bedeckt München 25°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 33/2009 Musik

"Dieses Stück kann unsere Familien bis ans Lebensende ernähren."

Kerstin Greiner (Interview) 

Mit ihrem Hit The Power landete die Popgruppe SNAP! vor 20 Jahren einen Welthit. Was sie damals noch nicht ahnten: Heute ist ihr Stück der Lieblingssong der Werbeindustrie.

Anzeige
Vor 20 Jahren pfiffen die Deutschen einen Hit mit, der die Frankfurter Produzenten Michael Münzing und Luca Anzilotti unter dem
Namen SNAP! auf einen Schlag weltberühmt machte: The Power mit seinem Ohrwurm-Refrain »I’ve got the power«. In Rekordzeit erhielt der Song Platin in Deutschland, USA, England und Australien für Millionen verkaufter Platten.
Für SNAP! bedeutete das den Beginn einer gewaltigen Musikkarriere, zehn weitere Welthits wie Rhythm Is A Dancer oder Oops Up folgten. Nachdem das Stück wieder aus den Charts verschwunden war, begann für The Power eine ganz neue, eine zweite Karriere – und die hält bis heute an: Wohl kaum ein Song auf der Welt wurde häufiger Werbefilmen und Radiospots unterlegt. Heute gilt das Stück in der Werbebranche als David Beckham der Musiktitel: »Damit kannst du alles verkaufen!«, sagen Fachleute.


SZ-Magazin: Herr Münzing, Herr Anzilotti, in wie vielen Werbespots ist The Power zu hören?
Michael Münzing:
Manchmal kommt es mir vor, als gäbe es kaum ein Unternehmen, für das wir noch nicht mit The Power geworben haben. Alles ist dabei: Budweiser, Pampers, Duracell, Toyota, T-Mobile, British Airways, Castrol, Coca-Cola, Kodak, Levi’s, Persil. Bisher haben wir schon etwa 2000-mal die Rechte an unserem Stück vergeben, eingerechnet die Lizenzen für Filme und TV-Shows, bei denen das Stück als Filmmusik läuft: beispielsweise bei Coyote Ugly, Bruce Allmächtig, Three Kings.
Anzeige
Kennen Sie Stücke, die noch öfter in Werbespots zu hören sind?
Luca Anzilotti: Das haben wir uns auch schon oft gefragt, aber leider gibt es darüber keine Zahlen. The Power gehört sicher zu den meistlizenzierten Songs der Welt. Wahrscheinlich sind weltweit höchstens zehn Musikstücke so leistungsfähig. Uns fallen aber kaum vergleichbare Stücke ein – vielleicht noch Louis Armstrongs What A Wonderful World.

Was hat Ihr Stück, was andere nicht haben?
Münzing: Zwei Dinge: zum einen den Refrain – er verleiht jedem Produkt Kraft; zum anderen kennt man es seit Ende der Achtziger wirklich überall, sogar in Afrika und Asien. The Power kann man mit einer weltbekannten Persönlichkeit vergleichen.

Welcher ist Ihr liebster Spot mit Ihrem Song?
Anzilotti:
Eine mexikanische Werbung für ein Insektenvernichtungsmittel. Münzing: Ich mag den eines britischen Stromkonzerns: In London fällt der Strom aus. Der Konzern hat dann die Power, die Stadt wieder anzuschalten.

Haben Sie Ihr Stück schon einmal einer Firma verweigert?
Anzilotti:
Ja, einem Atomstromerzeuger.

Gibt es auch unerlaubte Nutzungen?
Münzing:
Immer wieder. Ein portugiesischer Autohändler denkt, es merkt schon keiner, wenn er damit im Lokalfernsehen wirbt. Es gab auch diesen Profi-Dartspieler, der auf Weltmeisterschaften mit unserem Stück als Erkennungsmelodie eingelaufen ist, ohne die Rechte zu klären.

Hat Ihr Stück als Charthit oder als Werbesong mehr Geld eingespielt?
Anzilotti: Definitiv als Werbesong.

Wie viel verdienen Sie pro Lizenz?
Münzing:
Dazu nur so viel: Das Stück kann unsere Familien bis ans Lebensende ernähren. Und wahrscheinlich auch die Familien unserer Enkel und Urenkel.

Werden die Anfragen mit der Zeit weniger?
Münzing:
Nein, im Gegenteil. Je öfter das Stück lizenziert wird, desto mehr Anfragen kommen – weil es dadurch präsent bleibt. Im Jahr kriegen wir hundert Angebote, aber nur bei dreißig kommt es zum Vertragsabschluss, denn das Stück ist teuer. Geben wir nämlich die Rechte für ein Land her, kann in den nächsten Jahren kein anderes Produkt mehr mit dem Stück werben.

Welchen Nerv haben Sie mit diesem Stück damals getroffen?
Münzing:
Die am Computer arrangierte Kombination aus Hip-Hop, House und Dance funktionierte. Wir waren zuvor die Produzenten von Moses P. und Sven Väth und wollten mal wieder was ohne Vorgaben anderer machen. Eine Woche schraubten wir an dem Stück und pressten einige Muster für DJs. Normalerweise braucht ein Song Zeit, um sich zu entfalten. Dieser nicht. Plötzlich standen wir auf eins! Donnerstags sind wir nach London geflogen, um ein Video zu drehen, das samstags bei Top of the Pops lief. Den ersten Live-Auftritt mit SNAP! hatten wir dann am 7. November 1989, zwei Tage vor der Wende, in Ostberlin. Als wir zurückkamen, war die Mauer offen: Alles rund um dieses Stück ist einfach magisch.

Wann wurde das Stück zum Werbesong?
Münzing:
Ein Jahr später, als es aus den Charts raus war, fragten plötzlich viele amerikanische Radiostationen an, um es für Radiojingles zu nutzen: Viele Stationen tragen ja »Power« im Namen, heißen »Powerstation« oder »Power 94.8«. Da ahnten wir: Vielleicht kommt da noch mehr!

Ihre Hits sind am Computer entstanden, ohne ein Instrument – woraufhin Ihnen Zeitungen wie diese vorgeworfen haben, man müsste Ihnen Ihr gefährliches Handwerk legen!
Münzing:
Unser Kollege Klaus Schulze, ehemaliges Mitglied von Tangerine Dream, entgegnete auf solche Vorwürfe: »Eine Geige wächst auch nicht auf dem Baum.« Musikinstrumente sind immer von Menschenhand gemacht. Was ist an einer Geige besser als an einem Computer? Damals war der Computer vielen Menschen nicht geheuer. Als wir für unser erstes Studio einen Kredit aufnehmen wollten, fragte uns der Bankberater, welche Instrumente wir spielen. Wir konnten nicht mal Noten lesen, standen aber bereits mit einem Stück in den italienischen Charts. Trotzdem hat uns keine Bank Geld gegeben!
Anzilotti: Unser Leben war immer eng mit der Entwicklung des Computers verbunden. Wir beide haben uns in den Achtzigern kennengelernt, als wir dem Videospiel Donkey Kong verfallen waren. Zehn Jahre später durchleuchtete die CIA unsere Lebensläufe, weil wir für eine Million Mark einen Computer bestellt hatten, mit dem man auch Baupläne von Atombomben hätte erstellen können. Heute ist er keinen Cent mehr wert. Heute steckt in meinem Laptop mehr Technik.

Wie sieht Ihr Leben aus, seit Sie als SNAP! keine Songs mehr produzieren?
Anzilotti:
Wir arbeiten als DJs und weiterhin als Musikproduzenten. Uns war klar, dass wir SNAP! irgendwann ruhen lassen würden. Wir hatten aber außer The Power noch ein paar andere weltweite Hits. Die sichern natürlich auch unser Einkommen. Vor allem aber haben wir diesen Werbesong. Und nach zwanzig Jahren wissen wir: Das mit The Power wird nicht aufhören.

Müssten nicht eigentlich Sie auf dem deutschen Popthron sitzen und bei Deutschland sucht den Superstar Jugendliche anpöbeln?
Münzing:
Wenn da jemand hingehört, dann Frank Farian mit seinen 800 Gold- und Platinplatten! Aber nein, Dieter Bohlen hat schon Ahnung. Wir sind oft gleicher Meinung. Manchmal sage ich meinen Kindern voraus, was Bohlen gleich zu einem der Castingteilnehmer sagen wird. Und habe oft recht damit. Meine Kinder schimpfen mich dann einen blöden Besserwisser.

---
Kerstin Greiner hat einen Auszug aus der Liste aller 2000 Werbespots, TV-Shows und Filme, in denen The Power zu hören ist, zusammengestellt.
Eine kleine Auswahl davon im Netz:
The Fisher King
Coyote Ugly
Bruce Almighty
Coco Pops Werbespot

1.   Lee Cooper, Jeans, GB
2.   Levis, GB
3.   Fresh Prince of Bel Air, TV-Serie, USA
4.   Hudson Hawk, Kinofilm
5.   Budd Light, Brauerei, USA
6.   Britisch Airways, GB
7.   Ansell, Brauerei, GB
8.   Arsenio Hall, TV-Show, USA
9.   Esso, GB
10. The Fisher King, Kinofilm, USA
11. Castrol Oil, GB
12. Bayer, GB
13. Out for Justice, Kinofilm, USA
14. Hanging with the Homeboys, Kinofilm, USA
15. Coca Cola, USA
16. A current affair, TV-Nachrichtenmagazin, USA
17. Star Search, TV-Castingshow, USA
18. Kids INC, TV-Kindershow
19. New Jack City, Film, USA
20. Just Thirteen, TV-Sendung, GB
21. A week in politics, TV-Nachrichtenmagazin, GB
22. Handelskammer, Österreich
23. Mazda, Kanada
24. Guinness Beer, Brauerei, Afrika
25. Guinness Beer, Brauerei, Mauritius
26. Persil, GB
27. Cote d´or, Schokoladenmarke, Belgien
28. Opel, Deutschland
29. Harry Povich Show, TV-Show, USA
30. Pioneer, Hongkong
31. Under Siege, Kinofilm, USA
32. Northern Telecom, CA
33. Super Mario Bros., Trailer zum Kinofilm, USA
34. Listerine, Mundspüllösung, USA, guatemala, Griechenland
35. John & Leeza, TV-Serie, USA
36. Duracell, Deutschland
37. Visa, Hongkong
38. SEGA, USA
39. Siemens, Österreich
40. Ford, Spanien
41. Saatchi & Saatchi, Werbeagentur, USA
42. Miramax, Filmproduktion, USA
43. Siemens Nixdorf, Deutschland
44. Only in America, TV Show, USA
45. Ford, USA
46. Philips, Deutschland
47. Dr. Dolittle, Trailer zum Kinofilm, USA
48. Nissan, USA
49. Duckman, Zeichentrickserie, USA
50. Three Kings, Kinofilm, USA
51. Coyote Ugly, Kinofilm, USA
52. Saturday Night Live, TV-Show, USA
53. Top Ten Series, TV-Serie, GB
54. Social Campaign, US Army, USA
55. Kodak, GB
56. Arliss, Sitcom, USA
57. Cricket Kampagne, Südafrika
58. Regina, Vakuum-Staubsauger, USA
59. Bril, Sportschuhe, Israel
60. Kettal, Sportartikel, Spanien
61. The Round Table, TV-Show, USA
62. In living Colour, TV-Show, USA
62. Street Jam, TV-Show, USA
63. Texas Rangers Werbespot, Baseball-Team, USA
64. Werbespot für den „Power-Pager", Pager, Kanada
65. Wurst-Werbespot, Norwegen
66. Fiesta Vitapower, Fitnessgetränk, Radio-Spot, Deutschland
67. Bayer, Schmerzmittel TV-Werbung, USA
68. Gordy, Trailer zum Kinofilm, USA
69. Species, Kinofilm USA
70. Power Rangers, Trailer zum Kinofilm, USA
71. Jif Power Clean, Putzmittel, Australien
72. Ultress Hair Color, Haarfärbemittel, USA
73. Sony Batterien, Deutschland
74. Oprah Winfrey Show, TV-Show, USA
75. Diesel Oil, TV/Kino-Werbung, Hongkong
76. Energieversorger Leverkusen, Radio-Spot, Deutschland
77. IMI Web Bank, TV-Spot, Italien
78. Röhnsprudel, Radio-Spot, Deutschland
79. Toyota, TV/Radio/Internetspot, Holland
80. Toyota, TV/Radio/Internetspot, Finnland
81. Allstate Insurance, Versicherung, USA
82. Eveready Batteries, Batterien, USA
83. Weight Watchers, TV-Spot, GB
84. Operation Graduation, Radio-Spot, USA
85. Who´s your Daddy?, Kinofilm, USA
86. Madame Tussauds, Video Präsentation, UK
87. Eveready Batteries, USA
88. OMV Tankstellen, Radio-Spot, Deutschland
89. US Open, TV-Werbung, GB
90. Bruce Almighty, Kinofilm USA
91. Pampers, USA
92. T-Online, TV/Radio/Internet Werbung, Deutschland
93. TTL Mobile Services, Mobilfunk, Südkorea
94. Hotels.com, Internet-Hotel-Plattform, TV-Werbung, USA
95. Wal Mart, Radio-Spot, USA
96. Citroen, Auto, TV/Radio Werbung, Spanien
97. Toshiba, Computer, Australien
98. The Pacifier, Film, USA
99. Ford, TV-Werbung , USA
100. Fortuna Juices, Saft, Portugal
101. Laureus Sport Awards, GB
102. Inerten Groupo Brasil Kampagne, Brasilien
103. Dr. House, Episode 16, 3.Staffel, USA
104. Hallmarks Greetingcards, Postkarten, GB, USA
105. Turcell, Mobilfunk-Kampagne, Türkei
106. Coco Pops, Frühstücksflocken, TV/Radio-Kampagne, GB
107. Drench Table Water, Getränk, GB
108. Meet Dave, Trailer zum Kinofilm, USA
109. Nestle Lion, Schokoriegel, Kroatien
110. Nintendo Wii, Spielkonsole, USA




  • Musik

    »Beim Musikhören hilft mir Gras definitiv«

    An einem Swimmingpool in Malibu erklärt Rocklegende Neil Young unserem Reporter, warum man seine neue Platte am besten bekifft hören sollte und welche Konsequenz er aus einem Wahlsieg von Donald Trump ziehen würde.

    Von Wolfgang Luef
  • Anzeige
    Musik

    Gehört zum guten Ton

    Wenn es um die Elbphilharmonie geht, ist immer nur von den horrenden Kosten und dem kühnen Bauwerk die Rede. Doch auch für die Klangarchitektur wurde ein Weltstar engagiert, der Japaner Yasuhiso Toyota.

    Von Florian Zinnecker
  • Musik

    »Die Welt brennt, aber Adele singt nur ›Buhuu, mein Freund hat mich verlassen, schnüff‹«

    Zwanzig Jahre nach seinen Erfolgen mit Oasis teilt Noel Gallagher immer noch gern aus, gegen Adele und seinen Bruder zum Beispiel. Wie konnte er trotzdem zum Elder Statesman des Pop werden?

    Von Max Fellmann