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aus Heft 38/2009 Innenpolitik

Mein Jahr in der Linkspartei

Seite 3

Tobias Haberl  Jo Jankowski (Fotos)
Demo statt Pecorino
Henning ist 67, vielleicht wurden wir deswegen keine Freunde, aber ich respektiere und bewundere ihn dafür, dass er nicht zynisch geworden ist in dieser Welt. Wir haben gemeinsam in Elfis Garten Wahlplakate auf Holzständer geklebt und Salamibrote gegessen, wir haben Flugblätter gegen Aufrüstung verteilt und ein paar tausend Parteizeitungen in Postkästen gesteckt. Einmal waren wir zusammen Eis essen. Dank Henning habe ich auch die Demonstration gegen die Münchner Sicherheitskonferenz durchgestanden: Er erklärte mir, dass es sich in Wahrheit um eine Kriegskonferenz handle, dass die NATO Angriffskriege führe und der Lissabon-Vertrag eine haarsträubende Aufrüstungsklausel beinhalte. Ich fand es einfach nur saukalt. Trotzdem kämpfte ich den ganzen Tag lang, zehn Stunden insgesamt, für den Frieden. Ich konnte es kaum fassen, aber ich verteilte auf dem Viktualienmarkt tatsächlich Flugblätter gegen den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Klar hatte ich Angst, dass mich jemand sehen könnte, ein Nachbar, ein Kollege oder die Frau vom Käsestand, bei der ich sonst immer mittelalten Pecorino kaufe. Aber ich war auch stolz: Ich hatte Flagge gezeigt und anscheinend waren wir alle zusammen so gefährlich, dass wir von 1300 bewaffneten Polizisten eskortiert und von einem Scharfschützen beobachtet werden mussten. Was ich nicht verstand: warum der Anheizer mit dem Megafon immer von »grünen Männchen« sprach. Wäre ich ein Polizist, ich hätte mich beleidigt gefühlt. Henning und ich schwenkten abwechselnd die große Parteifahne. Ich erfuhr, dass er auch Journalist ist und früher bei der Frankfurter Rundschau, danach viele Jahre in Namibia als Entwicklungshelfer gearbeitet hat. Sein Spezialgebiet sind Auslands- und Friedenspolitik, der Nahe Osten, Israel und Palästina. Dafür reist er in den Gazastreifen, hält Kontakt zu palästinensischen und jüdischen Intellektuellen – ich habe zuletzt Boris Becker in einem Londoner Zigarren-Club interviewt. Henning hat sicher mehr erlebt als Volker Kauder, Dirk Niebel und Hubertus Heil zusammen. Das macht ihn nicht zu einem besseren Politiker, aber zu einem interessanteren Menschen. Einmal hat er mich gefragt, warum ich eigentlich eingetreten bin. »Weil ich für Gerechtigkeit bin«, habe ich geantwortet. Tragisch, weil es stimmt und trotzdem gelogen war.

»Wir haben Flügel, Flügel, Flügel«
AKL, FdS, SAV, SDS – linke Strömungen aneinandergereiht hören sich an wie ein Lied von den Fantastischen Vier. Ich verstand erst allmählich, dass die LINKE nicht nur gegen die SPD, Kapitalismus und Sozialabbau kämpfte, sondern vor allem gegen sich selbst. Es gibt vier offizielle Strömungen: die Sozialistische Linke, die Antikapitalistische Linke, die Emanzipatorische Linke und das Forum demokratischer Sozialismus, dazu zwei Dutzend Gruppierungen, darunter die AG »Erholungsgrundstücke und Kleingärten«. Die LINKE hat ein Problem: In ihr sind Gewerkschafter, Hartz-IV-Empfänger, Trotzkisten, Alt-68er, Pazifisten, Marxisten, Maoisten, Autonome, Intellektuelle, ehemalige SED-Funktionäre, ehemalige Stasi-Spitzel, gekränkte SPDler, sogar einen Porschefahrer gibt es, er heißt Klaus Ernst und ist stellvertretender Parteivorsitzender. Die einen sind für, die anderen gegen Europa, die einen für, die anderen gegen den Kapitalismus, einige wollen Politik machen, andere den Generalstreik ausrufen. Einmal habe ich gehört, dass einer von der trotzkistischen SAV heimlich die Wahlplakate eines gemäßigten Genossen überklebt hat. Inzwischen weiß ich, dass nicht jeder Streit ein Flügelstreit ist. Manche Genossen können sich auch einfach nicht leiden.
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»Ich gehe nach Hause, mein Hund muss scheißen«
Gysi hat mal gesagt: »In der LINKEN gibt es – wie in jeder anderen Partei – zehn Prozent Verrückte.« Ich glaube, es sind mindestens zwanzig Prozent. Neulich hob ein Genosse die Hand, es sah aus, als wolle er einen Antrag einbringen, aber dann erklärte er doch nur, dass er jetzt nach Hause gehe, weil sein Hund dringend scheißen müsse. Trotzdem sind mir ein paar dieser Typen ans Herz gewachsen, sie kommen mir vor wie die Gallier aus Asterix, als Einzelpersonen liebenswert und tapsig, als Gruppe wild entschlossen, den übermächtigen Gegner niederzuringen. Zum Beispiel Ralf*, der Mitglied in vier verschiedenen Umweltschutzorganisationen ist und seine Notizen immer in Klarsichtfolien abheftet. Ralf kommt garantiert in letzter Minute mit einem Vorschlag um die Ecke, der das Gesundheitssystem revolutioniert und von allen abgelehnt wird. Neulich hat ihm ein dummer Polizist den Arm gebrochen, als er mit einem selbst gebastelten Schild gegen das Gelöbnis auf dem Marienplatz demonstrierte. Er findet es nicht richtig, dass Soldaten »Bürger in Uniform« heißen. Da hat er recht. Oder Christoph*, der früher als Grafiker gearbeitet hat und heute Hartz-IV-Empfänger ist. Er sucht einen Job, aber keiner will ihn haben, Christoph ist 52. Ab und zu schreibt er noch eine Bewerbung, aber die Kraft lässt nach. Christoph gestaltet unsere Plakate, und er ist der Einzige, der einen guten Humor hat. Zum Beispiel hasst er es, wenn die Genossen »Transpi« statt »Transparent« sagen, da könnte er ausflippen. Mir geht es genauso. Einmal habe ich ihn gefragt, ob er ein menschenunwürdiges Leben führen muss, mit seinen 359 Euro im Monat. Da hat er gesagt: »Ach, menschenunwürdig, das wäre gelogen, aber ich kann halt nichts mehr machen, was mir Spaß macht.« Das fand ich fast noch schlimmer.

»Darf ich Ihnen etwas Infomaterial in die Hand drücken?«
Im Berliner Karl-Liebknecht-Haus steht der »Rote Ordner«, er bündelt die Wahlkampfstrategie der Partei. Darin heißt es: »Wir gehen ans
Telefon, wenn uns jemand anruft.« Außerdem: »Unsere Wahlkämpfer sollten saubere Fingernägel haben, außerdem saubere Kleidung und Schuhe tragen. Von einer Alkoholfahne ist abzuraten, ebenso von Drogenkonsum. Erlaubt dagegen sind bunte Haare, Zungenpiercings und Nasenringe.« Meine Haare sind braun, ich bin nicht gepierct und ich besitze ein Auto, das machte mich zum begehrten Infostand-Betreuer. Ein Infostand, das ist ein ausklappbarer Tisch, ein Sonnenschirm und ein Rollkoffer mit Faltblättchen. Für die Kinder gibt es Pfefferminzbonbons und dreieckige Fähnchen, für alle anderen Kugelschreiber, Streichhölzer und Kondome. An einem Samstagvormittag im Juli postierte ich mich zusammen mit Thomas*, Klaus* und Udo* vor der Aldi-Filiale in München-Aubing. Das Problem: Für die Fähnchen interessierten sich ausschließlich Minderjährige aus der Türkei und es gingen unwesentlich mehr wahlberechtigte Menschen zum Einkaufen, als vor der Tür standen, um sie zu informieren. Es war Ferienzeit. Die meisten wollten nichts mit mir zu tun haben; einer schrie mich an, dass ich nur neidisch sei. Mir fiel auf, dass die Menschen nur zwei Dinge mit der LINKEN verbinden: die DDR und Lafontaine. Am überzeugendsten war ein Mann, der mir erzählte, dass er 18 Monate im Stasi-Knast in Cottbus gesessen habe, weil seine Ausreiseanträge zu scharf formuliert gewesen seien. Er habe damals in den Westen gemusst, seine Schwester sei im Sterben gelegen. Er habe sie nicht mehr gesehen. In seinem Fall verzichtete ich auf die Frage, ob er an Infomaterial interessiert sei.

»Horchst du uns aus?«
In ein paar Tagen ist Bundestagswahl. Wen ich wähle, weiß ich noch nicht, ich weiß, wen ich nicht wähle. Je mehr Menschen es schlecht geht in diesem Land, desto größer sind die Chancen für die LINKE – über diesen merkwürdigen Zusammenhang muss ich oft nachdenken. Mein letztes Jahr war ziemlich aufregend: Ich bilde mir ein, dass sich die Ränder meines Erfahrungshorizonts nach außen verschoben haben, dass ich gemerkt habe, dass man nicht mit allem einverstanden sein muss, auf jeden Fall sehe ich einige Dinge anders. Zum Beispiel bin ich – gerade weil Christoph nie gejammert hat – überzeugt, dass der Hartz-IV-Satz erhöht werden muss. Das Geld ist da, ich bin sicher, für die Hypo Real Estate war es auch da. Trotzdem: Politik ist nichts für mich und die LINKE auch nicht. Das wurde mir klar, als mich ausgerechnet Ralf verdächtigte, ein Spion vom Verfassungsschutz zu sein. »Warum tippst du ständig in dein Handy?«, fragte er mich, »Horchst du uns aus?« Dabei schrieb ich nur an meine Freunde, als draußen die Sonne schien und einer meiner Genossen wieder mal nicht auf den Punkt kam. Mit der Weltgemeinschaft der Freien und Gleichen geht es mir wie mit dem lieben Gott: Ich glaube nicht daran. Ich glaube an eine Gesellschaft der Mittelmäßigen, die darauf angewiesen ist, dass ab und zu Menschen auftauchen, die sich von ihr nicht lähmen lassen. Das kann ein Unternehmer, ein Popstar oder linker Revolutionär sein. Ralf, Christoph und Udo sind es nicht. Die gehen ins »Bürgerheim«, weil sie sich ungerecht behandelt fühlen, wütend sind und voller Sorge, überflüssig zu werden in der modernen Warenwelt. Ein Lieblingsspruch der LINKEN stammt von John Steinbeck. Er geht so: »Menschliche Eigenschaften wie Güte, Großzügigkeit, Offenheit, Ehrlichkeit, Verständnis und Gefühl sind in unserer Gesellschaft Symptome des Versagens. Dagegen sind Gerissenheit, Habgier, Gewinnsucht, Gemeinheit und Egoismus Merkmale des Erfolges.« Er hat recht.


Als er schon Mitglied bei der LINKEN war, ist Tobias Haberl einmal fremdgegangen: Vor der bayerischen Landtagswahl war er auf einer Parteiveranstaltung der FDP. Die Unterbrunner Blaskapelle hat gespielt, Guido Westerwelle hat gesprochen, am Mischpult saßen beflissene Jungliberale mit dicken Krawattenknoten und zu großen Sakkos. Er sagt: "Ich fühlte mich mindestens so fehl am Platz und so unverstanden wie auf meiner ersten Mitgliederversammlung im ‚Bürgerheim‘."

* Namen von der Redaktion geändert.

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