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aus Heft 34/2009 Gesellschaft/Leben

Das kriegen wir schon hin

Seite 2

Nina Poelchau 

Die im April gestorbene Autorin Ursula Lebert sagte einmal in einem Interview diesen hübschen Satz: »Heute denke ich, 90 Prozent meiner Sorgen hätte ich mir sparen können.« Da war sie 75. Wie viel Lebenszeit, zugebracht mit: Sorgen. Bei den meisten Menschen geht es übrigens, egal ob sie sich zu Recht oder zu Unrecht sorgten, anschließend sowieso ähnlich weiter wie vorher. Immer wieder pendelt sich das Glück auf demselben Niveau ein, das haben Forscher bewiesen.

Einer, der Millionen gewonnen hat, und einer, dessen Haus unversichert abgebrannt ist – beide sind nach ein paar Jahren nicht froher und auch nicht weniger froh, als wenn ihnen weder das eine noch das andere zugestoßen wäre. Nur in einem Fall verschiebt sich der Glückspegel deutlich nach oben, das weiß man, seit die Universität von Michigan letztes Jahr die Ergebnisse ihres World Values Survey präsentiert hat: wenn Menschen, die früher unterdrückt wurden, heute in demokratischen Verhältnissen leben – das gilt für Staaten, aber auch für Liebesbeziehungen.
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Nur wenn es um Menschenrechte geht, lohnt es sich offenbar wirklich, nervös zu werden. Was unterscheidet einen wie Damian Norris, der sich nie auch nur einen Funken Sorgen gemacht hat, von einem, der morgens aufsteht und sich darüber den Kopf zerbricht, dass seine Liebste ihn am Abend nicht mehr lieben könnte, und der jeden Tag ins Bett sinkt voller Angst, dass auch die Aktienkurse sinken? Wahrscheinlich ist es so: Wer glaubt, dass das Leben Ereignisse im Ärmel hat, für die seine Überlebenskraft nicht ausreicht, versucht vorzubeugen. Mit Grübeln. Oder mit Geld.

Durchschnittlich 3000 Euro im Jahr geben Deutsche für die Gesundheitsprophylaxe aus, dazu etwa 1800 Euro für Versicherungen, die für die Autos nicht mitgerechnet. Das kann ja durchaus klug sein. Was schlimmer ist: Jeder Fünfte erkrankt an Depressionen, etwa 54 000 Menschen sind 2007 aufgrund psychischer Erkrankungen vorzeitig in Rente gegangen. Bei vielen ist Burn-out die Ursache. Das Gefühl, einer zu sein, der um seine Existenzlizenz auf Erden kämpfen muss, packt vor allem Menschen, die schon als Kinder glaubten, ständig auf der Hut sein zu müssen, um auf dem Spielbrett Leben nicht abgesägt, umgefegt, umgelegt zu werden.

Psychologen sagen: Wie zuversichtlich wir in die Welt blicken, hat meist mit frühen Erfahrungen zu tun. Wer sich als Kind geborgen fühlen konnte, für den ist die Welt später kein vermintes Gelände. Der geht weniger erschrocken an die Unannehmlichkeiten, die das Leben serviert, und kriegt es besser hin, positiv zu deuten: Die Freundin verlässt ihn? Wahrscheinlich kommt bald eine Bessere nach. Die Aktien rauschen in den Keller? Dafür ist die Wohnung fast abgezahlt! Wenig Vertrauen in die Welt haben die, denen sie schon unheimlich vorkam, als sie winzig waren.

Deren Eltern sich zum Beispiel einmal überschwänglich zeigten, dann wieder eisig und distanziert. Da fangen manche an, das Außen mit Misstrauen zu betrachten und verbissen zu strampeln, mit dem Ziel, sich eben nicht vom Leben und seinen Launen unterkriegen zu lassen, sondern es selbst – wenn auch im Dauerstress – zu unterjochen.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die frühen Menschen waren glücklicher, weil sie Rituale hatten, die ihnen gut taten.)
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