aus Heft 10/2010 Politik 6 Kommentare
Riese außer Dienst
Sturkopf und Staatsmann: Altkanzler Helmut Kohl hat Weltgeschichte geschrieben. Heute ist er ein kranker Mann, der sich von vielen ungerecht behandelt fühlt. Eine kritische Festschrift zum 80. Geburtstag.
Von Heribert Prantl Konrad R. Müller / Agentur Focus (Fotos)
Die römischen Kaiser prägten das Bild selbst, das sich die Welt von ihnen machen sollte: Auf den Münzen, die sie schlagen ließen, sehen sie daher so aus, wie sie aussehen wollten – stark und machtvoll. Kaiser Augustus zum Beispiel schaute auf seinen frisch geprägten Denaren und Sesterzen noch im Alter von siebzig so aus wie mit dreißig.
Die Münzbilder waren Propaganda. Sie brachten die richtige Botschaft unters Volk: den ewig jungen Herrscher. Und rund um sein Porträt standen in knapper Abkürzung die Großtaten geschrieben, mit denen er für immer in Erinnerung bleiben wollte. Ein Wort war da fast immer dabei: Pater Patriae, Vater des Vaterlandes. So war das selbst dann, wenn der Kaiser nur ein ganz kleiner Kaiser war, einer, der nur ein paar Wochen lang regiert hat.
Pater Patriae, Vater des Vaterlandes: Dies ist der Titel, die Aureole, die Legende, die, wenn es die alten Gebräuche noch gäbe, auf den Euro- und den Cent-Münzen mit einem Porträt von Helmut Kohl stehen müsste. Und auf der Rückseite würde ein Spruch prangen, der die deutsche Einheit und die Vereinigung Europas feiert und die großen Verträge, die Helmut Kohl dazu ausgehandelt hat – in Brüssel, Kopenhagen und Maastricht, in Schengen und Nizza. Im alten Rom hieß dieser feierliche Spruch auf den Münzen so: »FELICIUM TEMPORUM REPARATIO«. Es war der Lobpreis über die »Wiederherstellung glücklicher Zeiten«.
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Es ist dies ein Lobpreis, der auch Helmut Kohl gebührt, ein Lobpreis, der die Verdienste würdigt, von denen er fürchtet, dass sie sich nicht fest genug eingeprägt haben könnten im Bewusstsein der Deutschen. Kohl fürchtet, dass seine großen Taten verschüttet worden sind von dem Spendenskandal, der nach seiner Amtszeit ans Licht kam.
Kohl hat zwar nicht, wie Monarchen, Münzen von sich prägen lassen. Aber er hat eine neue Währung erfunden: Der Euro, der europäische Dollar, ist vor allem sein Werk. Und doch, dies ist die Angst des alten Kohl, könnte es sein, dass Undank der Welt Lohn ist, dass man seinen Namen nicht mit der europäischen Währung, sondern mit dem »Bimbes« verbindet, also mit dem Geld aus seinen schwarzen Kassen, aus denen er den einen oder anderen Wahlkampf finanziert hat.
Drei Wünsche hat der Held in den alten Märchen und Sagen frei, drei Aufgaben hat er zu bestehen. Zwei der Wünsche, zwei der Aufgaben des Kanzlers Kohl sind Geschichte geworden: Er hat die Wiedervereinigung Deutschlands glücklich gesteuert und er hat die Zukunft Europas ziemlich fest gefügt. Der dritten Aufgabe aber gilt die vergebliche Anstrengung seines Alters: Er hat Memoiren geschrieben, um gegen die angebliche »gigantische Verleumdungskampagne und Geschichtsfälschung« anzuschreiben, um sein vermeintlich wackelndes Bild in der Geschichte wieder zu befestigen.
Obwohl er seine illegalen Spender nie aufdeckte, hat er in diesen Büchern so getan, als habe man ihm den Spendenskandal angetan, um ihn zu beschädigen; die Erinnerungen Kohls sind die Erinnerungen eines sehr selbstgerechten alten Mannes. Aber sein Schreiben und Trachten und Lamentieren ist hier ganz vergeblich – und zwar deswegen, weil die Fehler und die Vergehen, die Kohl vertuschen will, seine Verdienste ohnehin nicht mindern können. Das schafft er nicht einmal selbst. Es geht ja nicht um seine Heiligsprechung und um die Anerkennung eines »heroischen Tugendgrades«, sondern um seinen Rang in der Geschichte. Was ist, ist. Und was ist, bleibt.
(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Das Alter hat Helmut Kohl getroffen wie der Blitz die deutsche Eiche, es hat ihn gefällt, es hat ein Wrack gemacht aus einem großen und gewaltigen Mann)
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13 Uhr 22
Wie kann man einen so durch und durch skrupellosen, rachsüchtigen und kleingeistigen Politiker eine solche Eloge zu Teil werden lassen? Dass sich auch Prantl so von der Aura der Macht benebeln lässt enttäuscht mich sehr. Ich kann mich den Vorkommentatoren nur anschließen.
Abgesehen davon ein sprachlich jämmerliches Niveau. Wenn Prantl schon keine Zeit hat, sollte wenigstens jemand anderer drüberlesen:
Ein Beispiel, Zitat Prantl:
"Es war seine Welt, die Pfalz, sie war überall dort, wo er war, er brachte sie mit. Hier hörte er des Dorfs Getümmel, hier war seines Volkes wahrer Himmel. Hier war die Tankstelle des Staatsmanns Helmut Kohl."
Dazu ein aufmerksamer Leser:
"Es [DAS Pfalz!] war seine Welt [Sie meinen Heimat, gell!], die Pfalz, sie war überall dort [die Welt in der Welt?], wo er war, er brachte sie mit [Wie wäre die Pfalz/Welt sonst dorthin gekommen?]. Hier war die Tankstelle [Die Pfalz/Welt eine Tankstelle? Wegen des Geruchs? Oder des heimeligen Ambientes? Oder ist Kohl ein Auto?] des Staatsmanns Helmut Kohl.
Es gelingt Ihnen, in zwei kurzen Sätzen viermal (!) ein WAR unterzubringen. Das dürfte auf BILD-Niveau liegen."
Im Text selbst steht noch ein Satz dazwischen, der alles noch lächerlicher macht: "Hier hörte er des Dorfs Getümmel, hier war seines Volkes wahrer Himmel."! Ojeoje.....
11 Uhr 16
Gibt es in ganz Deutschland wirklich niemanden mit Langzeitgedächtnis?
16 Uhr 35
15 Uhr 36
15 Uhr 35
Solch' Sicht auf diesen In-jedes-Fettnäpfchen-Treter kann auch nur einem Journalisten einfallen. Der Mann war und ist doch eher Elefant als Charismatiker.
11 Uhr 09
Blogpost: Zündende Bildidee: Das Titelfoto des SZ-Magazins - http://bit.ly/8XwE7V
Weiter so!
Frank Schleicher, news aktuell, Hamburg