Literatur 26. November 2009 1 Kommentar
Der Autor 2.0
Seinen Erstlingsroman stellte Christian Heinke 2005 als kostenlosen Podcast ins Netz - und hatte zeitweise sogar mehr Hörer als der Podcast der Tagesschau. Ein durch und durch optimistisches Gespräch über die Zukunft der Literatur im Internetzeitalter.
Von Sebastian Schöbel (Interview)
Herr Heinke, Sie haben mit dem Podcast zu Ihrem Erstlingsroman „Die Haut" mehr Hörer als Leser. Klingt einleuchtend, Sie kommen ja vom Hörfunk.
Christian Heinke: Stimmt, ich habe zunächst versucht beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) unterzukommen. Ich habe "Die Haut" als Hörbuch vorgeschlagen. Aber mir wurde gesagt, dass ich ein etablierter oder versierter Autor sein müsse. Ich bin aber nur eine Melange aus beidem, das reichte nicht. Ich war einfach zu unbekannt.
Wie sind sie zum Podcast-Autoren geworden?
Meinen ersten Podcast habe ich relativ früh eingestellt, 2005. Das war die Geschichte, mit der ich beim WDR gescheitert war. Genau in dem Jahr erschien iTunes mit der Unterstützung für Podcasts, und das hat mich nach vorne katapultiert. Im Mai 2005 ging der Podcast online, und im Juli war ich plötzlich in den iTunes-Charts unter den Top Ten, noch vor der Tagesschau. In den Hochtagen wurde der Podcast mehrere tausend Mal runtergeladen. Aber auch später waren es immer noch ein paar hundert Downloads täglich. Das hat mich motiviert, weil ich wusste, dass ich mir auch außerhalb der etablierten Medien einen Namen machen kann.
Wie haben Sie auf den Erfolg reagiert?
Ich war verblüfft, wirklich verblüfft, wie man mit einem so immens geringen Aufwand so eine gigantische Community erreichen kann. Ich werde nie vergessen, wie ich plötzlich auf der Apple-website stand, weil der Konzern das neue Medium Podcast vermarkten wollte. Ich hatte schon so oft meine Manuskripte angeboten, und nun hatte ich das Gefühl, mit der richtigen Idee den perfekten Zeitpunkt erwischt zu haben.
Hat sich der WDR nach Ihrem Erfolg noch mal gemeldet?
Ja, bald danach kam die Anfrage, ob ich nicht etwas über Podcasts machen wolle. Doch es waren zunächst nicht einmal die technischen Voraussetzungen da, mal schnell eine MP3 zu machen. Dafür durfte ich dann eigene Beträge für den Hörfunk produzieren. Inzwischen ist es dort natürlich Standard, dass Beiträge als Podcasts erhältlich sind.
Aber Ihren Roman als Podcasts wollte der WDR auch nicht?
Nein, nein, dafür bin ich eben einfach zu unbekannt. Das bin ich ja heute noch; nur in der Podcast-Szene bin ich relativ erfolgreich gewesen, deswegen wurde ich dort auch viel herumgereicht.
Wie ging es für Sie weiter?
Ein kleiner Schweizer Verlag, mit dem ich davor schon Kontakt hatte, war von meinem Erfolg offenbar so überzeugt, dass ich dort aufgenommen wurde.
Potentielle Leser haben Sie ja bereits mitgebracht.
Genau, und das ist auch der Weg, der neu ist beim Podcast-Roman. Allerdings musste ich meinem Verlag vertraglich zusichern, meinen Roman im Podcast nicht bis zum Ende zu erzählen. Der Schluss wird also nicht verraten.
Was hat Ihre Fangemeinde dazu gesagt?
Das hat natürlich zu etwas Frustration bei meinen Ersthörern geführt, aber erst neulich hat mir ein Leser getwittert: "So, dann wird jetzt gelesen"; mit einem Bild im Anhang, auf dem er das Buch in Händen hielt. Ich konnte also einige Hörer zum Buchkauf bewegen.
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Passt der Kriminalroman als Genre besonders gut zum Podcast?
Ich denke schon, dass Werke, die anders strukturiert sind als der sequenzielle Krimi, Schwierigkeiten haben könnten. Ich habe mir das Medium gesucht, das mir liegt. Ich bin sehr von der angloamerikanischen Kultur geprägt: kurze Sätze, schnelle Szenenwechsel, dazu kommt mein filmischer Hintergrund.
Hat der Podcast Ihren Schreibstil beeinflusst?
Als ich den Podcast zu "Die Haut" anfing war das Manuskript noch nicht ganz fertig. Es wurde mit dem Podcast fortgeschrieben. Deswegen habe ich auch Handlungshöhepunkte in der Struktur eingebaut, damit der Hörer nicht enttäuscht ist. Das erweitert mein Schreiben. "Das Herz", mein neuer Roman, ist etwas weniger schnell, weniger heftig als "Die Haut", und ich merke jetzt, dass ich bei der Produktion des Podcasts ein paar längere Erzählpassagen mit Musik unterfüttern muss, damit es dem Hörer nicht zu langweilig wird.
Hätten Sie auch auf Leserwünsche reagiert und den Text geändert?
So weit geht es bei den Hörern nicht. Da herrscht die Konsumentenhaltung. Als Antwort bekommt man dann schon mal ein "Gefällt mir" oder "Gefällt mir nicht", aber die meisten Hörer wollen nur wissen, wann es weitergeht. Direkt Anweisungen habe ich nicht bekommen - das möchten die Leute auch gar nicht, denke ich.
Aber indirekt mischen sich die Hörer schon ein, oder?
Es gibt einen regen Austausch, vor allem über die Verschwörungstheorie, die über dieser Trilogie hängt. Da wurde ich direkt gebeten, einige offene Fragen aufzulösen. Außerdem haben sich die Leser zwei Figuren zurückgewünscht, die sie aus dem ersten Teil schon kannten - und die ich selber gar nicht für so wichtig fand. Mich hat das sehr überrascht, aber darauf reagiere ich natürlich gerne.
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