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aus Heft 39/2009 Design & Wohnen 4 Kommentare

LED it rock

Die Glühbirne verabschiedet sich, und alle jammern. Dabei ist das die beste Nachricht seit Langem: Die Zukunft erhält ihr eigenes Licht. Und das schon ab sofort.

Von Max Fellmann  Foto: André Mühling



Also: Können wir uns jetzt bitte alle mal wieder ein bisschen beruhigen? Ja, die Glühbirne wird abgeschafft. Ja, die EU hat einen Stapel Verordnungen erlassen, und bald wird die klassische 100-Watt-Birne verschwunden sein. Ja, wir müssen ein bisschen rumprobieren mit Energiesparlampen und Halogen und Leuchtstoffröhren.

Aber ist das wirklich so viel Gejammer wert? Die FAZ druckt ellenlange Abschiedstexte, der Spiegel fragt allen Ernstes: »Was haben Leuchtstofflampen auf einem neobarocken Kronleuchter verloren?« Der Lichtdesigner Ingo Maurer klagt: »Unsere emotionale Stabilität ist an die Glühbirne gebunden.«
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Und ganz groß geht das Thema natürlich Franz Josef Wagner an, der sein Licht jeden Tag in Bild leuchten lässt, er schreibt der »Lieben Glühbirne« einen Abschiedsbrief und predigt: »Jeder Mensch weiß, dass das Leben einen Anfang und ein Ende hat und wir nur eine gewisse Zeit miteinander haben. Dein Licht war die Ausnahme, es war wie das Licht der Ewigkeit. Meine Großmutter las bei Deinem Licht in der Bibel.«

Und weil der Abschied von der Glühbirne offenbar der Weltuntergang ist, stürmen alle los und raffen Birnenvorräte zusammen, die für Jahrzehnte reichen – im ersten Halbjahr 2009 haben die Deutschen fast 50 Prozent mehr Glühbirnen gekauft als im ersten Halbjahr 2008.

Aber wenn alle Keller vollgestapelt sind mit den alten Dingern und wenn die ganze Panik sich etwas gelegt hat: Könnten wir dann den Übergang bitte auch einfach mal spannend finden? Als das Auto die Kutsche ersetzte, als dem Theater das Kino entgegengestellt wurde, als die Schreibmaschine dem Computer wich – wurde da jeweils alles schlimmer und schlechter? Sind nicht immer alle, die sich erst mit Händen und Füßen gegen Innovationen sträuben, ihre größten Fans, sobald nur ein bisschen Zeit vergangen ist?

Also: Freuen wir uns, dass was Neues kommt. Es gibt gute Gründe dafür. Konstantin Grcic, von der Fachzeitschrift art zum »Größten lebenden Designer« gewählt, ist schon mal bestens gelaunt, er sagt: »Wir müssen das Objekt der Lampe völlig neu überdenken. Wer einfach nur Energiesparlampen in die alten Fassungen dreht, verpasst eine einmalige Chance. Wir brauchen jetzt eine neue Typologie des Lichts.«

Schon gibt es erste Leuchten, die Wege in die Zukunft weisen. Das Modell »Eraser« des Designers Steffen Kehrle zum Beispiel, das es mit einem verblüffend einfachen Trick möglich macht, auch Energiesparlampen zu dimmen: Man schiebt den Leuchtkörper einfach so weit in eine Aluminiumhülle, bis die Helligkeit stimmt.

Oder die »Incredible Bulb« von Ben Wirth: Sieht aus wie eine überdimensionale Glühbirne – innen aber leuchtet eine Halogenlampe, eine sympathisch ironische Verbeugung vor der Tradition. Und der Lichtkünstler Olafur Eliasson hat für die Firma Zumtobel den »Starbrick« entworfen, ein komplexes Gebilde aus ineinandergeschobenen LED-Leuchtmodulen, das fast gar nichts mehr mit der klassischen Wohnzimmerlampe zu tun hat – es kann als Kunstobjekt im Raum stehen, aber auch zu einer Lichtwand montiert werden. Das Licht selbst wird so zum Möbel.

Konstantin Grcic sagt: »Die Energiesparlampen sind nur ein Übergangsmodell. Auf lange Sicht werden die LEDs unseren Alltag bestimmen.« Die Leuchtdioden sind im Grunde nichts anderes als leuchtende Stromleitungen. Deren Leuchteigenschaften lassen sich ziemlich fein regeln. »Bisher,« sagt Grcic, »konnte man höchstens dimmen, ab jetzt kann man auch die Wärme des Lichts und das Farbspektrum verändern.«

Im Alltag könnte das so aussehen, dass ein Raum tagsüber mit viel Blauanteil ausgeleuchtet wird, das soll anregend sein, und gegen Abend wird der Rotanteil hochgefahren und die Lichtwärme ein bisschen nachtemperiert, schon ist es gemütlich. Auch die Einrichtung der Räume wird sich verändern – bis hin zu der grundsätzlichen Frage, ob wir überhaupt noch so etwas wie die klassische Lampe im Raum hängen haben.

Die alte Glühbirne braucht in der Regel so etwas wie einen Lampenschirm: Sie strahlt erst mal in alle Richtungen gleichzeitig, man braucht also einen Reflektor, der das Licht gezielt richtet, zum Beispiel auf einen Esstisch. Das Licht von LED-Lampen dagegen lässt sich auch mit winzigen Linsen steuern; wer will, kann sich eine Lampe über den Tisch hängen, die nur ein paar Zentimeter groß ist und trotzdem punktgenau leuchtet. Es wird spannend sein zu sehen, wie Innenarchitekten den lampenfreien Raum entwerfen.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Straßenlaternen, Bürolampen, Saalbeleuchtung – nach und nach wird das Zeitalter des neuen Lichts das Gesicht unseres Alltags verändern.)

Kommentare

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  • Christian Rolfes (1) Mich wundert, dass so viele Menschen ihre Empörung äußern und eine Grundsatzdiskussion über Freiheit führen wollen, wenn es um einen derartigen Energiefresser wie die alte Glühbirne geht - ich kenne viele Personen, die das tun, aber, wenn es um Internetsperren geht, schweigen. Dabei passiert in dem Bereich gerade deutlich skandalöseres als bei der Frage des Lichts.
    Ich bin dabei, wenn es um eine Hymne auf LEDs geht! 80% weniger Verbrauch, viel mehr Einsatzmöglichkeiten, längere Lebensdauer, kleiner... Statt zu jammern, sollten wir die Gelegenheit nutzen! Wir können für die Zukunft Lehren daraus ziehen, können uns stärker politisch engagieren, damit eine solche Zwangsentscheidung nicht noch einmal vorkommt. Aber diese ist jetzt da, und sie könnte sehr sinnvoll sein - wenn wir es denn zulassen.
  • Klaus Meyer (0) Der Autor hat überhaupt nicht verstanden, wobei es beim Glühbirnenverbot geht. Die freie Auswahl zwischen verschiedenen Alternativen wird durch ein Verbot eingeschränkt, weil irgendwelche Bürokraten glauben, dass die Menschen nicht fähig sind, selbst zu entscheiden ob sie lieber viel Strom verbrauchen oder eben eine Energiesparlampe kaufen. Es ist diese Bevormundung, die nicht nur nervt, sondern einen tiefen Einblick in das Denken der Regierenden gewährt. Es gibt für den CO2 Ausstoß ein Korrektiv und zwar die Emissionszertifikate. Dadurch wird der CO2 Ausstoß Bestandteil des Strompreises. Das Glühbirnenverbot ist daher durch nichts zu rechtfertigen. In meiner Wohnung gibt es schon lange keine konventionellen Glühbirnen mehr, aber das ist eben gar nicht der Punkt. Es geht um Freiheit.
  • Stefan Meditz (0) Seit Jahrzehnten werden immer neue Leuchtmittel entwickelt und sinnvoll angewendet. Ältere Leuchtmittel haben dem nie Abbruch getan oder solche Entwicklungen behindert. Das Licht einer Glühbirne kann nicht durch ein anderes Leuchtmittel ersetzt werden. Alle Leuchtmittel emittieren anderes Licht und haben andere Nutzungs-Implikationen. Wir haben also jetzt (bald) ein Leuchtmittel weniger, nicht mehr, worüber Lichtplaner und Lichtdesigner zurecht unglücklich sind. Der letzte Satz des Texts: Zitat "Wir gewinnen eine Dimension dazu. Wann gab es das zuletzt?" ist genau das Gegenteil von wahr.
  • Eric-roger Brücklmeier (1) "Könnten wir dann den Übergang bitte auch einfach mal spannend finden? Als das Auto die Kutsche ersetzte, als dem Theater das Kino entgegengestellt wurde, als die Schreibmaschine dem Computer wich – wurde da jeweils alles schlimmer und schlechter?"

    All diese Dinge haben sich aus einem selbstragenden Vortschritt heraus entwickelt, kein EU Supergutmensch hat sie uns per Dekret aufgezwungen. Das ist schon ein gewaltiger Unterschied.