Kunst | Heft 45/2009

Weniger (viel, viel weniger) ist mehr

Der Engländer Willard Wigan baut die kleinsten Miniaturen der Welt - und beweist: Große Kunst hat nichts mit Größe zu tun. Oder eben doch.

Von Christine Zerwes 

BILDERGALERIE

Betty Boop neben Fliegenkopf, die Figur ist aus Nylon, ihr Schmuck ist aus Gold


SZ-Magazin: Mr. Wigan, Sie bauen Skulpturen, die so klein sind, dass sie in ein Nadelöhr passen. Ist Ihnen schon mal eine verloren gegangen?
Willard Wigan: Nicht nur das. Vor Kurzem hab ich an einer Mikroskulptur von Alice im Wunderland gearbeitet und sie aus Versehen eingeatmet! Alice ist aus einer sehr feinen Teppichfaser entstanden. Nach dem Missgeschick musste ich noch mal von vorn anfangen. Mit dem Atmen muss ich vorsichtig sein.

Nicht, wenn Sie größere Skulpturen schaffen würden.
Aber winzige Dinge faszinieren mich nun mal, das fing schon in der Schulzeit an: Ich war kein guter Schüler, konnte nicht richtig lesen und schreiben. Alle haben sich über mich lustig gemacht, auch die Lehrer. Immer wieder habe ich mich im Wald versteckt. Ich habe Ameisen beobachtet, und irgendwann habe ich mich gefragt, wo sie wohl wohnen. Und weil ich keine Häuser fand, habe ich angefangen, ihnen welche zu bauen – aus Holzspänen – mit Stühlen, Betten und Tischen drin. Da hat es mich gepackt. Seit damals bin ich besessen davon, winzige Dinge zu bauen. Ich dachte: Das ist doch viel besser, als in die Schule zu gehen.

Haben Ihre Eltern das auch so gesehen?

Nicht direkt. Meine Mutter war sehr böse, als sie herausgefunden hat, dass ich dauernd schwänze. Aber dann habe ich ihr die Ameisenhäuser gezeigt. Sie war fasziniert und sagte: »Wenn du es schaffst, die kleinsten Skulpturen der Welt zu schnitzen, dann wird dein Name umso größer werden.«

Und davon haben Sie ab sofort geträumt?
Ja. Ich war schließlich ein einsames Kind; meine Klassenkameraden wollten nicht mit mir spielen – und ich nicht mit ihnen. Also habe ich in meinem Zimmer getüftelt: Ich habe mir kleine Werkzeuge aus Streichhölzern und Nadeln gebaut und damit Skulpturen aus
Kabelstückchen geschnitzt, manchmal Menschen, manchmal Tiere oder kleine Häuser. Die habe ich meiner Mutter gezeigt, und sie hat gesagt: »Mach sie noch kleiner!« Daraufhin habe ich ein Mikroskop aus unserer Schule gestohlen, um sie noch kleiner zu machen. Bis heute weiß niemand, dass ich es war.

Nur ist zwischen kleinen Figuren und jenen, die in ein Nadelöhr passen, ein großer Unterschied. Was ist reizvoll daran, sie so winzig zu machen?
Die Idee mit dem Nadelöhr habe ich aus dem Fernsehen. Jemand zitierte den Satz aus der Bibel: »Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher ins Himmelreich.« Da hab ich gedacht: Hey, ich schnitze Kamele und setze sie in ein Nadelöhr. Beim ersten Versuch sahen sie allerdings aus wie Hunde, die Hälse waren zu kurz. Also habe ich es noch einmal versucht. Am Ende hab ich sie aus gezupften Teppichfasern geschnitzt.

Wie schaffen Sie es, nicht zu zittern?
Eine Gabe der Natur. Als Kind habe ich trainiert. Ich bin still gestanden, drei, vier Stunden lang, ohne mich zu bewegen, und habe kleine Sachen auf meinen Fingern balanciert. Dabei habe ich gemerkt, dass meine Hände so ruhig sind wie ein Fels. Meine Arbeit erfordert nach wie vor eine Menge Training.

Welches denn?
Es fiel mir nicht schwer, mich ruhig zu halten, aber um noch kleinere Skulpturen schnitzen zu können, musste ich meine Atmung ändern. Ich atme sehr, sehr langsam, um auch meinen Herzschlag zu verlangsamen. Schon der Puls in meinem Finger kann die Figuren zerstören. Also habe ich angefangen, zwischen meinen Herzschlägen zu schnitzen und zu malen. Da sind meine Bewegungen viel präziser.

Moment mal: zwischen zwei Herzschlägen? Wie geht das denn?
Mit Konzentration. Ich habe mir schon früh beigebracht, auf meinen Herzschlag zu hören. Nur in der Zeit zwischen einem Herzschlag und dem nächsten sind Hände und Atmung ruhig genug.

Das heißt, Sie unterbrechen permanent Ihre Arbeit?
Es ist eher eine Art meditativer Zustand. Das ist körperlich sehr, sehr anstrengend.

Was sind die größten Schwierigkeiten, mit denen Sie zu kämpfen haben? Zugluft?
Eher die elektrostatische Aufladung meiner Hände. Dadurch kann eine winzige feine Faser einfach wegfliegen. Außerdem brauche ich einen sehr ruhigen Raum; ich arbeite oft nachts, weil dann weniger Verkehr ist: Schon ein vorbeifahrendes Auto kann zu viel Erschütterung sein. Leider ist auch die Vibration von Musik gefährlich – ich höre sehr gern Jazz und Soul, aber nur, wenn ich nicht arbeite.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Von selbstgemachten Werkzeugen, das richtige Material und die Käufer seiner Werke.

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