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aus Heft 09/2010 Gesellschaft/Leben Noch keine Kommentare

Die andere Seite des Kehrichts

Unsere Mülltonne verrät mehr über uns, als uns lieb ist. Ein Expertengespräch über die Kehr(icht)seite unserer Zivilisation.

Von Christian Ankowitsch (Interview) 

Der Künstler Stuart Haygarth hat diese Gegenstände am Dungeness Beach gefunden. Er sortierte Sie nach Farben, arrangierte und fotografierte sie und nannte das Bild Tide Mark
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Herr Bilitewski, Sie beschäftigen sich seit mehr als als dreißig Jahren mit unseren Abfällen. Ist Müll einfach nur Abfall?
Bernd Bilitewski: Nein, er ist viel mehr, er hat einen eigenen Charakter. Wenn ich in eine Tonne schaue, kann ich die Lebensumstände der jeweiligen Menschen erkennen.

An welchen Details denn?
An der Menge der Verpackungen zum Beispiel. Daran erkennen Sie, wie vermögend die Leute sind. Wohlhabendere kaufen viel mehr frische Sachen ein und produzieren daher weniger Verpackungsabfall. Gibt es mehr davon, kann man auf ärmere Leute schließen, auf Studenten, Alleinlebende oder solche, in deren Küche Chaos herrscht.

Was erzählt Ihnen unser Müll sonst noch?
Dass wir in einer immer stärker vom Alter geprägten Gesellschaft leben. Wir sehen häufiger Inkontinenz-Windeln.

Woraus besteht typisch deutscher Hausmüll?
Im Wesentlichen aus Papier, Bioabfall, Verpackungen und ein wenig Sperrmüll.

Ist irgendetwas außergewöhnlich am deutschen Müll?
Dass er gutes Mittelmaß ist. Die Deutschen produzieren quantitativ gesehen relativ wenig Abfall.

Von welchen Mengen sprechen wir?
Von rund 400 Kilo Haushaltsabfall pro Bürger im Jahr. Dazu kommen rund 33 Kilo Sperrmüll.

Die Tendenz ist wohl steigend.
Keinesfalls. Es ist spannend zu beobachten, wie man sich in den Achtzigerjahren wegen steigender Abfallmengen den Kopf zerbrochen hat – um dann festzustellen, dass die Deutschen die Idee des Recyclings weitgehend angenommen haben. Im Gegensatz zu den Griechen, die gegen unzählige EU-Auflagen verstoßen und jedes Jahr Millionen Euro an Strafen zahlen.

Sie sprechen von Abfall, ich von Müll – wie lautet nun der korrekte Begriff?
Wir haben beschlossen, Müll nicht mehr so zu nennen – sondern Abfall. Das ist die wissenschaftliche Bezeichnung.

Wie definieren Sie überhaupt Abfall?
Der Begriff Abfall hat einen Doppelcharakter: Zum einen verstehen wir all jene Dinge darunter, die der Gesetzgeber als gefährlichen Abfall definiert hat; das betrifft vor allem Betriebe. Und zum anderen alle Dinge, die der Bürger loswerden will.

Das heißt: Müll ist, was ich weggebe.
Richtig. Sobald Sie es loswerden wollen, verwandelt es sich in
Abfall.

Was ist mit dem alten Fernsehgerät, das seit Wochen bei uns auf der Straße herumsteht?
Das ist eine »wilde Ablagerung«, also eine verbotene Form der
Deponierung.

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