7. Die Angst
Wir kommen am »Hotel Serena« vorbei, ein 5-Sterne-Hotel, von dem ich schon viel gehört habe. Mein Beifahrer erzählt, dass es mit das am besten gesicherte Hotel der Welt ist. Zweieinhalb Stunden später hören wir Schüsse aus Sturmgewehren, außerdem drei kleinere und eine große Detonation. Am Abend erfahren wir, dass am »Hotel Serena« etwas passiert ist: Zwei Attentäter sind mit Sturmgewehren und Handgranaten hin und haben die Wachposten erschossen. Einer hat sich dann mit einem Sprengstoffgürtel in die Luft gejagt. Ein seltsames Gefühl, wenn man gerade erst da vorbeigefahren ist.
Oberfeldwebel Dominik Hirz, 30, Kabul 2008.
Im Moment ist hier alles sehr schwierig. Erst der Raketenangriff auf das Camp, und dann wurde heute eine Patrouille angesprengt (keine deutsche). Viele Leute aus unserem Zug sind genervt oder haben Angst. Auf jeden Fall ist hier Scheiß-Stimmung. Fast jeder meckert über jeden.
Oberstleutnant Markus Mossert, 35, Masar-i-Scharif 2009.
Viele Menschen tummeln sich auf der Straße, alle mit diesen wallenden Klamotten, unter denen sich so viele unschöne Dinge verbergen lassen. Man ahnt wirklich nicht, wer einem wohlgesinnt ist und wer ein bisschen weniger. Entsprechend zügig bewegen sich die Konvois durch die Stadt. Wenn ich das Lager verlasse, ist Nervosität immer dabei.
Stabsoffizier Hermann West, 40, Kabul 2008.
Gestern Abend mit einem komischen Gefühl meine Ausrüstung fertig gemacht. Es geht nach Kundus. In den Krieg? Jedenfalls sterben dort Menschen.
Oberstleutnant Boris Barschow, 42, Masar-i-Scharif 2009.
Du fragst nach Angst. Zum Glück bislang nicht. Ich bin da mit einem kühlen Gemüt gesegnet. So richtig Schiss hatte ich bislang nur beim Klettern in den Bergen und auf der Autobahn.
Hauptfeldwebel Rolf Schmitz, 27, Kundus 2009.
Heute bekam ich die Bestätigung dafür, dass ich richtig gelegen hatte mit meiner Vermutung, was Oberleutnant Zillner * angeht. Er war Zugführer des zweiten Zuges und wurde heimgeflogen. Angeblich Bluthochdruck, aber jeder wusste, dass das nicht stimmte. Es war einfach zu viel für ihn. Er ist mit dem Einsatz nicht zurechtgekommen und hat nervliche Probleme bekommen.
Stabsoffizier Lars Stock, 29, Masar-i-Scharif 2007.
Weihnachten in Afghanistan, VII.
In den letzten Tagen wurde unser Feldpostdienst mächtig strapaziert. Berge von Päckchen mit Süßigkeiten, Backwaren und Geschenken kamen herein oder wurden aus dem Einsatzland nach Hause geschickt.
Brigadegeneral Bernd Kiesheyer, 62, Kundus, im Dezember 2005.
Guten Morgen, Spatz, heute ist Schneeregen, ungemütlich und kalt. Ich habe leider keine Weihnachtsgeschenke! Natürlich kann ich hier afghanischen Schmuck kaufen, aber ich kann ja nicht jedem irgend so was schenken …
Oberstleutnant Bertram Hacker, 61, Kundus, im November 2003.
8. Die Toten
Die Flaggen vor unserem Stab waren in letzter Zeit erfreulich häufig oben, das ist jeden Morgen der erste bange Blick, noch vor dem Briefing: kein Halbmast, keine gefallenen Kameraden.
Stabsoffizier Hermann West, 40, Kabul 2008.
Wir parken den Panzer und gehen zu den Kameraden ins Rettungszentrum. Dort herrscht eine ganz eigenartige Stimmung, die Betriebsamkeit, die bei Notfällen üblich ist, ist nahezu abgeklungen. In den Gesichtern Trauer und Entsetzen. Jeder weiß, dass der Einsatz Risiken birgt, aber die persönliche Konfrontation mit gefallenen Kameraden ist etwas ganz anderes. Die Fahrerin des BAT weint und wird getröstet. Der Gefallene war MG-Schütze Oberluke. Dort hat er einen Treffer in den linken oberen Thorax bekommen, sodass der Arm im Schultergelenk fast komplett amputiert wurde. Als er zum BAT gebracht wurde, war er bereits tot, die Wunde hat nicht mehr geblutet. Der Rettungsassistent trug noch die blutverschmierte Hose, der Panzer wurde vor dem Rettungszentrum von einigen Freiwilligen ausgeräumt und gesäubert.
Oberstabsarzt Jens Weimer, 34, Kundus 2009.
Der Tod der beiden Kameraden in Kundus hat uns alle erschüttert und gezeigt, dass es gar nicht fremder Gewalt bedarf, sondern der Einsatz als solcher bereits ein erhebliches Risiko darstellt. Jedoch bedarf es gerade solcher Momente, um Sorglosigkeit und Nachlässigkeit der Mannschaften zu vertreiben und uns alle an die alltägliche Gefahr zu erinnern.
Stabsarzt Christian Werner, 38, Kabul 2005.
Gestern lief durch die deutsche Presse, es wären 4 US-Amerikaner im Süden bei Gefechten getötet worden. Die ebenfalls getöteten vier afghanischen Soldaten interessieren keinen. Sind aber auch Söhne von Müttern oder Väter von Kindern.
Hauptmann Marc Jötten, 53, Kabul 2004.
Auf dem Ehrenwachenplatz stehen ein großes Foto des Gefallenen und ein Kranz. Jeweils zwei Kameraden, die sich halbstündlich abwechseln, halten Ehrenwache. Der Kompaniechef und der Spieß machen den Anfang. Auf einem Tisch liegt ein Kondolenzbuch aus. Zuerst stehen die Soldaten des Jägerbataillons 292 aus Donaueschingen an. Jeweils zu zweit treten sie heran; militärischer Gruß, kurzes Innehalten, ein Eintrag ins Kondolenzbuch. Ich stelle mich dazu. Geredet wird fast gar nicht, einige Soldaten können die Tränen nicht zurückhalten.
Oberstabsarzt Jens Weimer, 34, Kundus 2009.
Anzeige
Bestimmt hast Du erfahren, was hier zurzeit los ist. »Die Schweine haben uns voll erwischt«, hat der Major gesagt. Heute war Antreten zum Gedenken an die Toten. Jetzt sieht man auf einmal alles anders.
Unteroffizier Frank Ort*, 26, Kabul 2005.
Heute habe ich den ersten Gefallenen (einen Afghanen) in meinem Bataillon zu verzeichnen gehabt, das erste Mal in meinem Berufsleben als Soldat, dass ich einen im Gefecht Getöteten »papiermäßig« aus der Truppenstärke abschreiben musste. Schon ein eigenartiges Gefühl. Er war ein sehr guter Mann. Wie immer, die Guten trifft es zuerst.
Hauptmann Marc Jötten, 53, Kabul 2004.
Bei mir ist alles okay, nur ein bisschen geschockt wegen Kundus. Der Kamerad war aus meiner Nachbarkompanie, wird morgen ausgeflogen. Die Verletzungen sind nicht allzu schwer, man macht sich mehr um das Seelische Sorgen. War ein Stabsgefreiter, den es erwischt hat.
Unteroffizier Frank Ort, 26, Kabul 2006.
Tut mir leid, dass ich heute nicht ausführlicher schreiben kann, aber Sie können sich sicherlich vorstellen, was hier nach dem Sprengkörper-Unglück los ist. Morgen geleite ich die Überführung der Toten nach Deutschland.
Militärdekan Joachim Simon, 49, Kabul 2002.
Immer wieder reisen auch Angehörige der ums Leben gekommenen Soldaten für einen Tag an. Angehörige der sieben Opfer des Hubschrauberabsturzes am 21. Dezember letzten Jahres, der vier Toten des Busanschlags von Anfang Juni
und der drei Minenopfer. Sie wollen die Lebens- und Arbeitsbedingungen ihrer Ehemänner, Väter und Söhne im Camp Warehouse sehen und auf dem Internationalen Friedhof beten, sie wollen aber auch die Unglücksstellen besuchen, um Abschied zu nehmen. Feldjäger und Scharfschützen überwachen das Gelände. Oberleutnant Claus Liesegang, 41, Kabul 2003.
Weihnachten in Afghanistan, VIII.
Wir hatten hier gestern schon Silvester: sieben Raketen auf ein nahes Lager. Aber auch den Taliban sind wohl schon die Finger klamm, keine hat getroffen …Vor dem HQ steht ein von den Deutschen gespendeter Weihnachtsbaum, an der Antenne bei den Fernmeldern klettert ein Plastik-Nikolaus hoch, und vor unserem National Support Element haben wir einen großen Adventskranz befestigt – keine Frage, in Afghanistan weihnachtet es sehr, so viel Kulturimperialismus sei uns gestattet. In diesem Sinne: Nochmals frohe Weihnachten!
Stabsoffizier Hermann West, 40, Kabul 2008.
9. Ablenkung im Lager
Vielfach ist die Freizeit der Kameraden, vor allem der Mannschaften und Unteroffiziere, durch die gleichen Dinge wie zu Hause bestimmt: Formel 1, Fußball, Musik. Innerhalb des Lagers bildet sich eine kleine heile Welt, und wenn man will, braucht man sich gar nicht auf Land und Leute einzulassen. Zumal ein großer Teil der Brigade gar nicht aus dem Lager rauskommt.
Stabsarzt Christian Werner, 38, Kabul 2005.
Die meisten deutschen Soldaten stecken im Lager fest und langweilen sich oft genug. Mit allen Folgen. Das ist dann vielleicht am ehesten mit offenem Strafvollzug zu vergleichen.
Hauptfeldwebel Rolf Schmitz, 27, Kundus 2009.
Abwechslung bietet gerade ein kleines Fußballturnier, fünf gegen fünf auf einem Handballfeld. Wir Deutsche haben uns gefakte Nationaltrikots mit dem Bundesadler besorgt, nach Auftakterfolgen gegen die Fußballriesen Kanada und USA gab’s jetzt schön eins auf die Mütze gegen Rumänien und Frankreich. Briten und Mazedonier wurden nach einer heftigen Schlägerei disqualifiziert, schön, wie viel Aggressivität hier im Lager herrscht. Zum Glück bin ich meist der Dienstgradhöchste und werde entsprechend weniger gefoult, aber kein Vergleich gegen die Samthandschuhe, mit denen der türkische General angefasst wird … Stabsoffizier Hermann West, 40, Kabul 2008.
Zwei Drittel der Kompanie sind mit dem Kicker-Virus infiziert. Verliert man zu null, muss man unter dem Tisch durchkrabbeln und dies mit Unterschrift auf der Unterseite beurkunden. Mittlerweile habe ich vier oder fünf Striche hinter meinem Namen.
Oberstabsarzt Jens Weimer, 34, Kabul 2006.
Es gibt außerdem ein Kino und ein überfülltes Fitnessstudio sowie Kartenspiel-Turniere, Beachvolleyball-Spiele und und und. Genug Programm also für die relativ spärliche Freizeit.
Oberleutnant Claus Liesegang, 41, Kabul 2003.
Vor zwei Wochen war Feldgottesdienst. Gebete und Predigt waren in Ordnung, die Liedauswahl weltlich und depressiv (Let it be, Wo sind all die Blumen hin und Über den Wolken), aber mit unserem Einsatzoffizier war es ein nettes Singen.
Oberstabsarzt Jens Weimer, 34, Faisabad, 2004.
Der Zuspruch vieler Soldaten zum Angebot der Militärseelsorge ist ermutigend. Das Zimmer, das ich mit einem evangelischen Amtsbruder im Stabsgebäude teile, ist zu einem beliebten Treffpunkt und Kommunikationszentrum für das Feldlager geworden.
Militärdekan Joachim Simon, 49, Kabul 2002.
Im »Camp Warehouse« gibt es fünf offizielle Betreuungseinrichtungen, sprich: Kneipen. Die der Sanitäter heißt zum Beispiel »SanShine-Bar«, die der Fernmelder »Coyote Ugly«. Alkohol darf von 19 bis 22 Uhr ausgeschenkt werden, aber nur Bier und Wein. Um 22:30 ist Zapfenstreich, bis auf samstags, da geht es eine Stunde länger. Beim Bier gilt die Zwei-Dosen-Regelung. Die wenigen, die das ernst nehmen, trinken dann halt Flaschenbier weiter.
Oberstabsarzt Jens Weimer, 34, Kabul 2006.
Vor gut einer Woche kam Freddie Man-dera, die selbst ernannte Voice of Western Music, ins »Camp Warehouse«. Was in dem Zelt los war, als 400 Soldaten, Freibier in der Hand, mit ihm »Country Roads, take me home« gesungen haben, könnt ihr Euch nicht vorstellen. Selbst Seine Exzellenz der deutsche Botschafter Rainer Eberle war zu dem Konzert gekommen und rockte ab, dass dem stellvertretenden nationalen Befehlshaber die dicke Zigarre im Mund erlosch. Ich muss zugeben, auch ich war sehr erstaunt. Anschließend ließ der Botschafter sich schweißgebadet in seiner dunkelblauen Mercedes-Panzerlimousine nach Hause chauffieren.
Oberleutnant Claus Liesegang, 41, Kabul 2003.
Im »Coyote Ugly« gibt es donnerstags selbst gemachte Bowle für zwei Euro den Becher, dazu einen DJ mit meist guter Musik. Der »Coyote« ist dann immer gerammelt voll, sieht fast aus wie in einer Dorfdisco, nur dass alle das Gleiche anhaben, inklusive Waffe auf dem Rücken. Und dass keiner tanzt. Angesichts des Alkoholgehalts der Bowle und des daraus resultierenden Alkoholgehalts einiger Soldaten ist es in meinen Augen ein Wunder, dass es dort noch nicht zu Schießereien gekommen ist.
Oberstabsarzt Jens Weimer, 34, Kabul 2006.
Seit IFOR wird Lale Andersens Lili Marleen in allen Auslandseinsätzen der Bundeswehr zum Ende des Programms von Radio Andernach, dem Einsatzradio der Bundeswehr, gespielt – und damit auch als Rausschmeißer aus den Betreuungseinrichtungen jeden Abend um kurz vor 22 Uhr … Das Lied erzeugt ein seltsames Zusammengehörigkeitsgefühl. Wenn man es zu Hause hört, weckt es sofort Erinnerungen. Lili Marleen ist ein Stück der Kameradschaft, ein Teil dieses merkwürdigen Gefühls, das mir nicht gelingen will, jemandem zu beschreiben, der es nicht selbst erlebt hat.
Oberleutnant Claus Liesegang, 41, Kabul 2003.
Ab halb elf werden die Lichter in den Lagerwegen ausgemacht, um keine Zielscheibe zu bieten, leise klagt der Muezzin, und man steigt in die Federn. Stabsoffizier Hermann West, 40, Kabul 2008.
Nachts ist nicht nur Krieg. Man darf nicht unterschätzen, was so eine Zeit zwischen Männern und Frauen hier im Lager anrichtet. Es passiert schnell – aus Einsamkeit oder der Suche nach Ablenkung –, dass sich manche mal kurz oder lang finden, was häufig auch seine Auslöser oder seine Folgen zu Hause hat. Dies alles ist aus meiner Sicht die eigentliche Schwierigkeit: aus dem Etappenhorror einigermaßen aufrecht wieder zurückzukehren.
Hauptfeldwebel Rolf Schmitz, 27, Kundus 2009.
Vorgestern ist passiert, was einmal passieren musste: Am Abend unseres Kontingentfestes hat in einem Toilettencontainer eine Spanierin mit einem Kanadier gepoppt und sich dabei von deutschen Feldjägern erwischen lassen. Jetzt fahren beide nach Hause, und zwar: getrennt. Der ISAF-Auftrag lautet zwar im weitesten Sinne, Liebe in dieses Land zu bringen, doch die eben erwähnte Interpretation von »Make love not war« verstößt gegen die Vorschriften. Als ich die Geschichte hier in meinem Büro erzählte, schwieg die Kanadierin betroffen, der Ire lachte und rief: »Hell, yeah!« Und der Rumäne fragte trocken: »Welche Spanierin war es denn?« Nun, worauf ich hinauswill: Hier in Afghanistan spielt die multinationale Kooperation eine sehr große Rolle.
Oberleutnant Claus Liesegang, 41, Kabul 2003.
Ich vermisse Euch ganz doll, und meine Stimmung schwankt auch immer hoch und runter. Am schlimmsten ist es, wenn ich die Kinder weinen höre oder wenn Deine Stimme nicht so gut klingt. Das tut mir schon gewaltig weh in meinem Herz. Viele tausend Küsse an Euch. ICH LIEBE DICH!!
Oberstleutnant Markus Mossert, 35, Masar-i-Scharif, 2009. (Er verließ nach dem Einsatz Frau und Kinder – für eine Kameradin.)
In meinem Zug stehen wohl eine Beziehung und eine Ehe kurz vor dem Aus, und ich hoffe für meine Kameraden, dass sie noch mal die Kurve kriegen.
Stabsoffizier Hermann West, 40, Kabul 2008.
Weihnachten in Afghanistan, IX.
Weihnachten am Hindukusch. Ziel des Tages ist wohl bei allen, diesen Tag nicht nüchtern überstehen zu müssen. An unseren Plätzen warten mit unserem Wappen gravierte Tassen, als Geschenk des Kontingents. Später gibt es dann die Geschenke der Bundeswehr. Wie üblich ist alles beim Bund nach Typen geordnet, ich bekomme Typ 4: ein Lineal mit Rechner und ein Kuli.
Stabsoffizier Lars Stock, 29, Masar-i-Scharif, im Dezember 2006.
10. Sehnsucht
Ich vermisse Euch alle sehr. Den Umständen entsprechend geht es mir gut. Macht Euch keine Sorgen. Bereitet lieber schon mal meine Party vor! Ich glaube, einen glücklicheren Menschen wird es nicht geben als mich, an dem Tag, an dem ich wiederkomme!!
Hauptgefreiter Robert Klein, 23, Kabul 2007.
Ich habe mich über jeden Anruf, jede E-Mail, jede Nachricht bei ICQ oder Skype und jeden Brief, Paket oder Postkarte aus der Heimat gefreut! Insgesamt erreichten mich hier unten 65 E-Mails, 293 Nachrichten bei StudiVZ und sage und schreibe 638 (!!!) Rufvorgänge aus Deutschland. Dazu habe ich unzählige Nachrichten via ICQ Skype bekommen. Diese Unterstützung hat mir tierisch geholfen, die Zeit so gut rumzubekommen.
Oberfeldwebel Frank Carsten*, 28, Kabul 2007.
Dein Schutzengel leuchtet mir abends und erinnert mich daran, vorsichtig zu sein. Aber wir passen auf und vermeiden unnütze Fahrten. Um mich brauchst Du sicher keine Angst zu haben!
Oberstleutnant Bertram Hacker, 61, Kabul 2002.
Liebe Tochter: Nachdem ich den Afghanen unsere Familienfotos gezeigt habe, haben sich zwei als Schwiegersöhne beworben. Der eine spricht mich schon als Schwiegervater an. Anbei Fotos. Soll ich beiden absagen, nur einem, oder willst Du beide? (Scherz!! Grins!! Lach!!)
Hauptmann Marc Jötten, 53, Kabul 2004.
Weihnachten in Afghanistan, X.
Ich hab Euch zu Weihnachten was eingepackt! Mama, Du kriegst die Bernsteinkette, beste afghanische Qualität! Tani, du den Lapislazuli-Stein. Hat keine magische Wirkung oder so. Magische Wirkung haben hier die Panzerabwehrminen, wenn Du verstehst, was ich meine. Und die Dromedare sind für Dich, Anton, ich hoffe, sie haben den Transport überstanden. Papa, Du kriegst die Paschtunen-Mütze. (Übrigens trägt Osama bin Laden auch so eine!) Ich freue mich schon auf Euer Paket! Frohe Weihnachten, Euer Robert
Hauptgefreiter Robert Klein, 23, Kabul, im Dezember 2006.
Gestern Nachmittag haben wir mit unserem Pfarrer die vierte Kerze an unserem Adventskranz angezündet. Weihnachten hat schon noch eine große Bedeutung. Viele, die sich sonst etwas mehr raubeinig darstellen, werden schweigsamer. Man rückt zusammen, kümmert sich um die Verzagten.
Brigadegeneral Bernd Kiesheyer, 62, Kundus, im Dezember 2005.
11. Abschied
Jetzt freue ich mich schon so richtig auf zu Hause. Endlich wieder frische Luft, grüne Landschaften, mich endlich wieder frei bewegen können, angeln gehen, das machen, worauf man Lust hat. Das alles werde ich noch viel mehr zu schätzen wissen. Ich mache mir schon Gedanken um meine Heimkehr. Wie wird es sein? Habe ich mich verändert? Wie werde ich mich in der Öffentlichkeit fühlen, ohne Waffe, ohne schusssichere Weste, ohne ungepanzertes Auto?
Oberfeldwebel Dominik Hirz, 30, Kabul 2008.
127 Tage Afghanistan. Auf vieles kann man sich kaum vorbereiten. Teilweise wurden wir von dem Dienstherrn allein gelassen, aber jeder Einzelne von uns hat das Beste aus der Situation gemacht. Hier unten hat man aber auch gesehen, dass der Mensch sich an fast alles gewöhnen kann. Zum Schluss war das alles hier Normalität. Man ist nicht mehr bei jedem Knall zusammengezuckt und merkte bald, dass nicht in jedem Afghanen ein mutmaßlicher Terrorist steckt.
Oberfeldwebel Frank Carsten, 28, Kabul 2007.
Ich freue mich auf lange Spaziergänge in Freiheit, ohne an Mauern zu stoßen, und darauf: ohne Anspannung inmitten von Menschenmengen auf dem Weihnachtsmarkt zu stehen.
Hauptfeldwebel Rolf Schmitz, 27, Kundus 2009.
NOCH 15!!! Irgendwie nicht vorstellbar, in vier Wochen wieder in meinem Büro in Köln zu sitzen und »langweilige« Büroarbeit, ganz ohne Staub, Affenhitze und Sprachmittler, zu verrichten.
Hauptmann Marc Jötten, 53, Kabul 2004.
Nicht viel Neues von hier, hatten letzte Woche paarmal Alarm wegen Raketen und Mörsern. Sonst ruhig. Die Woche muss ich wieder viel raus, zu den Schweden und zu den Amis. Wird wieder spannend. Aber nicht mehr lange, und ich kann ohne Waffe und kugelsichere Weste auf die Straße und in die Stadt fahren. Keine IED und so ein Scheiß mehr …
Oberfeldwebel Leo Maier*, 31, Termes/Usbekistan 2006.
Was die Geschichten angeht, die ich von hier zu erzählen habe, bin ich mir nicht sicher, ob Euch die Einsatzberichte schneller auf den Zeiger gehen oder mir die Frage: »Na, wie war’s?« zwischen Tür und Angel, auf dem Weg zum Kneipenklo oder im Supermarkt zwischen Tempotaschentüchern und Brokkoli, in diesem gehetzten Ton, der eine Zusammenfassung der vergangenen vier Monate inklusive eines Streifzugs durch die afghanische Geschichte in einem Satz mit maximal zehn Wörtern fordert.
Oberleutnant Claus Liesegang, 41, Kabul 2003.
Nächste Woche Montag ist Abflug. Seit drei Tagen fliegen uns wieder Raketen um die Ohren, ich hab die Schnauze voll, der Kleine (mein Diensthund) hat auch keinen Bock mehr. Mir geht’s nicht besonders, will heim.
Stabsunteroffizier Julia Ritt*, 30, Kundus 2009.
Letztlich stellt man sich die Frage: »Haben wir diesem Land geholfen???« Wir Fernmelder hier unten sind zu folgender abschließender Aussage gekommen: »Geholfen vielleicht nicht, aber wir haben dafür gesorgt, dass die Leute, die geholfen haben, telefonieren und funken konnten!« Deshalb kann man wohl sagen: MISSION ERFÜLLT – auf geht’s nach Hause!
Oberfeldwebel Frank Carsten, 28, Kabul 2007.
Weihnachten in Afghanistan, XI.
Am 24. Dezember treffen wir uns um 15:00 Uhr zu einer Andacht. Danach beginnt das Warten aufs Christkind. Gegen 19:00 Uhr werden wir unser Weihnachtsessen haben, Hirschgulasch mit Klößen. Nach 20:00 Uhr ist Treffen im »Lummerland«, unserer Betreuungseinrichtung, zum Austausch von Geschenken. Um 23:00 Uhr kommen wir alle zur Christmette zusammen. Unser Pfarrer bastelt mit einigen Soldaten seit Tagen an einer Krippe, und es hat sich ein Chor gefunden, der schon fleißig übt.
Brigadegeneral Bernd Kiesheyer, 62, Kundus, im Dezember 2005.
Ich öffne meine Geschenke und falle erst mal in ein Loch. Man merkt wieder mal wirklich, dass man bewaffnet in einer Art Bunker sitzt und alle, die einem etwas bedeuten, 5000 km entfernt sind. Später versammeln wir uns in unserem Kaffeeraum, um ein wenig zu feiern. Es gibt das Übliche und einen Haufen Alkohol. Wir öffnen ein paar Flaschen und sinnieren über Weihnachten. Gegen 22:00 Uhr gehen wir zur Christmette. Okay, ich bin kein Kirchgänger, aber es hat sich gelohnt. Weihnachtslieder, ein paar weihnachtliche Worte und etwas Ruhe. Nach der Mette schnappe ich mir eine AWCC-Karte und fange an rumzutelefonieren. Ich wecke zwar alle auf, aber alle sind froh, mich zu hören. Und zu wissen, dass ich heil und gesund bin. Gegen 24:00 Uhr ist der Tag für mich gelaufen.
Stabsoffizier Lars Stock, 29, Masar-i-Scharif, im Dezember 2006.
- Seite 1: "Gestern Abend mit einem komischen Gefühl meine Ausrüstung fertig gemacht."
- Seite 2
- Seite 3
Die Leuchte
Das Modul-Regal
Der Eimer
Der Stapelhocker
20 Jahre
Sagen Sie
Perfekter Plan
CUS




10 Uhr 03
Übrigens sind seit je die persönlichen Berichte der Soldaten ALLER Kriege und ALLER Frontseiten anrührend und tragisch. Was schreiben wohl die Taliban, die ja die Guten waren, solange es gegen die Russen ging, an ihre Lieben?
Es geht um Öl und Rohstoffe für die Zukunft.
Es geht um die Südflanke zu Rußland und China.
Es geht um die phantastischen Rüstungsgewinne.
Es geht um Macht. Vielleicht um Weltmacht.
Es geht um eine riesengroße, weitgehend unreflektierte Angst!
Es geht nicht um Brunnen und Schulen.
Es geht nicht um Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.
Es geht nicht um Völkerverständigung und Frieden.
In Brechts Flüchtlingsgesprächen findet sich u.a. der Satz:"Ich finde es hübsch, wie es sich auf den Krieg zu bewegt." Aber wer liest heute noch Brecht. Vielleicht brauchen "wir" mal wieder einen ganz großen Krieg. Die Vorbereitungen dafür sind jedenfalls schon ganz gut voran gekommen.
Lili Marleen. Es ist nicht zu fassen.
18 Uhr 06
Wer diese Briefe als anrührend oder kitschig bezeichnet oder sich in das Jahr 1914 zurückversetzt fühlt, will die Realitäten nicht sehen. Die Meisten wollen lieber nichts oder nichts Genaues wissen, weil es so "einfacher" und "bequemer" ist - die Politiker haben es uns ja jahrelang vorgemacht! Gut, dass scheinbar eine neue Ära angebrochen ist.
Ein großer Dank an die Soldaten, die "gesprochen" haben.
Wir wissen um die Bedeutung der Briefe und E-Mails von den Soldaten an uns Familien und umgekehrt - das hat nichts mit Kitsch zu tun. Es sind Lebenszeichen und Einblicke, wie dieser Einsatz sie verändert hat, denn wir müssen sie auffangen, wenn sie wieder zurückkehren. Man darf und kann gegen diese Einsätze sein - aber menschlich und fair sollte man dabei gegenüber dem "Menschen in Uniform" bleiben. Kritik, das sollte doch mittlerweile jeder begriffen haben, sollte in eine andere Richtung gehen - nämlich nach Berlin!
22 Uhr 21
Ich darf auf ein Projekt des Deutschlandfunks verweisen, der einmal deutsche und französische Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg gemeinsam ausgestrahlt hat - ein über jeden Zweifel erhabenes Musterbeispiel für Friedenserziehung. Die Franzosen damals galten sicher nicht als minder gefährlich, verglichen mit den Taliban heute.
23 Uhr 24
21 Uhr 02
17 Uhr 31
Leider rückt uns auch so ein Artikel den Einsatz in Afghanistan in eine Normalität, die keine sein sollte. Sie weckt Mitgefühl oder Verständnis, wo die einzige Frage an die deutsche Politik doch nur die sein kann: Wann ist endlich Schluss mit dem Unfug.
Für ein Weihnachtsheft über Not und Elend in der Welt gibt es sicher auch andere Themen als der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan.
16 Uhr 51
Danach geht der 3. Kommentar völlig an der Realität vorbei. Es ist eher mehr als fragwürdig, wenn seitens der Bundeswehr befürchtet wird, dass die Redaktion des Magazins darauf aus sei, einen möglichst realistischen Einblick in den Alltag des deutschen Kontingents zu geben. Was bitte ist daran so bedenklich, dass Anfragen der SZ nach Kontakten zu Soldaten abzulehnen sind?
Natürlich, das dumme Volk kann alles essen, muss ber nicht alles wissen. Obrigkeitspresse sieht da doch wohl anders aus.
Lange genug hat sich die Politik mit Wortspielereien an der Realität, die eben Krieg heisst, vorbeigemogelt und das Volk hat`s geschluckt.
Wie es den Soldaten dabei geht, hat niemanden interessiert, gerade ihre Dienstherren wohl am wenigsten.
Das soll nicht heissen, dass ich für diesen Einsatz bin.Ich halte ihn für völlig verfehlt und gehe davon aus,dass der Krieg am Hndukusch nicht zu gewinnen ist. Er wird am Ende nicht den kleinsten Teil der dort verschleuderten Gelder wert sein.
Trotzdem war ein solcher Beitrag einfach mal notwendig, nicht nur, weil Weihnachten ist.
11 Uhr 07
11 Uhr 05
Man bekommt viel zu wenig von unseren Soldaten in Afghanistan mit, deshalb ist wohl auch der Rückhalt in der Gesellschaft so gering - leider.
Ich wünsche mir mehr von solchen Berichten.
19 Uhr 32