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aus Heft 09/2010 Gesellschaft/Leben

Die andere Seite des Kehrichts

Seite 2

Christian Ankowitsch (Interview) 

Wir kennen Kleider-Moden und Krankheits-Moden; gibt es auch so etwas wie Abfall-Moden?
Vor hundert Jahren sah unser Müll vollkommen anders aus. Er bestand überwiegend aus Asche, Bauschutt und Bioabfällen; die Asche wurde durch das Heizen mit Kohle verursacht. So gesehen gibt es Müll-Moden.

Was wird denn heute als Abfall behandelt, dem man früher mehr Wert beigemessen hat?
Papier. Das wurde früher viel konsequenter gesammelt. Aber da muss man unterscheiden: Die Sammelquote bei den Zeitungen, Zeitschriften etc. liegt bei über achtzig Prozent, was sehr gut ist; bei den Papierverpackungen bei nur sechzig Prozent.
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Klingt ein wenig unlogisch. Wie lässt sich das erklären?
Papierstapel sehen im Wohnzimmer ganz okay aus, gestapelte Kartons nicht. Darum sammeln Menschen die Kartons nicht, sondern schmeißen sie gleich weg. Das heißt: Es spielt bei der Mülltrennung eine Rolle, ob der Abfall zur Wohnung passt oder nicht.

Mal unter dem Recycling-Aspekt betrachtet: Wie gut sind folgende Zeitungen: Bild, SZ, FAZ?
Das hängt vom jeweiligen Druckverfahren ab. Beim Offset werden Farben verwendet, die sich ausgesprochen schlecht ablösen lassen; diese Zeitungen sind nur schlecht wiederzuverwerten.

Wie lautet Ihr Urteil?
SZ und FAZ sind gut, weil sie anders drucken; von der Bild weiß ich es nicht.

Abfall ist ja ein Synonym für wertloses Zeug. Welchen Müll würden Sie als besonders wertvoll bezeichnen?
Alte Leiterplatten von Computern. Da bringt die Tonne im Moment 4000 bis 5000 Euro.

Was ist so wertvoll daran?
Die Platinen enthalten beinahe das ganze Periodensystem an Metallen: Gold, Silber, Kupfer, Palladium und so fort.

Und welcher Müll verdient den Begriff vorbehaltlos?
Chemische Stoffe wie Laugen, Säuren, Lösungsmittel. Damit können Sie wirklich nichts mehr anfangen; sie können das Zeug bloß beseitigen.

Wenn es wertvollen Müll gibt, dann vielleicht auch solchen, den wir als intelligent bezeichnen könnten?
Zweifellos. Aber wir werden noch ein wenig auf ihn warten müssen. Man forscht seit vielen Jahren in die Richtung. Idealerweise sagt uns in Zukunft ein Produkt, woraus es besteht und wie es am besten zerlegt und recycelt werden soll.

Und wie kann man den Produkten das Sprechen beibringen?
Mit der Transpondertechnik. Dazu brauchen Sie einen Chip, wie Sie ihn von Ihrer Geldkarte kennen. Jedes Produkt bekommt einen, der sagt dann dem Roboter: Ich bin ein Tetrapack, habe innen braunes Papier, das nur so und so verwertet werden kann; Autos erzählen, aus welchen Komponenten sie bestehen…

Produkte geben also Anweisungen, wie wir sie wieder zum Verschwinden bringen können?
Ja, ich hoffe möglichst bald. Bei der Entsorgung wird die Technik schon heute genutzt. Dresden war die erste deutsche Großstadt, in der alle Abfalltonnen so einen Chip bekamen. Da fährt das Müllauto ran und bekommt von der Tonne erzählt: »Ich gehöre Familie Bilitewski, fasse 140 Liter und stehe in der Müllerstraße.«

Sagt die Tonne auch gleich, was sie enthält?
Leider nein. Aber diese Chips hatten auch so schon eine enorm positive Auswirkung: Jetzt kann man viel effektivere Routen planen. Städte stellen uns ja vor große logistische Probleme: Sackgassen, Einbahnstraßen, Hochhäuser, Villen – eine hochkomplexe Sache.

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