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aus Heft 07/2010 Gesellschaft/Leben

Der Enke-Effekt

Christoph Cadenbach 

Als sich der Torwart Robert Enke im November vor einen Zug warf, berichteten die Medien ausführlich darüber - obwohl jeder wusste, dass das die Gefahr von Nachahmungstaten erhöht. Vier Monate später ist klar: Die Zahl der Menschen, die sich mit einem Sprung vor den Zug ums Leben bringen, ist massiv gestiegen. Darüber aber spricht niemand.

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Menschen, die sich von einem Zug überfahren lassen, tun dies meistens an einem Montag oder Dienstag. Denn zu Beginn einer Woche fühlt man sich oft besonders einsam und hoffnungslos, wie Psychologen sagen. Ein einfaches Beispiel, das aber zeigt: Suizide sind selten rein private Entscheidungen, sie sind immer auch von der Umwelt beeinflusst. Vom Wochentag zum Beispiel. Von der Jahreszeit. Oder von den Medien.

So schrieb der Journalist Stefan Niggemeier kurz nach dem Suizid des Nationaltorwarts Robert Enke in seinem Blog: Den Preis für die Berichterstattung könne man später in Menschenleben zählen. Und er sollte recht behalten, wie sich jetzt zeigt: Nachdem sich Enke im vergangenen November das Leben nahm, habe es eine »drastische« Steigerung der Suizide in Deutschland gegeben, sagt der Leipziger Psychiatrieprofessor Ulrich Hegerl. Von viermal so vielen Toten allein Mitte November ist die Rede.
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Denn Suizide sind salopp gesagt wie Modetrends. Sie regen zur Nachahmung an. Und je mehr man darüber weiß, desto besser kann man sie kopieren. In der Wissenschaft nennt man diese Reaktion Werther-Effekt, angelehnt an Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther. Kurz nach Erscheinen des Buches 1774 töteten sich plötzlich junge Männer selbst – so wie Goethes Werther hatten sie zum Suizid eine gelbe Weste zur blauen Jacke angezogen.

Eine Untersuchung des amerikanischen Soziologen David Phillips aus den Siebzigerjahren brachte schließlich den Beweis für den medial vermittelten Nachahmungseffekt: Phillips stellte fest, dass die Zahl der Suizide in den amtlichen Statistiken immer dann nach oben schnellte, wenn über die Selbsttötung eines Prominenten in der Zeitung berichtet worden war. Am deutlichsten wurde dies nach dem Suizid von Marilyn Monroe, 198 Menschen mehr als sonst nahmen sich in den USA kurz darauf das Leben. Und in der Bundesrepublik ließ 1981 die ZDF-Serie Tod eines Schülers, die von einem Jungen erzählt, der sich selbst tötete, die Zahl an Suiziden von 15- bis 19-Jährigen um 175 Prozent ansteigen. Dabei handelte es sich nicht etwa um vorgezogene Suizide, wie Nachforschungen ergaben, das heißt, um Menschen, die sich ohnehin umgebracht hätten. Es waren zusätzliche Tote. Zusätzliche Tote wie nun bei Robert Enke.

Als sich der Nationaltorwart am 10. November 2009, einem Dienstag, von einem Zug überfahren ließ, löste er ein Medienecho aus, das mit der Berichterstattung über den Tod von Michael Jackson oder Lady Di vergleichbar war. Sämtliche Medien druckten ein Foto Enkes auf der Titelseite. Es wurde berichtet, wo Enke sein Auto geparkt hatte, wie weit es von dort zu den Gleisen war, welche Nummer der Zug hatte, der ihn schließlich überfuhr. Und natürlich wurden Fragen gestellt, auf die es keine Antworten geben konnte: Hat er den Tod seiner Tochter nicht überwunden? Oder lag es daran, dass Bundestrainer Joachim Löw ihn nicht für ein Spiel nominiert hatte?

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Aber lässt sich dann überhaupt über den Suizid einer prominenten Person berichten? Und wenn ja, wie?)
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