aus Heft 30/2009 Sprache Noch keine Kommentare
Aus Liebe zum Wort
"Wir feilen stundenlang": der Dichter Michael Lentz und der Rapper Jan Delay über den ständigen Wandel unserer Sprache und die gesellschaftlichen Bedeutungen klarer Sätze.
Von Andreas Bernard, Tobias Haberl (Interview) Dominik Butzmann (Foto)
SZ-Magazin: Der Dichter Durs Grünbein hat einmal gesagt: »Der Dichter fühlt sich gekränkt beim Anblick des Popstars.« Ist es sehr schlimm, Herr Lentz?
Michael Lentz: Also, ich fühle mich überhaupt nicht gekränkt.
Jan Delay: Der Satz ist ja auch Unsinn. Gekränkt kann man sein angesichts eines Werkes oder Textes, aber so, wie Sie ihn zitiert haben, bezieht sich die Kränkung nur auf die Prominenz des Popstars.
Lentz: Den Satz kann man auf zwei Arten verstehen. Erstens: Der Dichter fühlt sich gedemütigt durch die Prominenz des Popstars. Zweitens: Der Dichter ist gekränkt, weil der Popstar das Wahre, Schöne und Gute der Kunst zerstört oder verwässert. Mit so einer elitären Haltung habe ich aber nichts am Hut. Für mich ist die deutsche Sprache ein Speicher, der ständig neu gefüttert werden muss, auch mit Popkultur, alles andere wäre engstirnig.
Wer hat gerade den größeren Einfluss auf die deutsche Sprache: die klassische Literatur oder die Hip-Hop-Kultur?
Lentz: Ganz klar die Popkultur. Die Literatur ist ein viel zu starres Medium. Sie ist zwischen zwei Buchdeckel gepresst, man ist allein, wenn man liest. Die Lesesituation ist asozial, da entsteht wenig gesellschaftliche Kraft. Dafür hat man als Schriftsteller den Vorteil, in einem angenehmen Sinne konservativ sein zu können. Das Schreiben muss nicht sofort umgemünzt werden in ein bestimmtes Verständnis von Gegenwart.
Delay: Was heißt das?
Lentz: Dass einem Dichter zugebilligt wird, dass er nicht auf alles gleich reagieren muss. Nehmen Sie den 11. September oder den Fall Amstetten. Da schreien die Medien nach uns, damit wir Erklärungen abliefern, aber das Schreiben von Literatur ist ein langwierigerer und komplexerer Prozess als das Schreiben eines Songs.
Aber verliert die Literatur dadurch nicht an Relevanz?
Lentz: Nicht unbedingt. Es geht ja auch um Nachhaltigkeit, um das Denken in größeren Zusammenhängen. Und da kommt die Literatur ins Spiel, die oft im Nachhinein zeigen kann, dass die Signatur einer bestimmten Zeit ganz anders war als eigentlich angenommen.
Delay: Das heißt aber auch, dass der direkte Einfluss der Popkultur auf die Gesellschaft viel größer ist. Das Sprachverständnis eines 14-Jährigen hat sich durch die Popkultur doch komplett gewandelt.
Lentz: Ihre Texte kommen bei den jungen Menschen da draußen sicher besser an als meine Anagramme. Aber darauf darf ich keine Rücksicht nehmen, sonst würde ich nach Zielgruppen arbeiten, und das wäre der Tod der Kunst. Es gibt nur ganz wenige, die ihrem Idiom treu bleiben und trotzdem die Massen erreichen. Herbert Grönemeyer wäre ein Beispiel.
Ihre Zielgruppe, Jan Delay, ist eindeutig definiert: junge Menschen. Spüren Sie beim Schreiben Ihrer Liedtexte eine bestimmte Verantwortung?
Delay: Beim Schreiben nicht. Aber so lehrermäßig das jetzt auch klingen mag, ich spüre schon eine Verantwortung, wenn ich zwei Zwölfjährige auf der Straße miteinander sprechen höre, die in einer komplett artikelbefreiten Sprache miteinander reden, nur damit sie klingen wie die coolen Türken in ihrer Straße.
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»Gehen wir McDonald’s …«Delay: Genau. Wenn ich selbst Kinder hätte, würde ich sagen: Zuerst lernt ihr bitte, wie man grammatikalisch richtig schreibt, und wenn ihr das draufhabt, dann könnt ihr reden, wie ihr wollt.
Ganz schön konservativ.
Delay: Die Grundvoraussetzungen müssen eben stimmen. Ich will ja nicht, dass mein Sohn eines Tages zum Vorstellungsgespräch geht und sagt: »Digger, weißte, ich dachte, ich komm hier mal wegen Kohle vorbei und so.«
Lentz: Das Problematische daran ist, dass viele dieser Ausdrücke vollkommen automatisiert gebraucht werden. Da wird schnell jemand als »schwul« bezeichnet, ohne dass der Sprecher weiß, was das eigentlich heißt. Aber Sie sind noch auf ganz andere Art und Weise konservativ: Sie verwenden in Ihren Texten jede Menge sprachlicher Mittel, die es in der Literatur seit Jahrhunderten gibt: Alliterationen zum Beispiel, Anaphern, Assonanzen.
Delay: Mit diesen Fremdwörtern kenne ich mich nicht aus, aber ich ahne, was Sie meinen. Wir Rapper sind auf Sprach- und Wortspiele aus. An guten Zeilen und interessanten Reimen feilen wir stundenlang.
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