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aus Heft 07/2010 Gesellschaft/Leben 9 Kommentare

Der Enke-Effekt

Seite 2

Von Christoph Cadenbach 




Karl-Heinz Ladwig, Professor für Psychosomatische Medizin mit Sitz im Helmholtz Zentrum, einer Wissenschaftseinrichtung im Münchner Norden, forscht seit Jahren zum Thema Suizid. Den Fall Robert Enke nennt er einen »worst case«. Weil bei einem Idol, wie der 32-jährige Torwart es war, der Werther-Effekt besonders stark ist. Aber, und das ist Ladwig wichtig: »Man muss sich noch nicht einmal mit dem Menschen identifizieren können, um seine Tat nachzuahmen.« Es genüge, dass sich durch Medienberichte die Methode oder der Ort des Suizids im kollektiven Bewusstsein festsetzen. Bei der Golden Gate Bridge in San Francisco ist das so: Menschen aus der ganzen Welt reisen dorthin, um sich in den Tod zu stürzen, obwohl sie auf dem Weg dahin zahllose andere Brücken überqueren.
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Ähnlich die Reaktion auf das Pflanzenschutzmittel E 605, das in den Fünfzigerjahren durch einen Serienmord bekannt wurde, und das anschließend Menschen nutzten, um sich zu vergiften. Übertragen auf den Tod von Robert Enke bedeutet das: Selbst wenn er keine Identifikationsfigur gewesen wäre, hätte die Berichterstattung zu einem Anstieg der Suizide auf Bahnstrecken geführt. Denkt man an den Nationaltorwart, denkt man nun die Gleise und die Bahn automatisch mit. Auch Menschen, die sich töten wollen, tun das: Enke gleich Bahn gleich sicherer Tod.

Aber lässt sich dann überhaupt über den Suizid einer prominenten Person berichten? Und wenn ja, wie? Schließlich gibt es unbestreitbares Interesse, ein Bedürfnis nach Informationen. Dass man Enkes Tat nicht rechtfertigen oder als unausweichlich beschreiben soll (»Er hatte keine Wahl«), leuchtet ein. Dass man lieber nüchterne Begriffe wie Suizid oder Selbsttötung benutzt, statt von Freitod zu sprechen, ein Wort, das nach Heldenmut in der Niederlage klingt, auch. Außerdem sollte man nicht über die Gründe spekulieren und keine Fotos auf der Titelseite oder Abschiedsbriefe drucken, die eine Identifikation befeuern können. Doch kann man die Suizidmethode wirklich verheimlichen?

Wir zeigen zwar kein Foto von Enke und schildern auch keine Details zum Tathergang, aber auch in diesem Text stehen die Worte Suizid und Bahn in einer Zeile. Karl-Heinz Ladwig beantwortet diese Überlegungen bewusst mit einem Witz, der mehr sagt als lange Erklärungen: »Steht ein Suizident auf einer Brücke. Stoppt ein Polizeiwagen neben ihm. Die Polizisten steigen aus, ziehen ihre Pistole und rufen ›Hände hoch‹. Der Suizident hebt die Hände und klettert vom Geländer.« Was Ladwig damit auch sagen will: »Es wird in den Medien oft vergessen, dass auch eine positive Lösung möglich ist. Dass man einen Menschen leicht vom Suizid abhalten kann.«

In der Berichterstattung über den Suizid von Robert Enke war stattdessen viel von Fassungslosigkeit zu lesen, von einer Dunkelheit, einer Finsternis oder einem Schatten, der am Ende stärker war als er. Und, so hart es klingt, auch zu viel öffentliches Mitleid kann gefährlich sein, da sind sich Wissenschaftler einig. In der europäischen Kulturgeschichte war der Suizid lange Zeit als Todsünde verdammt. Menschen, die sich selbst das Leben genommen hatten, wurden wie Kriminelle behandelt. Im Mittelalter konfiszierte man ihr Erbe, knüpfte manche posthum sogar auf. Die Leichen von Personen, die sich zu Hause umgebracht hatten, trug man nicht durch die Vordertür, sondern durch die Kellerluke aus dem Haus. Und natürlich durften sie nicht in geweihtem Boden beerdigt werden. Erst 1983 strich die katholische Kirche diese Vorschrift endgültig aus ihrem Regelwerk.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Es gibt auch Beispiele, die zeigen, wie man nach dem Suizid eines Prominenten dem Werther-Effekt vorbeugen kann)

Kommentare

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  • Lala Soso (0) Zur Faktenlage:
    "Nachdem sich Enke im vergangenen November das Leben nahm, habe es eine »drastische« Steigerung der Suizide in Deutschland gegeben, sagt der Leipziger Psychiatrieprofessor Ulrich Hegerl. Von viermal so vielen Toten allein Mitte November ist die Rede."

    Verlässliche Zahlen gibt es nämlich noch gar nicht, wie im Text weiter hinten auch bemerkt wird:

    "Das Bundesamt für Statistik veröffentlicht sie erst in weitem Abstand zum Ereignis, nach zwei Jahren."

    Die Bahn gibt auch keine Auskunft, heißt es weiter. Und der Leipziger Professor legt nicht offen, woher er seine Vermutungne über den "drastischen" Anstieg nimmt.

    Saubere Recherche kann man das ja wohl nicht nennen.
  • Feng Zhang (0) Wenn Journalisten losjammern, die Medien benähmen sich ja so schädlich, sind wohl generell Bedenken angebracht. Wenn sie dann aber noch kommentieren, durch völlig unnötige Berichterstattung seien vermutlich Menschen zu Tode gekommen, aber nicht einmal anerkennen, daß das eben nicht auf "die Medien", sondern auch ihre eigene Zeitung zutrifft, ist es einfach allzu naiv und geschmacklos.

    Wo waren diese Journalisten und ihre Chefredakteure, die jetzt Artikel wie den Cadenbach-Artikel fordern oder wenigstens tolerieren, als über Enkes Tod in allen unnötigen Einzelheiten berichtet wurde? "begründetes Informationsbedürfnis" der Leser? Glaubt Ihr Journalisten an dieses Märchen, um abends gut einschlafen zu können? Da war überhaupt nichts begründet - sondern Prominententode verkaufen sich lediglich gut. Und "die Medien" sind sich nicht zu schade, jeden Trieb ihrer Leser - einschließlich Neugierde und Sensationslust an Promitoden - zu befriedigen, wenn sie damit Geld verdienen. Mag sein, daß auch noch der ein oder andere Journalist ehrlich betroffen war und glaubte, das Artikelschreiben helfe ihm (oder wem sonst?) damit, mit Enkes Tod zurechtzukommen... aber das war's dann auch.

    Was sie damit auslösen - bei Menschen, die sich tatsächlich töten, und ihren Angehörigen oder auch nur jenen, die kurz davorstehen - darüber machen sich "die Medien" keinerlei Gedanken, wenn sie es noch ändern könnten (sprich: wenn sie über diese Tode berichten). Wenn sie hingegen mit den "Nachrichten" Geld verdienen können, daß nun vermutlich die Selbstmorde angestiegen sind - dann, ja, *dann* ist plötzlich auch dieser Gedanke erlaubt.

    Ekelhaft.

    Achja, und über die mangelnden inhaltliche "Richtigkeit" des Artikels haben schon andere Kommentatoren genug geschrieben. Darüber, wie man über Selbstmorde sinnvollerweise sprechen kann, erfährt man ebenfalls nichts. Wie auch, der Autor hat offenbar selbst keine Ahnung, nur die Aufgabe, dazu einen Artikel zu fabrizieren. Wenn der aber schon geschrieben werden sollte... warum dann nicht wenigstens jemand schreiben lassen, der etwas vom Thema versteht? Und das muß nicht ein Professor sein (der kennt die Forschung, ja), das kann sogar ein Praktiker sein, etwa Mitarbeiter einer Selbstmord-Hotline oder entsprechender Organisationen. Mag sein, daß der Artikelinhalt dann nicht so abstrakt-medienjammerig und stattdessen ehrlich kritisch ausgefallen wäre. Aber die entsprechenden Teile hätte man ja immer noch zensieren können...
  • Liz Helmecke (0) Ich will jetzt nicht zynisch sein, aber die bringen sich wenigstens nur selber um.

    Was ist denn mit der aufsehenerregenden Berichterstattung über die "Amokläufer"? Wochenlange Fassungslosigkeit über die Tat, öffentliches Rätseln über die tragischen Gründe, die einen jungen Menschen dazu treiben, so etwas zu tun - schon der Begriff "Amoklauf" hat Theaterbühnenqualität. Wie attraktiv ist diese Handlungsalternative für junge Männer geworden, deren gefühlte Ausweglosigkeit dann wenigstens in einem heldenhaften Ende mündet (wir könnten inzwischen ein öffentliches Ratequiz draus machen: Wo und wann kommt der nächste?).
  • Albert Schwardtmann (0) Hier geht es doch nicht darum, authentisch zu wirken oder nicht, sondern darum, dass die von Cadenbach präsentierten 'Fakten' schlichtweg keine sind. Das ist kein Schönheitsfehler, sondern die äußerst problematische (Re-)Popularisierung einer These, die offenkundig sehr alt (zumindest so alt wie die Moderne), insofern wenig originell sondern vielmehr symptomatisch ist für eine Kultur, die den Freitod als 'Gesellschaftskrankheit' zu nivellieren strebt. (Der Kulturwissenschaftler Thomas Macho hat zuletzt interessante Thesen zu dieser Tendenz einer 'Suizidalisierung' formuliert)

    Die Berichterstattung war sicherlich bitter, aber der pathetische Artikel von Caldenbach ("niemand spricht darüber") profitiert ja weiterhin von der Faszination der Mediengesellschaft, die den selbstgewählten Abtritt eines ihrer Protagonisten nicht fassen kann.
  • Sara Teichmann (0) Es macht mich wütend, wenn ich so einer unglaublichen Arroganz und emotionaler Kälte im Beruf der Medienjournalisten begegne.
    Der Suizid von Robert Enke – so wie jeder andere schlimme Vorfall, ein Geschehen, ein tragischer Unfall, ein Ereignis – hat ein ganz bestimmtes Menschenleben gekostet, das unwiederbringlich ist. Wenn ein Journalist nicht den entsprechenden Ton finden kann, um solche Geschehnisse entsprechend in der Tragik des Einzelfalls zu vermitteln, durch Fernsehen, Radio, Kamera – was auch immer, dann hat er den Beruf verfehlt.
    Die Angst vor Nachahmungstätern, die durch das Lesen oder das Hören von medialer Darstellung zu ähnlichen Taten angeregt wird, ist lächerlich und klingt zynisch. Auf dieser einen Erde hier, haben es Rundfunk und Fernsehen mit universal Menschlichen zu tun: es sind Menschen für die sie berichten und der Gegenstand ihres Berichts sind Lebensräume und Inhalte, die Menschen interessieren. Doch die Reporter in Deutschland fühlen sich eher einer kalten Objektivität verpflichtet, die es gar nicht gibt, wobei sie sich fast lieber das Herz herausreißen und sich verkünsteln; manchmal wird es dabei unerträglich rührselig bis hin zum Kitsch, dann wieder extrem sachlich und nüchtern! Ich würde mir wünschen, dass wir in Deutschland auch endlich dazu übergehen, die eigene Anteilnahme und Gefühle des Journalisten angemessen zu Wort kommen zu lassen und dass man ohne
    zurechtgelegtes Formalgequatsche auskäme, was authentischer wirkt. Dabei könnte man zum Beispiel dieses merkwürdige Strickmuster der Journalistenschule, des wer, was, wann usw. geschickt stilistisch verpacken. usw...
  • kleeblatt Studentin (0) Vor circa zwei Wochen hat ein 14-Jähriger an selbiger Stelle und zum selben Zeitpunkt Suizid begangen. Als Laie sieht man in diesem Fall den Werther-Effekt definitiv bestätigt, gleichwohl sich nicht nachweisen lässt, dass der Junge nicht auch ohne die vorherige Berichterstattung der Medien den Freitod gewählt hätte.
  • Raffael Friedrich (1) Den Artikel habe ich gerade im Heft gelesen - bei der Passage, dass viele Suizidwillige nach San Francisco reisen um von der Golden Gate Bridge zu springen geriet ich ins stocken und mein Blick wanderte auf die rechte Heftseite. Diese zeigt eine der Golden Gate täuschend ähnliche, ganzseitige Abbildung einer Hängebrücke. Erst bei genauem Hinsehen entpuppte sich die Abbildung als Anzeige eines Tourismusunternehmens, welches mit Flügen nach Portugal, respektive also auch zu der dargestellten Hängebrücke wirbt. Das finde ich makaber. Bzw. es wäre sinnvoll wenn sich, gerade bei so sensiblen Themen, der Verlag auch Gedanken über die Anzeigenpositionen macht!
  • Jürgen Hermes (0) Ja, ja, die Medien und der Werther-Effekt. Immer wieder gerne herangezogen: Die Studien von Phillips und Schmidtke/Häfner. Letztere ist wohl auch verantwortlich für Ihre Behauptung "Und in der Bundesrepublik ließ 1981 die ZDF-Serie Tod eines Schülers, die von einem Jungen erzählt, der sich selbst tötete, die Zahl an Suiziden von 15- bis 19-Jährigen um 175 Prozent ansteigen. "

    Leider hat diese Studie keinerlei wissenschaftlichen Wert, so dass auch die dahinterstehende Behauptung, die mediale Darstellung eines - hier fiktiven - Selbstmordes hätte Auswirkungen auf die Suizidrate der Bevölkerung - nicht gehalten werden kann. Was die Studien von Phillips angeht, ist er selbst der These abgerückt, dass fiktive Selbstmorde Nachahmungstäter finden, was die Berichterstattung über reale Suizide angeht, bleibt er aber bei seiner Behauptung. Insofern könnte es tatsächlich einen Enke-Effekt gegeben haben, ein Werther-Effekt ist aber - trotz immer wieder anderslautender Berichte - bisher noch keinesfalls nachgewiesen, genauso wie andere mediale Einflüsse auf abweichendes Verhalten, wie sie immer wieder gerne vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen und v.a. seinem Leiter als bewiesen behauptet werden.
  • Jan Steinmetzer (0) Wie würde Loddar Maddäus sagen? ägänn wot lörnd: http://www.bild.de/BILD/sport/fussball/b...