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aus Heft 34/2009 Gesellschaft/Leben

Das kriegen wir schon hin

Nina Poelchau 

Der Mensch macht sich viel zu viele Gedanken: Wir grübeln, was morgen sein wird, fürchten uns vor falschen Entscheidungen, zweifeln, ob wir alles richtig machen oder ob wir bald alles Mögliche bereuen. Dabei wäre unser Leben viel besser, wenn wir die Dinge etwas entspannter angingen. Ein Plädoyer für mehr Gelassenheit.

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Die Welt ist vor einem Jahr mit dem lauten Knall der Krise unsicher geworden – sie war es in Wirklichkeit vorher schon, doch nun zittert sie vom ersten bis zum letzten Dominostein. Das Schöne daran: Die Spitzenreiter sind von ihren Rennpferden gefallen, ihre Arbeitspaläste, die Banken zum Beispiel, ausgestattet mit erlesener Kunst, so mächtig und prächtig wie früher nur Adelsburgen, haben an Glanz und Gloria verloren, beim Eintreten erfüllt jetzt keinen mehr Ehrfurcht. Eher Zorn. Das könnte die, die neidisch waren, tief durchatmen lassen, gaaaanz tieeeef, im Wissen, dass das Leben eine Schiffschaukel ist und dass einem, der abenteuerlustig eingestiegen ist, unterwegs schlecht werden kann – und dass auch das im Preis inbegriffen ist.

Es wäre nun, ließe sich folgern, der richtige Zeitpunkt, sich total locker zu machen. Sich Kissen in den Rücken zu stopfen und Tee zu trinken, während der Wind rau um die Hütte pfeift. Das würde zumindest für bessere Laune sorgen, als sich zusammenzukrümmen vor Angst. Es gibt einen Boxer, 28 Jahre alt, Damian Norris heißt er, er lebt jetzt in der Nähe von Nürnberg, der kann, selbst wenn ihn augenscheinlich das Glück verlässt, die Ruhe bewahren, als hätte er den entspannten Way of Life im Yogi-Zentrum geübt oder bei Dale Carnegie persönlich, dem geistigen Vater des Think Pink, dem Autor des Bestsellers Sorge dich nicht, lebe, der seit sechzig Jahren in die Welt quillt wie überkochender Grießbrei im Märchen, mehr als drei Millionen Exemplare sind inzwischen verkauft.

Damian kennt keine Ratgeberbücher für mehr Gelassenheit. Er wuchs in Kuba auf. Da war er ein großer, sehniger Kerl, der gern boxte. Er boxte so, dass er mit 15 nach Mexiko ausreisen durfte. Dort fand er einen Trainer, und der nahm ihn mit nach Las Vegas. Damian wohnte mit zwei anderen in einem Zimmer und trainierte jeden Tag. Es gefiel ihm, morgens früh aufzustehen, wenn noch kein Smog über dem »Excalibur« und dem Eiffelturm von Las Vegas hängt, seinen schönen Körper zu spüren, die Kraft eines Panthers. Bis Mitternacht jobbte er als Wachmann vor einem Casino. Ihm gefiel sein Leben, und wenn man ihn fragte, was er sich wünschte, dann sagte er: Weltmeister werden und für meine Mama in Havanna eine Villa bauen.

Schließlich kam er im Frühling 2008 nach Deutschland. Fand Leute, die sich für ihn begeisterten, einen, der sich als Sponsor anbot, er traf sogar den reichen Ahmet Öner. Den ganzen Tag über summte es Damian im Ohr, er würde Millionär werden. Er trainierte wie wild. Er gewann einen wichtigen Kampf in Karlsruhe, die Presse rühmte ihn als Naturereignis. Doch irgendwie funktionierte sonst nichts. Seine Berater kümmerten sich viel zu spät um sein Visum. Beim zweiten Kampf hatte er Fieber, und er verlor. Sein Trainer verschwand nach Mexiko.

Nun sitzt Damian in Zirndorf bei Nürnberg in einem Sammellager für Asylsuchende. Er ist ein Niemand dort. Die Trainingsmöglichkeiten sind ein Witz. Er hat keine Ahnung, wann er rauskommt. In die USA kann er nicht zurück, weil er dort illegal lebte, der deutsche Sponsor hat das Interesse verloren. Das Verblüffende aber ist: Damian Norris ist bestens gelaunt. Es hat keine Woche gedauert, da hatte er sich in Zirndorf eingelebt. Er versteht sich hervorragend mit den vier Männern, mit denen er das Zimmer teilt, sagt er, »lauter verrückte Kerle«. Seine Anwältin schreibt Briefe, er schaut sich im Gemeinschaftsraum Videos mit Mr. Bean an, dann lacht er sich fast kaputt. Der Rest, das ist seine Einstellung, wird sich finden. Heute, morgen, irgendwann.

Welch ein Vorbild an Gelassenheit. Man kann auch sagen: an schlichter Schicksalsergebenheit; aber ein Beispiel nehmen sollte man sich auf alle Fälle. Die meisten von uns leben ja mit einem Gefangenenchor im Kopf, der zwischen Freudenjubel und Weltuntergangsgeschrei ständig die Stimmlage ändert, überall »Soll ich, oder soll ich nicht?«-Entscheidungen, immer die Gefahr, die Weichen falsch zu stellen, oder das Drama, sie unwiderruflich falsch gestellt zu haben.

Wir wissen, dass wir vorausschauend handeln können, und so strampeln wir uns ab, klammern uns an starre Ideen, wie unser Leben auszusehen hat – und stehen doch vor der betrüblichen Aussicht, dass man eines Tages in unseren Grabstein meißelt: »Dieser Mensch kämpfte bis zu seinem Tod erfolglos dagegen, dass ihm sein Leben entgleitet.«

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Einer, der Millionen gewonnen hat, und einer, dessen Haus abgebrannt ist – beide sind nach ein paar Jahren nicht froher und auch nicht weniger froh als zuvor.)
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