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aus Heft 31/2009 Gesellschaft/Leben 4 Kommentare

Der Feind in mir

Millionen von Menschen träumen vom perfekten Körper - und scheitern, trotz Disziplin und Chirugie, ein Leben lang. Die Folge: Sie beginnen, ihren Körper zu hassen. Die Geschichte einer tragischen Entfremdung.

Von Michaela Haas  Fotos: Matthieu Deluc

Sie möchten so einen Körper haben? Vergessen Sie’s. Nahezu jedes Foto in den Zeitschriften ist heute digital bearbeitet; Fotos, auf denen nackte Körper zu sehen sind, sogar ganz sicher
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Andrew ging zur Armee, zeugte sechs Kinder, trainierte, stand und rannte auf seinen Beinen, ohne jemals die Sehnsucht aufzugeben, sie abzuhacken. Schon als Sechsjähriger sah er neidisch den Poliokranken auf ihren Krücken zu, wie sie vermeintlich mehr Liebe und Zuwendung abbekamen. Doch es fand sich kein Chirurg, der ihm seinen Wunsch antun wollte, nur Psychologen, die ihm die Idee auszureden versuchten. Sie halfen ihm nicht.

Kurz nach seinem 50. Geburtstag zwängte Andrew seine Beine in einen Gummistrumpf und packte sie in Trockeneis, bis die Kälte die Blutzufuhr abschnitt. Ein Chirurg sah sich schließlich gezwungen, die abgestorbenen Beine oberhalb der Knie zu amputieren. Erst der beinlose Andrew im Rollstuhl beschrieb sich als »glücklich« und »endlich ganz«. Susie Orbach erzählt Andrews Fall in ihrem neuen Buch Bodies. Ein extremes Beispiel, und doch nicht mehr selten: Tausende diskutieren inzwischen im Internet über die besten Methoden, ihre Arme und Beine loszuwerden. Der Hass auf den eigenen Körper nimmt immer radikalere Formen an.

Man darf die Britin Susie Orbach die wohl berühmteste Psychoanalytikerin in London seit Sigmund Freud nennen; sie war die Bulimie-Therapeutin von Prinzessin Diana, hat eine Professur an der London School of Economics, ist Feministin und Autorin. Unter all jenen, die sich beruflich mit den Problemen befassen, die ein Mensch mit seinem Körper hat, kann sie als Kronzeugin gelten: Seit über dreißig Jahren beobachtet, beschreibt, therapiert sie Menschen, die ein ungesundes Verhältnis zu ihrem Körper haben. Und dieses Verhältnis spitzt sich zu.

1978 wurde Orbach mit ihrem Buch Fat is a Feminist Issue bekannt, auf Deutsch heißt es Anti-Diät-Buch, bis heute ein Standardwerk über Esssucht und auch Magersucht bei Frauen. Eine ihrer Thesen, damals so gültig wie heute: Millionen von Frauen hängen an der Alltagsdroge Essen. So lebt, mitten unter uns, eine Gruppe von völlig unauffälligen Süchtigen. Mit allen Konsequenzen einer Sucht. Jeder Fressorgie folgt unweigerlich eine scheinbar unüberwindbare Verzweiflung, Wut und Hilflosigkeit.

Inzwischen aber machen jene, die unter Esssucht leiden – auch die Magersucht ist ja eine Form der Esssucht – nur einen kleinen Teil jener Patienten aus, die täglich in ihrem Therapiezentrum in einem Londoner Vorort sitzen; Bulimikerinnen und Depressive, Selbstmordgefährdete und Einsame kamen in großer Zahl dazu. Und alle leiden sie daran, dass sie ihren Körper nicht leiden können. Eigentlich wollte Susie Orbach höchstens zwei bis drei Patienten pro Tag behandeln, die eine gestörte Beziehung zu ihrem Körper haben, »aber der Körper ist inzwischen mehr oder weniger das Symptom, an dem fast jeder meiner Patienten sein Leiden festmacht. Das ist neu.«

Der perfekte Körper ist zum Synonym für Glück geworden, die Wahrscheinlichkeit, unglücklich zu werden, liegt somit bei fast hundert Prozent. Die Unfähigkeit, ein selbstverständliches, ein unaufgeregtes Verhältnis zum Essen zu finden, hat sich gesteigert zur Unmöglichkeit, ein normales Verhältnis zum eigenen Körper zu finden. Das gilt für viele Frauen, aber die Männer holen rasant auf. Im Grunde führen wir Krieg gegen unseren Körper, er hat sich vom Freund zum Feind gewandelt. »Körperterror«, nennt Susie Orbach diesen Zustand, »wir erleben eine nie dagewesene Hysterie um den Körper, es gilt als normal, ihn nicht zu mögen. Millionen Menschen schämen sich für ihn, kämpfen täglich gegen ihn, weil er sie verstört und verunsichert. Das ist ein immenses Problem und hat nichts mit Eitelkeit zu tun«.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Ob Nigeria oder Fidschi - der Körperfetischismus der industrialisierten Welt hat den hintersten Winkel dieser Erde erobert.)

Kommentare

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  • Alexander Puslant (0) Ich finde es gut, dass die Fresswellen vorbei sind und sich nur noch wenige junge Dicke durch die Strassen wälzen. Man sagt, es ist der Geist, der sich den Körper baut. Dabei spielt es keine Rolle, ob ein Arm oder Bein fehlt, es kommt darauf an, ob der Mensch einen schönen Gesamteindruck hinterläßt und unsere Zeit hat Schlankheit als Schönheitsideal, nicht so wie in der Barockzeit, als es genau andersherum war. Die Pro Ana Kultur belegt es. Niemand ist gewzungen schick auszusehen, nur darf er/ sie sich dann nicht wundern, wenn der Heiratsmarkt klein ist und im Berufsleben Nachteile lauern. Entweder man geht mit der Zeit oder koppelt sich ab, beides ist in der Postmoderne möglich.
  • Sebastian Wolf (0) Leider fällt die Titelstory von Michaela Haas gegenüber dem üblichen SZ-Magazin-Niveau deutlich ab. Zumindest ich als Leser kann hier keinen objektiv recherchierten Überblicksartikel zu einem gesellschaftlich relevanten Problem erkennen, sondern bloß die Paraphrase einer (populär-)wissenschaftlichen Einzelmeinung. Da lese ich lieber das Buch von Susie Orbach - was übrigens der eigentliche Zweck des Artikels zu sein scheint: Eine Verkaufsförderungsmaßnahme - und schlage dann auch die Quellen der zitierten Studien nach.
    Außerdem erklärt der Artikel die sicherlich tatsächlich grassierende Entfremdung vom eigenen Körper sehr tendenziös allein durch das Diktat des manipulierten Bildes in unserer Mediengesellschaft. Dass das viel grundlegendere Problem der Beziehung zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung, zwischen Anerkennung durch den anderen und Anerkennung durch sich selbst vollkommen ausgeblendet wird, leuchtet nicht ein.
    Insbesondere dass Essstörungen in einen Topf mit dem Body-Integrity-Identity-Disorder-Syndrom geworfen werden, bei dem sich die Patienten Gliedmaßen abtrennen wollen, ist vollkommen daneben gegriffen. Letzteres ist wohl kaum durch die retouchierte Bilder in Massenmedien zu erklären.
  • Herbert Rein (0) Zwei Tendenzen stören mich an dem Artikel:
    Da wird anhand der Patientenschar einer Londoner Psychoanalytikerin zu sehr verallgemeinert: Aussagen wie „Im Grunde führen wir Krieg gegen unseren Körper“ oder „wir erleben eine nie dagewesene Hysterie um den Körper“ oder „nehmen wir uns diese Avatare zu Vorbildern …. eifern ihnen verzweifelt nach“ usw. gelten sicherlich für einen Teil der Gesellschaft, aber nicht für alle, ja wahrscheinlich nicht einmal für eine Mehrheit.
    Wenn – weltweit – Millionen Menschen solches Verhalten an den Tag legen, dann ist das letztlich eine kleine Minderheit und zwar für die einzelnen Schicksale zu bedauern, aber insgesamt unbedeutend. Die Dummen fallen auf solchen Blödsinn eben rein, aber gesamtgesellschaftlich ist das unwichtig.
    Den Schlusssatz „Aber schon beim Lesen dieser Worte regt sich ja Widerstand, oder ?“ kann ich für mich ganz klar mit NEIN beantworten – und es wird viele geben, die das ähnlich sehen.

    Der zweite Punkt ist, dass der Artikel den Eindruck vermittelt, als müsse die Entwicklung zwangsläufig so sein und weitergehen, aber das ist falsch. Es liegt an Eltern, Lehrern und überhaupt an den Erwachsenen, vor allem den Kindern und Jugendlichen gegenüber ein gesundes Verhältnis zum eigenen Körper vorzuleben und zu vermitteln. Und viele Millionen Eltern und deren Kinder, die NICHT zu den Gestörten gehören, beweisen das auch.
  • Domingos Schmidt (0) Das Problem ist doch, dass unattraktive Menschen weniger beruflich und privat erfolgreich sind als Attraktive:
    http://www.oliveira-online.net/wordpress...