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aus Heft 40/2009 Literatur 1 Kommentar

Maschenware

Genervt von den ständigen Wiederholungen im Fernsehen? Dann schauen Sie mal, was auf der Frankfurter Buchmesse als Neuigkeit verkauft wird. Sieben literarische Trends zum Wegzappen


BUCHTREND 1: VAMPIRGESCHICHTEN

TYPISCHES AUTORENFOTO UND COVER:


BUCHTITEL: Blutrote Küsse (siehe Foto), Kuss der Nacht, Der Schattenritter
TYPISCHER SATZ IM BUCH: »Sein Mund schien zu brennen, meine Brustwarzen pochten glühend heiß.« (Kuss der Nacht)
TYPISCHER SATZ DER PRESSEDAME: »Manche Stellen sind richtig erotisch.«
ORT, AN DEM SOLCHE BÜCHER GESCHRIEBEN WERDEN: Küchentisch zwischen Görlitz und Dessau
STEHT IM REGAL NEBEN: Berufswahl: Das will ich – das kann ich – das mach ich: Lebensplanung spielerisch ausprobieren
HÖRBUCH KÖNNTE GELESEN WERDEN VON: Bill Kaulitz und LaFee

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BUCHTREND 2: VÄTER IN ELTERNZEIT

TYPISCHES AUTORENFOTO UND COVER:


BUCHTITEL: Wir Wickelprofis, Mein Leben als Mutti (siehe Foto), Väter und Erziehungszeiten
TYPISCHER SATZ IM BUCH: »Nachdem ich Simi abends ohne Milchfläschchen in sein neues Gitterbettchen mit Käpt’n Blaubär-Segel gewuchtet hatte …« (Mein Leben als Mutti)
TYPISCHER SATZ DER PRESSEDAME: »Mein Mann weigert sich ja, das zu lesen, aber glauben Sie mir, da tut sich gesellschaftlich gerade was.«
ORT, AN DEM SOLCHE BÜCHER GESCHRIEBEN WERDEN: Stillkissen
STEHT IM REGAL NEBEN: Allem von Sven Regener
HÖRBUCH KÖNNTE GELESEN WERDEN VON: Christian Ulmen und den vier Kindern von Til Schweiger

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BUCHTREND 3: TITELPARASITEN

TYPISCHES AUTORENFOTO UND COVER:


BUCHTITEL: Seichtgebiete, Ich bin nun mal dick, Ich bin dann mal schlank, Ich bin dann mal drüben, Ich bleib dann mal hier (siehe Foto)
TYPISCHER SATZ IM BUCH: »Wenn Ihr Urin nur morgens gelb ist, brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.« (Ich bin dann mal schlank)
TYPISCHER SATZ DER PRESSEDAME: »Der Titel war übrigens meine Idee.«
ORT, AN DEM SOLCHE BÜCHER GESCHRIEBEN WERDEN: Zwischen Tür und Angel
STEHT IM REGAL NEBEN: Gratis-DVDs vom Spiegel
HÖRBUCH KÖNNTE GELESEN WERDEN VON: Egal - oder halt Sky du Mont

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BUCHTREND 4: »DER X DES Y«-Romane

TYPISCHES AUTORENFOTO UND COVER:


BUCHTITEL: Das Herz der Nacht, Der Handkuss des Augenfalters, Der Garten der letzten Tage (siehe Foto), Der Körper des Salamanders
TYPISCHER SATZ IM BUCH: »Mirandas Lieblingsräume befanden sich im Seitenflügel des Schlosses.« (Das Herz der Nacht)
TYPISCHER SATZ DER PRESSEDAME: »Eine Badewanne, ein gutes Glas Wein und dieses Buch – das isses.«
ORT, AN DEM SOLCHE BÜCHER GESCHRIEBEN WERDEN: Terrasse in der Nähe von Boston
STEHT IM REGAL NEBEN: Osterie d’Italia 2009/2010
HÖRBUCH KÖNNTE GELESEN WERDEN VON: Maria Furtwängler und Heino Ferch

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BUCHTREND 5: KRISENRATGEBER

TYPISCHES AUTORENFOTO UND COVER:


BUCHTITEL: I will survive, Immer schön flüssig bleiben, Einstürzende Finanzwelten, System Error (siehe Foto)
TYPISCHER SATZ IM BUCH: »Geld neigt zum Verschwinden, wir können es sesshaft machen.« (Immer schön flüssig bleiben)
TYPISCHER SATZ DER PRESSEDAME: »Unser Autor ist übrigens auch ein ganz toller Motivationstrainer.«
ORT, AN DEM SOLCHE BÜCHER GESCHRIEBEN WERDEN: Air-Berlin-Flieger
STEHT IM REGAL NEBEN: Börsen-Gurus und ihre Strategien – Mit den erfolgreichsten Investoren zum Erfolg
HÖRBUCH KÖNNTE GELESEN WERDEN VON: Erich Lejeune (Band 1), Franjo Pooth (Band 2)

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BUCHTREND 6: FERNSEHKRITIK

TYPISCHES AUTORENFOTO UND COVER:


BUCHTITEL: Dummgeglotzt – Wie das Fernsehen uns verblödet, Verblöden unsere Kinder? (siehe Foto), Seichtgebiete – Warum wir hemmungslos verblöden
TYPISCHER SATZ IM BUCH: »Ohne Lesekompetenz können Kinder und Jugendliche die digitalen Medien weder entschlüsseln noch entdecken.« (Verblöden unsere Kinder?)
TYPISCHER SATZ DER PRESSEDAME: »Also ich schaue seitdem viel bewusster fern.«
ORT, AN DEM SOLCHE BÜCHER GESCHRIEBEN WERDEN: Mainz
STEHT IM REGAL NEBEN: Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt
HÖRBUCH KÖNNTE GELESEN WERDEN VON: Peter Hahne, weil Roger Willemsen gerade auf Lesereise war

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BUCHTREND 7: ÄLTERWERDEN

TYPISCHES AUTORENFOTO UND COVER:



BUCHTITEL: Älterwerden für Anfänger, Ein Rabenaas wird 60 – Heitere Betrachtungen über das Älterwerden und andere Phobien (Autor/Buch siehe Bild), Ich lebe weiter selbstbestimmt
TYPISCHER SATZ IM BUCH: »Ab jetzt geht es nur noch zahlenmäßig aufwärts, alles andere geht abwärts.« (Ein Rabenaas wird 60)
TYPISCHER SATZ DER PRESSEDAME: »Man denkt ja immer: Nur keine RatgeberBücher, aber bei dem ist es anders.«
ORT, AN DEM SOLCHE BÜCHER GESCHRIEBEN WERDEN: Kleines, süßes Büro in Hamburg-Eimsbüttel
STEHT IM REGAL NEBEN: Lolita von Vladimir Nabokov
HÖRBUCH KÖNNTE GELESEN WERDEN VON: Rita Süssmuth und Hellmuth Karasek

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Kommentare

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  • Tanja von Egan-Krieger (0) Auf ihrer Liste der „literarischen Trends zum Wegzappen“ anlässlich der Frankfurter Buchmesse entdeckte ich ein Buch, das ich bereits gelesen habe (Ulrich Thielemann – System Error: Warum der freie Markt zur Unfreiheit führt). Um so mehr war ich gespannt zu erfahren, warum ich mir das nach Meinung ihres Autors hätte sparen können.
    Überrascht stellte ich jedoch fest, dass ihr Autor sich offenbar nicht einmal die Mühe gemacht hat, den Klappentext des Buches zu lesen. Anders kann ich es mir jedenfalls nicht erklären, dass er dem Buch einen komplett falschen Inhalt unterstellt. Das Hinzudichten von alternativen Titeln, Aussprüchen einer imaginären „Pressedame“ – meinetwegen auch scheinbar aus dem Buch zitierte Sätze, die dort nicht stehen – mag man noch als Stilmittel durchgehen lassen. Aber sollte man das Buch nicht wenigstens quergelesen haben, um solche bissigen Kommentare auch treffend formulieren zu können? Das ist
    ihrem Autor im Falle des erwähnten Buches leider nicht gelungen, denn es handelt sich nicht um eine Art "Krisenratgeber" für von der Finanzmarktkrise gebeutelte Möchtegern-Börsen-Gurus. Das Lesen des Klappentextes hätte ihm bereits deutlich machen können, dass er sich unter dem Titel schlichtweg ein anderes Buch vorgestellt hat. Ulrich Thielemann versucht in seinem Buch vielmehr, die vorherrschende Marktgläubigkeit (Mehr Markt und mehr Wettbewerb ist immer gut für alle) aufgrund von wirtschaftsethischen Reflexionen zurückzuweisen und stattdessen für eine gesellschaftliche Einbindung des Marktes zu argumentieren.
    Übrigens: Fast hätte ihr Autor mich auf diese Weise neugierig auf die
    anderen erwähnten Bücher gemacht: Vielleicht steht in diesen ja auch etwas ganz anderes, als im Artikel suggeriert wird? Aber ein erneuter Blick auf die Titel („Blutrote Küsse“) ließ mich erahnen, dass ihr Autor in diesen Fällen mit seinen Rückschlüssen vom Titel auf den Inhalt wahrscheinlich besser lag. – Unter seriösem Journalismus verstehe ich etwas anderes.