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aus Heft 53/2009 Gesellschaft/Leben

"Popmusik hat 2009 einen Schritt nach vorn gemacht und zwei zurück"

Acht Statements zum Zustand des Pop am 31.12.2009.

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"Die Popcharts bedeuten mir rein gar nichts, und es ist ein Armutszeugnis, dass die einzige echte Popmusiksendung im britischen Fernsehen eine seichte Talentshow ist. Aber diese Lady Gaga, die ist ganz okay, und der Song über den Regenschirm gefällt mir auch sehr (Umbrella von Rihanna, Anm. d. Red.). Wie es weitergeht? Ich denke, Pop wird sich selbst auffressen"

(Paul Thomson ist Schlagzeuger von Franz Ferdinand, einer der erfolgreichsten britischen Bands der letzten Jahre.)

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"Die Popmusik hat 2009 einen Schritt nach vorn gemacht und zwei zurück: Es gab zwar Künstler, die ernsthaft Lieder über ihr Leben schreiben – aber die Charts werden weltweit von Musikern aus Castingshows dominiert, deren Musik sich an neunjährige Mädchen richtet. Mainstream-Pop wird heute nicht mehr für Teenager gemacht, sondern für Kinder."
 
(Elly Jackson ist die Sängerin des englischen Elektropop-Duos La Roux, das im Sommer mit den Hits Bulletproof und I’m Not Your Toy weltweit Erfolge feierte.)

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"Als ich ein Teenager war, kam Chrissie Hynde in mein Büro, setzte sich auf meinen Schreibtisch und sang mir Under My Thumb vor. Das war, noch bevor sie mit den Pretenders berühmt wurde. Ein extrem aufregen-der Moment. Aber heute? Heute ist mir Pop herzlich egal – was vielleicht auch schon wieder Pop ist"

(Julie Burchill begann bereits mit 17 für den New Musical Express zu schreiben und gilt als Mitbegründerin des Pop-Journalismus.)

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"Es ist kein Zufall, dass die Popmusik ständig für tot erklärt wird: Die unmittelbare Begeisterung des Einzelnen ist im Pop ungleich mehr Bedingung als etwa dort, wo das Publikum nur herumsitzt (oder gibt es vielleicht Thielemann-T-Shirts?). Weil das aber so ist – und der Pop auch noch immer ein ordentliches Produktionstempo vorlegt –, spürt jeder, der eine Zeit lang ausgestiegen war, in dem Moment, in dem er sich dem Pop wieder mal zuwendet, sofort ein existenzielles Verlustgefühl: Ah, damals waren wir ganz eins, heute sind wir es nicht mehr – also stimmt irgendwas mit dem Pop nicht mehr. Aber es ist natürlich genau andersrum: Nicht der Pop ist das Problem, sondern die, die ihn nicht mehr hören"

(Jens-Christian Rabe ist Pop-Redakteur der Süddeutschen Zeitung.)

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"Popkultur ist längst nicht mehr Sprachrohr und Spiegel des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs, wie noch vor 20, 30 Jahren. Im neuen Jahrtausend ist Pop in Bereiche vorgedrungen, die vormals den kul-turellen Eliten vorbehalten waren – weil die Generation, die mit Pop groß geworden ist, heute zum Establishment gehört. Hinzu kam der Übergang unserer Kultur von analog zu digital. Heute erleben wir einen Zustand synchroner Vielfalt, der Ur-Kanon ist dabei in seine Einzelteile zerfallen. Heute findet man alles, was man kulturell braucht, im Internet."
 
(Peter Saville, Künstler und Grafikdesigner, wurde berühmt mit seinen minimalistischen Plattencovern für Bands wie Roxy Music, Joy Division und New Order. Derzeit arbeitet er als Kreativdirektor für die Stadt Manchester.)

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"In welchem Zustand sich Popkultur befindet? Ich halte es da mit Andy Warhols ,15 minutes of fame‘: Jeder kann für kurze Zeit berühmt sein. Aber ich denke, es werden im Jahr 2010 nur noch 15 Sekunden der Aufmerksamkeit übrig bleiben für alle"

(DJ Hell gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter der modernen elektronischen Clubmusik in Deutschland.)

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"Der Jazzmusiker Albert Ayler hat gesagt: Musik ist die heilende Kraft des Universums. Aber was heute wegfällt, ist die Leidenschaft, die früher damit verbunden war. Ich bin mit der englischen Ska-Bewegung aufgewachsen, da gab es einen Dresscode, einen Haarschnitt, einen Lebensstil. Heute grenzt sich niemand mehr ab, alle vertragen sich so gut, dass ich mich fast nach der Zeit zurücksehne, als die Skinheads gegen die Punks
gekämpft haben. Da ging es noch um Haltung"

(Der Brite Gilles Peterson ist einer der berühmtesten DJs der Welt und war einer der Ersten, die Hip-Hop und Jazz zusammenbrachten.)


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"Ohne Michael Jackson weiß ich nicht mehr, in welcher Welt ich Musik mache; aber ich glaube fest an die Macht des Showgeschäfts. All mein Tun hat nur ein Ziel: Pop muss leben und wachsen"

(Mit ihrem Hit Pokerface dominierte Lady Gaga in diesem Jahr weltweit die Charts. Presse und Publikum überraschte sie mit fundierten Rilke-Kenntnissen und einem Faible für Bauhaus-Design.)