den Krieg zieht, der soll sich zuvor, hier in Grafenwöhr, wie zu Hause fühlen. Erstmals lässt die US-Armee sogar eine komplette Stadt in Deutschland bauen, Netzaberg heißt das Areal oder, wie die Amerikaner der Einfachheit halber sagen, New Town. Auf Bayerns größter Baustelle entstehen Häuser, Schulen, Kirchen, Kindergärten, Kliniken, Sportplätze und ein Einkaufszentrum – nur kein Friedhof. Wer stirbt, wird ausgeflogen.
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Die idyllisch gruppierten Häuser, die Arkansas, Georgia oder California heißen, sind baby-blau, altrosa oder ockergelb angestrichen. Jeden Tag wird eines schlüsselfertig. Auch innen sind die Häuser von Grund auf amerikanisch: riesige Backöfen, die auch Zehn-Kilo-Truthähne knusprig bräunen, Geschirrspüler, die in 15 Minuten alles blitzsauber waschen. Nach dem Energieverbrauch fragt hier keiner. In den Häusern, in denen die Geräte gerade installiert werden, riecht es wie im Elektrogroßmarkt.

Im September wird das Shoppingcenter eröffnen, mit 20000 Quadratmeter Fläche, das Fleisch kommt per Luftbrücke aus den USA. Das Fitnessstudio mit allein 160 Laufbändern ist eines der größten in Deutschland. Und als erstmals Flutlicht das neue Baseballfeld und das Leichtathletikstadion erhellte, war es in den Wohnzimmern der Grafenwöhrer plötzlich taghell. Aber Sport ist in New Town wichtig, für den Kampf.
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