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aus Heft 49/2009 Kino/Film/Theater Noch keine Kommentare

Und auf einmal hatte das schwarze Amerika eine neue Heldin

Alles begann so: Gabourey Sidibe saß an einem Sonntag nach ihrer Arbeit als Callcenter-Telefonistin in ihrer Küche und trank Tee. Ihr Mitbewohner Adam erzählte ihr von einem Casting, bei dem Laiendarsteller gesucht wurden – bald sollte, hier in Harlem, nur ein paar Blocks weiter, der berühmte Roman Push verfilmt werden; und der Regisseur Lee Daniels suchte noch immer eine Darstellerin für seine Hauptrolle. »Sie wollten ein sehr dickes Mädchen«, sagt Gabourey Sidibe, 26 Jahre alt, 168 Kilo schwer, »und da kam ich ja wohl in Frage.« Trotzdem zögerte sie, denn sie wusste, um welche bedeutungsschwere Rolle es gehen würde: Als Teenager hatte sie das Buch verschlungen – wie die meisten jungen Afroamerikaner.

Von Lars Jensen 



Push von der New Yorker Schriftstellerin Sapphire ist für schwarze Jugendliche ein literarisches Schlüsselwerk wie Der Fänger im Roggen für die weißen: Das Buch erzählt die Geschichte der 16-jährigen Claireece Jones, genannt Precious, im Harlem des Jahres 1987. Sie ist fettleibig, Analphabetin, zum zweiten Mal schwanger vom eigenen Vater, HIV-positiv, von der Mutter abwechselnd zum Oralverkehr mit ihr gezwungen oder durch die Wohnung geprügelt. Precious versucht der Hölle zu entkommen, indem sie lesen, schreiben und rechnen lernt.

»Ich konnte mich mit Precious identifizieren«, sagt Gabourey Sidibe. »Nicht weil ich misshandelt worden wäre wie sie. Aber ich bin oft gehänselt worden.« Doch nun fehlte ihr das Selbstbewusstsein, um sich für den Film zu bewerben. Zum Glück war ihre Mutter Alice Tan Ridley vom Talent ihrer Tochter überzeugt. Ridley verdient ihren Unterhalt mit dem Singen von Gospels in der U-Bahn-Station am Times Square. Der Tochter hatte sie singen und tanzen beigebracht, doch Gabby, wie sie sie nennt, wollte lieber Psychologie studieren.
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Am Sonntagabend hatte Ridley ihre Tochter überredet, es zu versuchen. Am Montag fand das Casting statt. Am Dienstag sagte der Regisseur Lee Daniels Gabby Sidibe die Rolle zu. Am Mittwoch kündigte sie ihren Job im Callcenter. Am Donnerstag betrat Sidibe die Probebühne mit ihren Filmpartnern Mariah Carey, Lenny Kravitz und der Komikerin und Moderatorin Mo’Nique, dem schwarzen Pendant zu David Letterman. Kaum ein Jahr später ist sie erklärte Favoritin für den Oscar, Talkshows laden sie als Stargast ein, ihr Foto erscheint auf den Titelseiten.

Gabourey Sidibe spielt die Rolle der Precious nuschelnd und stammelnd; als ein geistig und emotional beschränktes Mädchen mit einer eigenen, primitiven Sprache, die nur noch wenig mit Englisch zu tun hat. Sobald sie die Haustür öffnet, brüllt die Mutter (gespielt von Mo’Nique) auf sie ein, schlägt ihr eine Pfanne auf den Kopf, tritt ihr in den Bauch. Es ist der pure Hass, den Precious stoisch erduldet.

Sie muss sich um ihr Down-Syndrom-Kind kümmern und ein weiteres Baby zur Welt bringen. Sie muss zur Sonderschule gehen – weil ihre Sozialarbeiterin droht, die Sozialhilfe zu streichen. Die Sozialarbeiterin wird von Mariah Carey gespielt, die ungeschminkt im lottrigen Strickmantel kaum zu erkennen ist.

Precious führt das Leben einer Aussätzigen, ignoriert von Fremden, verachtet von Bekannten. Trotzdem spürt man in jeder Sekunde, dass ihr Stolz und ihre Würde intakt sind. Sie will überleben, sie wird überleben. Eine Figur wie Precious haben wir im Kino lange nicht gesehen: der Bodensatz der Gesellschaft und gleichzeitig eine überlebensgroße Heldin. So viel Leid, so viel Grauen, so viel düsterer Realismus – Precious hat nichts gemein mit den Sozialdramen, die Hollywoods Studios jedes Jahr pünktlich zur Oscar-Saison veröffentlichen.

Regisseur Lee Daniels schuf einen bemerkenswerten Film, beeinflusst vom Neorealismus, von den Melodramen, die Douglas Sirk in den Fünfzigerjahren drehte, von Spike Lees Frühwerken. Der Erfolg übertrifft alle Erwartungen: Auf dem Filmfest in Cannes bekam der Film die längsten Standing Ovations in der Geschichte der Festspiele; auf dem Sundance-Festival und den Filmfesten von Toronto, New York, San Sebastian und London gewann er Jury- und Publikumspreise; am Startwochenende spielte er über 100 000 Dollar pro Kino ein, was zuvor noch keinem Film gelungen war – ein dickes schwarzes Mädchen übertrumpft Transformers, Titanic, Batman. Nun ist Precious Favorit für gleich mehrere Oscars, darunter die für das Drehbuch und den besten Film.


(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wenn dieser Stoff in die falschen Hände geraten wäre, hätte ein Desaster passieren können.)

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