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aus Heft 10/2010 Literatur 3 Kommentare

Wir basteln uns ein Leben

Wohnsitz: Wanne-Eickel und Los Angeles. Die Kurzbiografien von Schriftstellern wirken, als seien sie ganz beiläufig hingeschrieben. In Wahrheit bestehen sie aus den immer gleichen Versatzstücken. Ein Blick in die Neuerscheinungen des Frühjahrs.

Von Andreas Bernard 




Der doppelte Wohnsitz
Christoph Borchelt: »lebt in Berlin-Spandau – und auf der schwedischen
Insel Öland«
Franz Dobler: »lebt in Augsburg und New Orleans«
Josh Weil: »lebt abwechselnd in New York und in einer Blockhütte im
Südwesten Virginias«
Josephine Ryan: »lebt in London und in der südfranzösischen Stadt Uzès«
Kitty Sewell: »lebt wahlweise in Cardiff, Wales, und auf ihrer eigenen
Obstplantage in Andalusien«
Martin Walker: »lebt in Washington und im Périgord«
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Fazit:
Veranschaulicht das kosmopolitische Leben des Schriftstellers, das sich nicht auf einen einzigen Lebensmittelpunkt festlegen lässt. Unerlässlich: die Kombination großstädtisch-ländlich.

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Das abenteuerliche Vorleben
Paul Hoffman: »hat in über zwanzig verschiedenen Berufen gearbeitet,
unter anderem als Buchmacher, Kurierfahrer, Lehrer«
Steve Toltz: »arbeitete als Privatdetektiv, Kameramann, Telefonist,
Sicherheitsbediensteter, Englischlehrer«
Adrian McKinty: »arbeitete als Wachmann, Vertreter, Rugbytrainer,
Buchhändler und Postbote«
Don Winslow: »arbeitete als Privatdetektiv in New York, schmuggelte
Geld in Südafrika, verkaufte Safaritouren in China«
Guy Helminger: »arbeitete als Barkeeper, Schauspieler,
Regieassistent«

Fazit:
Soll beweisen, dass der Autor das Leben, von dem er erzählt, aus eigener Erfahrung kennt. Besonders beliebt sind dabei Berufe, die keine akademische Ausbildung erfordern. Die Aufzählung zeugt von der Angst des Schriftstellers, für einen blutleeren Schreibtischtäter gehalten zu werden.

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Schreiben als Lebensaufgabe
Charlotte Thomas: »war Richterin und Rechtsanwältin, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete«
Viktorija Tokarjewa: »1964 veröffentlichte sie ihre erste Erzählung und widmete sich ab da ganz der Literatur«
Donna Milner: »Nachdem ihr erster Roman […] ein überwältigendes Echo fand, widmet sie sich nun ausschließlich dem Schreiben«
Daniel Silva: »war lange Jahre Auslandskorrespondent, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete«
Marie-Sabine Roger: »arbeitete einige Jahre als Grundschullehrerin, ehe sie sich ganz der Schriftstellerei widmete«

Fazit:
Die Autoren, zuvor in anderen Fachbereichen erfolgreich, müssen deutlich machen, dass sie ihre ganze Karriere der Passion des Schreibens geopfert haben. Soll sicherstellen, dass es sich nicht um bloße Hobby-Schriftsteller handelt.


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Preise und Stipendien
Katrin Seddig: »erhielt den Förderpreis für Literatur der Hansestadt
Hamburg«
Kristof Magnusson: »wurde mit dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichnet«
Annette Pehnt: »erhielt den Thaddäus-Troll-Preis«
Marion Poschmann: »wurde u. a. mit dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis ausgezeichnet«
Ann Cotten: »erhielt das George-Saiko-Reisestipendium«

Fazit:
Noch die randständigste Ehrung muss aufgeführt werden, um die Zugehörigkeit der Schriftsteller zum Kanon der Literatur zu legitimieren. Der Name oder die Aufzählung der bisherigen Werke würde dazu noch nicht ausreichen.

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Andreas Bernard lebt in München und Berlin und arbeitete als Bademeister,
Türsteher, Flüchtlingsbetreuer und Konditor, bevor er sein Leben ganz dem Schreiben widmete. 2007 erhielt er den Deutschen Sozialpreis.


Kommentare

Name:
Kommentar:

  • Mia Bernstein (0) Erst gestern schrieb Nessa Altura zum Thema Klappentext eine sehr gute Glosse:
    http://autorenexpress.de/de-texto-valvae...
  • Britta Freith (1) Hihi, richtig schön wird das natürlich erst, wenn man weiß, was dahinter steckt:
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    Der doppelte Wohnsitz

    generiert aus chronischem Geldmangel, da man wegen der Schreiberei nie wegfahren konnte. Heißt im Klartext:

    Man hat eine Freundin in München, eine beliebte Jugendherberge in Norwegen oder kennt den Zeltplatzbesitzer unten in der Toscana schon sehr lange.
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    Das abenteuerliche Vorleben

    Klar: irgendwie musste man sich ja über Wasser halten. Während alle meckerten, wann man wohl mal Geld verdient, hat man jeden noch so blöden Job angenommen. Und war dankbar, wenn man noch einen bekam, um die Miete zu bezahlen.

    (merke: alle Meckerer haben es vorher "immer schon gewusst" und reißen sich um einen Talkshow- oder Homestory-Auftritt
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    Schreiben als Lebensaufgabe

    (wenn das mit dem abenteuerlichen Vorleben nicht so viel hergibt)

    heißt: Endlich ist man diesen saublöden Job los und irgendein Dussel zahlt bis zum Lebensende genug Geld, damit man den nächsten Roman schreibt. Oder zwei Remittenden produziert. Ist im Grunde auch egal, so lange man die Freundin in München besuchen kann.

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    Preise und Stipendien

    Verzweifelter Anruf der Lektorin "Aber irgendwann müssen Sie doch mal einen Wettbewerb gewonnen haben! Der Klappentext ist noch zu kurz."
    Unsichere/r Autor/in: "Im Grunde weiß ich nicht mal, warum Sie mein Buch verlegen."
    Lektorin: "Kann auch in Ihrer Jugend gewesen sein. Ist ganz egal."
    Autor/in: "Da war dieses Preisauschreiben, da habe ich einen Fitnessführer gewonnen."
    Lektorin: "Na also, geht doch."
  • Wolfgang Wetzer (0) @Andreas Bernard das ist aber alles noch zu unkomplett, klingt zwar gut, aber bitte noch dafür sorgen, dass Freunde einen wohlwollenden Wikipedia Eintrag erstellen.