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aus Heft 05/2010 Politik

Das zweite Leben der Neda Soltani

David Schraven  Foto: Andrea Diefenbach

Zeitungen, TV-Sender und Blogs zeigten ihr Bild: Angeblich war sie die Demonstrantin, die bei den Unruhen in Iran getötet wurde. Aber es war eine Verwechslung, Neda Soltani lebt - als Asylsuchende in Deutschland - und kann nicht mehr in ihre Heimat zurück.

Zwei Frauen, ähnliche Namen und eine folgenreiche Verwechslung: Die getötete Neda Soltan, 26, links, und die fälschlicherweise für tot erklärte Neda Soltani, 32.
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Die totgesagte Frau ist immer noch schön. Aber ihre Gesichtszüge sind härter geworden, und sie trägt keinen Schleier mehr. In ihrem schwarzen Haar sind graue Strähnen zu sehen. Neda Soltani ist gealtert in den letzten sieben Monaten.

Ihr Porträtfoto zeigt eine junge, vorsichtig geschminkte Frau mit braunen Augen. Der im Iran gesetzlich vorgeschriebene Schleier ist eine Handbreit zurückgeschoben und lässt den Ansatz ihres kräftigen Haares erkennen. Sie zeigt ein leichtes Lächeln auf diesem Foto, weich und unschuldig. Es war das ideale Bild einer Märtyrerin; im vergangenen Sommer ging Neda Soltanis Foto als Symbol der blutigen Revolte im Iran um die Welt. Doch die Frau auf dem Bild ist nicht tot. Neda Soltani sitzt in einem Café in der Nähe von Frankfurt am Main.

Die Nachricht von ihrem Tod beruhte auf einer Verwechslung, sagt sie in fließendem Englisch, ein ursprünglich kleiner Irrtum der Medien, mit fatalen Konsequenzen für die Frau auf dem Foto. Neda Soltani geriet in den Tumulten nach der Wiederwahl des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad zwischen die Fronten. Sie musste ihre Heimat verlassen und floh nach Deutschland. Sie lebt, doch das Foto mit dem weichen Lächeln hat ihr altes Leben zerstört.

Bis vor einem halben Jahr lebte Neda Soltani in Teheran. Sie war Dozentin an der Islamic Azad University und unterrichtete englische Literatur. Im Sommer erst hatte sie eine größere Arbeit über die weibliche Symbolik im Werk Joseph Conrads geschrieben.

Neda Soltanis Eltern gehören der iranischen Mittelschicht an. Was genau ihre Familie macht und wo sie herkommt, darüber will sie nicht sprechen. Aus Angst um die zurückgebliebenen Familienmitglieder. Neda wusste, dass im Iran vieles falsch läuft. Aber sie gehörte nicht aktiv der Opposition an. Sie lernte fleißig für eine akademische Karriere an der Universität. Während im Juni die Studenten auf den Straßen protestierten, korrigierte Soltani ihr Manuskript.

»Ich habe zehn Jahre hart gearbeitet, um mir eine Position als Dozentin zu sichern. Ich habe mein eigenes Geld verdient, ich bin mit Freunden ausgegangen, und ich habe Spaß gehabt.« Arbeit, Geld, Freunde hat Neda Soltani verloren. Sie ist jetzt 32 Jahre alt und Asylbewerberin in Deutschland. Wegen dieses einen Fotos.

Die Geschichte des Fotos beginnt am 20. Juni 2009: In der Nähe der Kargar Avenue in Teheran wird gegen sieben Uhr abends eine junge Frau niedergeschossen. Sie fällt auf den Rücken, aus ihrem Mund fließt Blut. Sie starrt in eine Handykamera, verletzt, wehrlos, ängstlich. Auf dem Weg ins Krankenhaus stirbt sie. Blogs und Twitter machen als Erste auf die im Sterben liegende Frau aufmerksam; der Handyfilm der sterbenden Frau wird unmittelbar nach den Schüssen auf Youtube hochgeladen.

Mitarbeiter größerer Fernsehanstalten versuchen sie zu identifizieren, sie suchen Bilder der toten Frau. Ihr Vorname, Neda, ist im Film zu hören, schnell fällt im Netz auch ein Nachname: Soltan, Studentin der Islamic Azad University in Teheran. Irgendwer sucht unter dem Namen Neda Soltan bei Facebook.

Auf diesem Internetportal unterhält auch Neda Soltani eine Seite. Sie hat die Inhalte auf ihrer Facebook-Seite allein für Freunde freigegeben. In ihrem Profil steht allerdings ein Foto, das jeder sehen kann. Wer als Erstes die lebende Dozentin Neda Soltani mit der toten Studentin Neda Soltan verwechselt, lässt sich später nicht mehr rekonstruieren.

Aber jemand kopiert das Foto Neda Soltanis in der Nacht zum 21. Juni 2009 aus deren Facebook-Profil und verschickt es als das der toten Neda Soltan. Das Foto wird über soziale Netzwerke, über Blogs und Portale im Internet verbreitet; kurze Zeit später senden es von CNN, BBC, CBS bis zu ZDF und ARD die wichtigsten Fernsehsender weltweit; am nächsten Morgen ist Neda Soltanis Foto in den Zeitungen Dutzender Länder zu sehen. Innerhalb weniger Tage kennt die ganze Welt das Foto von Neda Soltani – und glaubt, darauf sei die erschossene Neda Soltan abgebildet.

Auf den Demonstrationen der folgenden Tage tragen wütende Menschen Plakate mit dem vergrößerten Bild der vermeintlichen Märtyrerin vor sich. Bald zeigen sie das Foto auch auf T-Shirts und bauen in den Straßen Altäre um Neda Soltanis Foto. Die Demonstranten nennen die Frau auf dem Foto: »Engel des Iran«. Das Foto wird zum Symbol des Freiheitskampfes und Neda Soltani zu dessen Ikone.
 
(Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Neda Soltanis Versuche, ihr Bild aus der Öffentlichkeit zurückzugewinnen, scheitern.)
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