Anzeige

aus Heft 11/2010 Familie 5 Kommentare

Der Lillifee-Komplex

Alex Rühle hält Prinzessin Lillifee für eine anorektische Göre aus einer rosa eingerichteten Glitzerhölle. Dumm nur, dass seine fünfjährige Tochter genau das toll findet.

Von Alex Rühle  Fotos: Tapetenfabrik Rasch

Davon träumen leider viel zu viele kleine Mädchen: Lillifee-Tapete, Lillifee-Vorhand, Lillifee-Bettwäsche.
Bildergalerie: 1 2 3 weiter
Anzeige


Vielleicht ist ja am Ende die Kartoffel schuld an der ganzen Geschmacksverirrung meiner Tochter. Wo sie doch schon an ihrem Materialismus schuld ist, das behauptet zumindest Rudolf Steiner: Die Kartoffel wirkt durch die Erdgerichtetheit ihrer Keimblätter sehr stark auf das Nervensystem, schwächt damit das meditativ-verinnerlichende Denken und stärkt den reflektierenden Verstand.

Darin sieht Steiner den Beweis, dass durch die Kartoffel ein auf das Materialistische reduziertes Vorstellungsleben gefördert wird. Aus Steiners Einlassungen folgern wiederum die Autoren von Kindersprechstunde, eines an und für sich tadellos zuverlässigen, wenn auch etwas anthroposophisch angehauchten Nachschlagewerks über Kinderkrankheiten: »So gesehen ist es nicht verwunderlich, dass unsere sich ganz an eine oberflächliche Sinneswahrnehmung anlehnende materialistische Denkweise auch zusammenfällt mit der Verbreitung der Kartoffel als einem Hauptnahrungsmittel.«

Vielleicht, fragt man sich als ratloser Vater inmitten eines Lillifee-Zimmers, vielleicht sollten wir mal versuchen, unserer Tochter die Kartoffeln zu verbieten? Wenn sonst schon nichts hilft.

Lillifee ist nämlich eindeutig eine Ausgeburt des Materialismus und der oberflächlichen Sinneswahrnehmung. Ach was, Lillifee ist das Raffinierteste und Hinterhältigste, was die Industrie in den vergangenen Jahren ersonnen hat, um kleine Mädchen zu Konsumgören zu deformieren. Man kann als Eltern noch so nachhaltig, vollwertig, konsumkritisch leben, reden, schenken, die Tochter will: Lillifee.

Lillifee und dazu am besten all die Lillifee-Produkte, die das Kinderimperium Coppenrath mittlerweile im Angebot führt. Oder haben sich fünfjährige Mädchen vor zwanzig Jahren auch rosa Lipgloss zum Geburtstag gewünscht?

Für alle, die keine Töchter zwischen zwei und acht Jahren haben: Lillifee ist ein anorektisches Wesen mit Glitzerflügeln, Kussmündchen und blonden Wuschelhaaren, das in einem »Blütenschloss im Zaubergarten des Zauberlandes Pinkoviana« lebt, einem Paradies ohne Konflikte. Lillifee trägt rosa Ballerinas, lächelt immer und ist von klinisch reiner Niedlichkeit. Sie hat keine Ideen, hat noch nie einen witzigen Satz gesagt und besitzt auch nicht ansatzweise so etwas wie einen eigenen Charakter.

Erschaffen wurde das Wesen 2004, also erst vor knapp sechs Jahren, es hat sich seither aber schneller über das Land verbreitet als die Schweinegrippe oder Ebola. Monika Finsterbusch, die Frau, die Lillifee erfunden hat, war zuvor Modedesignerin und hat Plüschtiere entworfen. In Interviews sagt sie, sie habe mit Lillifee etwas »positiv Mädchenhaftes« entwerfen wollen. Alltag, Schule, Eltern, Konflikte, all das interessiere sie nicht, wichtig sei, »die Kinder in eine Traumwelt zu entführen«.

Diese Traumwelt freilich ist vollgerümpelt mit mehr als 300 Lillifee-Produkten, die die Firma Coppenrath mittlerweile im Angebot hat. All diese Produkte sind in ein und demselben milchig-milden Rosaton gehalten: Glitzertattoos, Beauty-Sets, Bademäntel, Fahrradsattelschutz, Tapeten, Butterbrot-dose, Zahnbürsten, Trinkflaschen, Noppenkondome, Handfeuerwaffen und Giftgasmasken. Pardon, die letzten drei Produkte gibt es natürlich nicht im Sortiment, besser gesagt: noch nicht.

Shampoo aber schon, das selbstverständlich ph-hautneutral und alkaliseifenfrei ist und nicht einfach Shampoo, sondern Anti-Ziep-Shampoo heißt. Man kauft es am besten zusammen mit dem rosa Schaumbad »Feenstaub«, das »kleine Glitterpartikelchen« enthält, was mich daran erinnert, dass ich unseren Kindern kürzlich ein polnisches Märchen vorlas, in dem drei Söhne ausziehen, um das Glück zu suchen. Danach fragte ich: »Was ist denn für euch beide das Glück?« Unser Sohn sagte: »Meine Hasen und die Marionetten.« Unsere Tochter sagte: »Rosa mit so ein bisschen Glitzer drin.«

Wow, dachte ich, ihr schäbigen Industriemogule, da habt ihr ganze Arbeit geleistet, wenn eine Fünf-jährige das Glück mit der Lillifee-Ästhetik gleichsetzt.
Nun hat die Lillifee-Industrie das Rosa wahrlich nicht erfunden. In den Spielzeug-läden von TOYS R US sind die Gänge mit Mädchenspielzeug durchgehend rosa, abgesehen von vereinzelten Farbtupfern in Mintgrün, Lila und Orange. Fragt man Verkäufer, woran es liegt, dass Mädchen derart auf Rosa abfahren, sagen sie achselzuckend, das sei so stark in den Mädchen drin, das müsse genetisch bedingt sein.

Kommentare

Name:
Kommentar:

  • Kerstin S (0) Meine Tochter hatte genau diese Phase im Kindergarten, in der Schule wars dann schlagartig vorbei mit Lillifee. Sie trägt nur noch Blau und Schwarz und spielt Fußball, sämtliches Topmodelgetue ist für sie ein No-go. Sie sehen, es gibt also Hoffnung! Ich war anfangs auch entsetzt über diese rosa Prinzessinnen-Phase und den Lillifee-Film habe ich nur unter Schmerzen angeschaut. Trotzdem denke ich, dass Kinder ihre Phasen ausleben sollten, Mädchen und Jungen sollten verschiedene Rollen ausprobieren dürfen, auch wenn man sie selbst bedenklich findet. Nur wenn sie diese Prinzessinnen sein durften, können sie diese Rolle auch wieder ablegen, Verbote fördern das ja bekanntlich eher. Man muss ja nicht alle Lillifeeartikel kaufen, aber eine Brotdose und ein Prinzessinnenkleid können bestimmt nicht schaden, wenn es die Mädchen glücklich macht.
  • Markus Jablonski (2) Ich kann die inszenierte Aufregung, die in diesem Artikel geäußert wird, nicht nachvollziehen.
    Meines Erachtens spiegelt dieser Beitrag einzig das Erziehungsversagen des Autors wider. Wer es als Eltern schon nicht schafft, seiner 5-jährigen Tochter sowie Großeltern und Paten Grenzen des hemmungslosen Konsums und Schenken aufzuzeigen, der wird noch ganz andere Ansprüche zu spüren bekommen. Wahrscheinlich wird der Frust der Tochter groß sein, wenn zum 18ten Geburtstag das neue Golf-Cabriolet vor der Tür steht und dann NUR „schwarz“ und nicht in der Wunschfarbe „brilliant schwarz“ angeliefert wurde.
    Ich kann an dem Produkt Lillifee nichts Verwerfliches finden. Die Heldinnen früher Mädchengenerationen hießen Diddl oder Sarah Kay. Auch diese waren charakterlos und völlig sinnentleert. Auch diese wurden damals schon mit perfektem Merchandising in die Kinderzimmer gepusht. Und trotzdem hatten die Mädchen Spaß daran. Na und? Kein Kind ist aus sich heraus fehlgeleitet, nur weil es so etwas toll findet.
    Lillifee - und Captain Sharky als Pendant für Jungs - werden aber in erster Linie von ideenlosen Erwachsenen gekauft, die insgeheim ganz froh sind, dass ihnen jemand das Denken darüber abgenommen hat, was man seinem (Paten-, Enkel-)Kind schenken könnte. Daher gibt es dann auch so viele Non-Book-Produkte. Dass jemand mit dem Mangel an Kreativität und Einfühlungsvermögen anderer sein Geld verdient, verdient allenfalls Respekt und vielleicht sogar ein wenig Neid. Das moralische Versagen steht in diesem Fall vor und nicht hinter der Kasse.
  • Katharina Gsöll (1) In der BU ist von "rosa Vorhand" die Rede... Wenn der Rosa-Rausch so weit geht, dass so gar nur noch rosa Tennis gespielt wird, ist das wirklich bedenklich. Da kann man nur hoffen, dass es band vorüber ist.
  • Elisabeth L (0) Ein Trost für den Autor dieses Textes:

    Meine Tochter, Jahrgang 2000, gehörte zu der ersten Generation der Lillifee-Anhängern.

    Heute kommt ihr nichts rosanes mehr ins Zimmer, alles mit Lillifee drauf wurde vor etwa 2 Jahren verschenkt.

    Das es nach der "Alles rosa"-Phase besser wird, kann ich allerdings nicht versprechen...
  • Wolfgang Wetzer (0) "Die Frage ist, wie man als Eltern mit einer derart krassen Geschmacksverirrung des eigenen Kindes umgehen soll. Verbieten? "

    2 Strategien:
    1. Wieso soll man das verbieten, man kann extreme Auswüchse auch dadurch vermeiden, indem man das nicht auch noch durch bereitwilliges Schenken unterstützt. In gewissen Maßen gibt es schädlicheres und die Kinder verfügen in der Regel nicht über genügend Geld um sich das alles zu kaufen.

    2. Abwarten: Die rosa Phase geht eh vorbei, und dann mögen es die Mädchen gar nicht wenn man sie an diese erinnert....

    Ansonsten viel zu viel Text um so ein rosa etwas.