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aus Heft 02/2010 Gesellschaft/Leben

Das beste Leben der Welt

Christian Nürnberger 

Um 1950 in Westdeutschland geboren, das bedeutete für eine ganze Generation: nie Krieg, nie Armut, nie Sorgen. Aber was macht sie daraus?


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Nächstes Jahr werde ich sechzig. Wenn ich dann auf mein Leben zurückblicke, werde ich sagen können, nie etwas anderes kennengelernt zu haben als Frieden und Freiheit bei wachsendem Wohlstand. Mein Staunen darüber wächst seit ungefähr anderthalb Jahrzehnten. Und zugleich, im selben Maß, wächst meine Sorge – und, in höherem Maß, meine Verzweiflung.

Es war ungefähr Mitte der Neunzigerjahre während einer sonnigen Herbstwanderung mit meiner Familie durch den Rheingau, als dieses Staunen und Sorgen begann. Unten glitzerte der Rhein und zog sich als silbernes Band durch die Landschaft. Oben leuchtete das Laub in den schönsten Farben. Wir gingen vorbei an Weinstöcken mit schweren Reben und an Obstbäumen, deren Äste vom Gewicht der Äpfel und Birnen nach unten gezogen wurden.

Deutschland ist ein schönes Land, dachte ich, ein reiches und ein wohlgeordnetes Land, in dem sich gut leben lässt. Für einen Moment lang war ich dankbar und glücklich.

Wahrscheinlich lag es am Besuch des Niederwalddenkmals, dieser triumphierend martialischen Germania hoch über Rüdesheim, dass sich andere Gedanken in den Vordergrund schoben. Wörter und Satzfetzen aus dem Lied von der Wacht am Rhein, dessen Text unter den Füßen der Germania in Stein gemeißelt ist, mussten irgendwo im Unbewussten ihre Arbeit verrichtet haben – »es braust ein Ruf wie Donnerhall«, »Heldenblut«, »Feindesblut«, »in Gottvertrau’n greif’ zu dem Schwert« …
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Mein Vater hatte als Wehrmachtssoldat Wache am Rhein geschoben. Daher war ich in Gedanken plötzlich bei meinen Eltern, die den größeren Teil ihres Lebens in einem ganz anderen Deutschland verbracht haben. Krieg, Inflation, Hunger, Not, die Hitlerei – meine Mutter hat drei ihrer Brüder im Krieg verloren, das Haus meines Vaters wurde von einer Bombe zerstört. Überall in Europa hatten die Generationen meiner Eltern und Großeltern Ähnliches erlebt und erlitten, und wer aus diesen Generationen jüdischen Glaubens war, dessen Leben endete mit hoher Wahrscheinlichkeit in einer von Deutschen betriebenen Gaskammer.

Danach waren die Deutschen aus ihrem Helden- und Feindesblutrausch erwacht, und daher ist das Leben von uns Nachkriegsgeborenen völlig anders verlaufen als das unserer Eltern. Nach sechs Jahrzehnten erscheint uns dieses Leben als selbstverständlich, tatsächlich aber sind diese Jahre ein einziger Ausnahmezustand. Alle Generationen vor uns lebten stets mehr oder weniger in jenem seit Urzeiten herrschenden Normalzustand, dessen Konstanten Armut, Ausbeutung, Krieg, Not und das Recht des Stärkeren sind.

Nicht nur im Vergleich mit der Vergangenheit, auch im Vergleich mit der gegenwärtigen Welt jenseits der Grenzen West- und Mitteleuropas sind unsere Verhältnisse die Ausnahme. Drei Viertel der heutigen Weltbevölkerung würden sich glücklich preisen, wenn sie in den Genuss jener Existenzbedingungen kämen, die heute bei uns als Armut definiert werden. Die Zehntausende von Flüchtlingen, die täglich aus ihrem Elend aufbrechen, um unter Einsatz ihres Lebens über Tausende von Kilometern an die Grenzen Europas zu gelangen und diese zu überwinden, teilen uns mit: Unser Land ist das Land ihrer Sehnsucht. Hier vermuten sie das bessere Leben. Die es schaffen, hier Fuß zu fassen, sind dann oft enttäuscht. So, wie sie es sich erträumt haben, ist dieses Europa dann doch nicht. Trotzdem will kaum einer zurück, denn das, was vom Traum übrig bleibt, ist immer noch besser als das, wovor sie geflohen sind.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Hartz-IV-Empfänger und andere vom Schicksal Benachteiligte hören das möglicherweise nicht gern, aber zirka eine Milliarde Menschen auf dieser Welt würden gern mit ihnen tauschen.")
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