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aus Heft 51/2009 Sport 2 Kommentare

Angst essen Seles auf

Ein Messer, ein Schmerz, und nichts war mehr wie vorher. Die faszinierende Geschichte einer Frau, die sich nach einem Attentat in ihr Leben zurückkämpfen musste­, und heute eine andere ist: die Geschichte der Tennisspielerin Monica Seles.

Von Beatrice Schlag 




Hamburg Rothenbaum, Centre-Court, 30. April 1993. Monica Seles gewinnt im Viertelfinale gegen Magdalena Maleeva den ersten Satz und liegt im zweiten 4 : 3 vorn. Seitenwechsel, kurze Pause. Seles setzt sich, wischt mit dem Handtuch übers Gesicht, denkt, noch zwei Games, dann kannst du dich hinlegen. Sie ist seit über zwei Jahren die Nummer eins im Frauentennis und 19 Jahre alt. Die Strapazen der Tour, die Jetlags und Klimawechsel setzen ihr zu.

Sie hat gerade Ferien gemacht, weil sie nach New York, Melbourne, Chicago und Paris im Hotel kaum noch den Weg vom Bett zum Klo schaffte, ohne dass ihr schwindlig wurde. Hamburg ist ihr erstes Spiel seit sieben Wochen, ein Aufwärm-Turnier vor den French Open. Sie hat keine Zweifel, dass sie Hamburg gewinnt. Roland Garros wird härter werden. Steffi Graf will Revanche. Sie beugt sich zur Wasserflasche vor. Diese Bewegung, sagen die Ärzte später, habe sie wahrscheinlich davor bewahrt, heute im Rollstuhl zu sitzen.

Die meisten Leute wollen wissen, ob es wehtat, als Günter Parche sie in den Rücken stach. »Es war ein grausamerer Schmerz, als ich ihn mir je hätte vorstellen können«, sagt Monica Seles. Sie dreht sich reflexartig um, als sie den Knall in ihrem Körper spürt, und sieht in der ersten Zuschauerreihe einen Mann mit einer Baseball-Mütze und einem merkwürdig verzerrten Gesicht. Er hat ein Messer in den über dem Kopf erhobenen Händen und will eben ein zweites Mal zustechen. Sie ist unfähig, sich zu bewegen. Parche wird von Zuschauern zurückgehalten. Monica Seles steht auf, geht ein paar Schritte Richtung Netz, dann knickt sie ein.
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Die Schulterverletzung ist nicht dramatisch. Der Einstich knapp neben der Wirbelsäule ist dreieinhalb Zentimeter tief. Er hat Muskel- und Fasergewebe beschädigt, das Schulterblatt ist unversehrt. Mit Glück, sagen die Ärzte, kann sie in fünf Wochen wieder trainieren. Sie erfährt, dass der Attentäter ein paranoider Steffi-Graf-Fan ist, der nicht ertragen konnte, dass Seles seine Lieblingsspielerin von der Spitze verdrängt hatte.

Am 1. Mai besucht Steffi Graf sie im Krankenhaus. Nur ein paar Minuten, sie muss gleich wieder los, das Finale spielen. Finale, denkt Monica Seles, welches Finale? Sie hat zwischen Schock und Schmerzen selbstverständlich angenommen, dass das Turnier nach dem Anschlag abgebrochen wurde.
Nach Steffi kommen zwei Polizeibeamte. »Gehört das Ihnen?«, fragt die eine Polizistin und zieht ein blutbeflecktes Fila-Shirt aus einer Plastiktüte. Monica Seles wird schlecht. Sie nickt. Der zweite Beamte hält ihr ein
langes, mit getrocknetem Blut verklebtes Messer hin. Kaum sind die beiden weg, übergibt sie sich.

»Ich bin niedergestochen worden«, schreibt sie in ihrem bislang nur auf Englisch erschienenen Buch Getting a Grip (Sich in den Griff kriegen), »auf dem Tennisplatz, vor zehntausend Leuten. Es ist nicht möglich, distanziert darüber zu sprechen. Es veränderte meine Karriere unwiderruflich und beschädigte meine Seele. Ein Sekundenbruchteil machte aus mir einen anderen Menschen.«

14 Jahre zuvor hielt sie zum ersten Mal einen Tennisschläger in der Hand. Er ist fast so groß wie sie und gehört ihrem acht Jahre älteren Bruder Zoltan, der bereits Junioren-Turniere spielt. Ihrem Vater Karolj, einem ehemaligen Leichtathleten, fällt auf, dass die Fünfjährige den riesigen Schläger hält, als habe er kein Gewicht. Seine Tochter muss ungewöhnlich starke Handgelenke haben. Monica ist begeistert von dem neuen Spiel.

Karolj Seles hat keine Pläne für seine Kinder, außer, dass sie möglichst glücklich sein sollen. Wenn sein Mädchen unbedingt Tennis spielen will wie ihr Bruder, soll sie das tun können. Irgendwann fährt er, wie schon Jahre zuvor für Zoltan, den siebenstündigen Weg nach Italien, weil es dort Schläger für Kinder gibt.

Der Tennis-Club ihrer Heimatstadt, dem heutigen serbischen Novi Sad, will keine Fünf-jährige zulassen. Karolj Seles spannt Schnüre zwischen geparkte Autos und die Wand des Häuserblocks, in dem sie wohnen, und erklärt das Terrain zu ihrem Privatplatz. Da Tom und Jerry der Lieblingscartoon seiner Tochter ist, bemalt der Vater, Polit-Karikaturist für verschiedene jugoslawische Tageszeitungen, ihre Tennisbälle mit Jerry-Mausköpfen. Sie ist Tom und jagt Jerry, Ball für Ball, Tag für Tag.

»Du hörst sofort auf, wenn es keinen Spaß mehr macht«, sagt der Vater. Mutter Ester, die als Buchhalterin arbeitet, kann mit Sport nichts anfangen. Sie versteht nicht, warum Monica auf dem Parkplatz stundenlang verbissen auf Bälle eindrischt. Sie hätte sich weiblichere Beschäftigungen gewünscht. Aber ihre Tochter ist ein glückliches Papakind. Ester Seles hat nicht die Absicht, daran zu rühren.

Als Monica nicht mehr nur gegen Vater und Bruder spielen will, nehmen Tennistrainer den Vater beiseite. Seine Tochter spielt sowohl Vorhand wie Rückhand mit beiden Händen. »So spielt man nicht Tennis«, sagen sie, »so wird sie nie eine große Spielerin werden.« Karolj Seles antwortet, das sei nun einmal, wie seine Tochter beschlossen habe zu spielen. »Mein Künstlervater sah die Tennis-Welt mit einem absolut freien Kopf«, sagt
Monica Seles, »es interessierte ihn nicht, wie Dinge immer gemacht worden waren, sondern ob sie funktionierten.«

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Monica Seles dachte, dass das Tennisturnier nach dem Attentat auf sie sicher beendet werden würde. Sie hatte sich getäuscht – Steffi Graf spielte im Finale.)

Kommentare

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  • Juliu Vogel (0) I hätte anzumerken, dass zwei Jahre auf Bewährung für einen Mordversuch eine Schande sind und das totale Versagen der deutschen Justiz in diesem Fall und vielen weiteren dokumentieren. Wenn ich die Geschichte lese schäme ich mich für Deutschland und würde es Monica Seles am liebsten gleich tun, und hier nie wieder meinem Beruf nachgehen.
  • Michael Klein (0) Wirklich sehr lesenswerter Artikel. Danke dafür.

    Ich hätte lediglich eine kleine Anmerkung:
    Steffi Graf sagte in einer Pressekonferenz kurz nach dem Attentat wörtlich: "Jeder hat mit Verletzungen zu kämpfen".
    Anscheinend ist dieser Satz nur mir unangenehm aufgefallen, jedenfalls habe ich ihn nie zitiert gesehen.