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aus Heft 11/2010 Gesellschaft/Leben

Ganztagsjob, zwei Kinder, kein Mann

Christoph Cadenbach  Foto: Ralf Zimmermann; Stephanie Füssenich

Im SZ-Magazin haben wir vor einigen Wochen über den harten Alltag einer alleinerziehenden Mutter berichtet. Daraufhin bekamen wir einen empörten Leserbrief von Gabi T., die schrieb, dass sie es als Mutter viel schwerer hat. Wir haben sie besucht.

Gabi T. war so wütend, dass sie der Redaktion des SZ-Magazins einen Brief schrieb.
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Von ihrer »blanken Wut« hatte sie geschrieben. Davon, dass sie sich durch den Artikel »verarscht« vorgekommen sei, aber nun, in der Küche ihrer Wohnung in München-Perlach, ist von dieser Wut nichts mehr zu spüren. Gabi T. lächelt, auf dem Tisch steht ein Teller mit Krapfen, dazu gibt es Cappuccino.

Ein paar Tage zuvor, am Telefon, war sie überrascht gewesen, dass wir uns wegen ihres Leserbriefs, den sie uns geschickt hatte, bei ihr meldeten. Gabi ist es nicht gewohnt, dass man ihre Briefe ernst nimmt, zu viele hat sie schon geschrieben: an die Staatsanwaltschaft München, an die Anwältin ihres Ex-Freundes. Und auch an Christian Ude, den Münchner Oberbürgermeister.

In den Briefen erzählt sie, dass sie alleinerziehende Mutter ist, sie erzählt von ihrem Job, und dass das Geld am Ende des Monats trotzdem kaum reicht. Manchmal droht sie auch, sich arbeitslos zu melden, so wie die Väter ihrer beiden Söhne es getan haben. Wenn überhaupt, hat sie Floskeln zur Antwort bekommen.

Kurz vor Weihnachten hatten ihr dann Kollegen einen Artikel aus dem SZ-Magazin gezeigt, in dem das schwierige Leben einer Frau beschrieben wird, die zwei Kinder hat und alleinerziehend ist, sie heißt Daniela. Gabi, 45, ist auch alleinerziehend und hat zwei Kinder. Deshalb hat sie der Artikel aufgeregt. Und darum schrieb sie wieder einen Brief und fragte, warum wir nicht einmal sie besuchen würden, um ihre Situation zu schildern.

»Ich habe halt nicht verstanden«, sagt sie nun, »warum diese Mutter in dem Artikel jammert, obwohl sie 1100 Euro im Monat zum Leben hat, und gleichzeitig 530 Euro für die private Kita ihrer Tochter ausgibt.« Gabi kennt die Zahlen aus dem Artikel auch heute noch genau. Sie hat sich daran gewöhnt, in Zahlen zu denken, zu rechnen und zu vergleichen.

1800 Euro netto verdient Gabi im Monat. Sie arbeitet Vollzeit als Schreibkraft im öffentlichen Dienst. Nach Abzug der Miete, der Kosten für Wasser, Strom und Telefon, der Versicherungen, GEZ-Gebühren und Schulkosten für ihren jüngeren Sohn Stefan*, 13, bleiben ihr 550 Euro zum Leben. Sie zeigt eine Tabelle: Einnahmen links, Ausgaben rechts, und auch ihre Gehaltsabrechnungen. Gabi ist es wichtig, dass man weiß, sie ist ehrlich.

* Namen von der Redaktion geändert.


Aufgewachsen ist Gabi in der Au, ein ehemaliges Münchner Arbeiterviertel gleich neben der Isar. Ihr Vater starb früh, ihre Mutter musste die kleine Familie allein versorgen. Nach dem Hauptschulabschluss machte Gabi eine Ausbildung als Arzthelferin, zog in den Osten der Stadt nach Perlach, wo die Häuser grauer, aber die Mieten günstiger sind. Mit 25 lernte sie Bernd* kennen. Nach sechs Monaten war sie schwanger, eineinhalb Jahre später alleinerziehend. Damit begann der Ärger. Denn alleinerziehend bedeutet fast immer Ärger, mindestens finanziell. 

Von den rund zwei Millionen alleinerziehenden Frauen in Deutschland lebt heute jede Dritte von Arbeitslosengeld I oder Hartz IV. Und von den zwei Dritteln, die arbeiten, verdienen fast 75 Prozent weniger als 2000 Euro netto im Monat, so wie Gabi auch. Bei Ehepaaren mit Kindern haben nur 17 Prozent so wenig Geld zur Verfügung.

Die entscheidende Frage beantworten die Statistiken jedoch nicht: Wer ist schuld an der Misere?

Der Staat, weil er Alleinerziehende fast wie Singles besteuert und es versäumt hat, ausreichende Betreuungsangebote für Kinder bereitzustellen, damit die Mütter wieder arbeiten gehen können? Die Unternehmen, weil sie Alleinerziehenden ohnehin selten eine Chance geben, und somit für die meisten nur schlecht bezahlte Aushilfsjobs bleiben? In Gabis Geschichte erinnert die Antwort daran, was auch schon Daniela erzählt hat, die andere alleinerziehende Mutter: Es liegt sehr häufig an den Männern.

Ein gutes Jahr, nachdem Gabi mit Bernd zusammengekommen ist, wird ihr gemeinsamer Sohn Thomas* geboren, »ein Wunschkind«. Es ist Februar 1990. Bernd und Gabi sind verliebt, sie sprechen vom Heiraten und einem zweiten Kind, im Oktober aber verschwindet Bernd plötzlich. »Das war wie im Film«, sagt Gabi. »Er ging Zigaretten holen und kam nicht wieder.« Bis heute weiß sie nicht genau, warum Bernd ihren Sohn und sie verlassen hat. Seitdem hat sie mit ihm nur über ihren Anwalt Kontakt gehabt.

Sie hat ihn angezeigt wegen Verletzung der Unterhaltspflicht. Knapp 32 000 Euro hätten ihrem Sohn Thomas zugestanden, bis er 18 Jahre alt war. Bernd hat ein bisschen mehr als 1400 Euro bezahlt. Wie das Jugendamt München berechnet hat, fehlen am Ende 30 349 Euro und ein Cent. Deutlicher kann man es nicht sagen, selbst wenn man die rund 9000 Euro Unterhaltsvorschuss davon abzieht, die das Jugendamt für Thomas vorgestreckt hat. Für maximal 72 Monate übernimmt der Staat für Väter, die nicht zahlen können oder nicht zahlen können wollen. Dass dies keine Seltenheit ist, belegt die Statistik: 2007 haben die Jugendämter in rund 500 000 Fällen Vorschuss geleistet, das heißt, den Unterhalt für jeden vierten Vater bezahlt.
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