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aus Heft 16/2010 Geschichte 6 Kommentare

Das Grauen von Rechnitz

In einem österreichischen Dorf wurden kurz vor Kriegsende 180 Juden von den Gästen eines Schlossfestes ermordet. Margit von Batthyány-Thyssen war Gastgeberin - und die Großtante unseres Autors.

Von Sascha Batthyány  Fotos: Gemeindeamt Rechnitz, Karisma, Archiv David R L Litchfield, dpa. Illustration: Reinhard Kleist

Die Jagd war eine Leidenschaft der Gräfin Batthyány-Thyssen. Die Kreise, in denen sie verkehrte, waren erlaucht - vielleicht taten auch deswegen nach dem Krieg fast alle so, als hätte es das Massaker von Rechnitz nie gegeben.
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Ich stehe vor Tante Margits Grab und versuche, mich an ihr Gesicht zu erinnern, aber es gelingt mir nicht. Wenn ich an Tante Margits Gesicht denke, sehe ich immer nur ihre Zunge.

Es ist ein schlichtes Grab, Friedhof Castagnola, am Fuße des Monte Brè am Luganer See – nur eine einfache Granitplatte, obwohl Margit eine der reichsten Frauen Europas war und Bescheidenheit eigentlich nicht ihre
Tugend. »21. Juni 1911 – 15. September 1989 Margit Batthyány-Thyssen«. Eine Enkelin pflegt das Grab, sie hat gelbe Chrysanthemen vorbeigebracht, die Erde im Topf ist frisch.

In meiner Kindheit gingen wir zweimal im Jahr mit ihr essen, immer im »Hotel Dolder« in Zürich, mein Vater fluchte schon auf der Hinfahrt und rauchte in unserem Opel eine Zigarette nach der anderen, meine Mutter kämmte mir die Haare mit einem Plastikkamm. Wir nannten sie Tante Margit, nie Margit, als wäre Tante ein Titel, in meinen Erinnerungen trägt sie Kostüme, zugeknöpft bis zum Hals, und Seidenschals mit Pferdemotiven.

Sie ist groß, ein gewaltiger Oberkörper auf dünnen Beinen, ihre Krokodilledertasche ist bordeauxrot und hat goldene Verschlüsse, und wenn sie erzählt, von der Rehbrunft oder von Schiffsreisen in die Ägäis, dann streckt sie in den Pausen zwischen den Sätzen ihre Zungenspitze heraus, wie eine Eidechse, sie tut es, wie andere Menschen dauernd in den Haaren spielen oder sich an die Nase fassen. Ich sitze so weit wie möglich von ihr entfernt, Tante Margit hat Kinder gehasst, und während ich in der geschnetzelten Kalbsleber herumstochere, schaue ich immer wieder zu ihr hin. Ich will diese Zunge sehen.

Nach ihrem Tod sprachen wir nur noch selten von ihr, meine Erinnerungen an diese Mittagessen verblassten, bis ich im Jahr 2007 zum ersten Mal von diesem österreichischen Dorf las: Rechnitz. Von einem Fest. Von einem Massaker. Von 180 Juden, die erschossen wurden und sich zuvor nackt ausziehen mussten, damit ihre Leichen schneller verwesen. Und Tante Margit?

Sie war mittendrin.

Ich rufe meinen Vater an und frage ihn, ob er davon gewusst habe. Ich höre, wie er eine Weinflasche entkorkt, und sehe ihn vor mir auf diesem abgewetzten Sofa, das ich so mag, in seinem Wohnzimmer in Budapest.
»Margit hatte eine Affäre mit einem Nazi namens Hans-Joachim Oldenburg, das hat man sich in der Familie erzählt.«

In der Zeitung steht, sie habe ein Fest organisiert, als dessen Höhepunkt 180 fast verhungerte Juden den Gästen vorgesetzt wurden. Alle waren stockbesoffen. Es wurden Waffen verteilt. Alle durften schießen. Ein englischer Journalist namens David Litchfield nennt Margit im Independent »Killer Countess«, in der FAZ heißt sie »Gastgeberin der Hölle«, und die Bild-Zeitung schreibt: »Thyssen-Gräfin ließ auf Nazi-Party 200 Juden erschießen«. »Das ist Quatsch. Es gab ein Verbrechen, aber dass Margit damit etwas zu tun hatte, halte ich für unwahrscheinlich. Sie war ein Monster, aber dazu war sie nicht in der Lage.«

Wo war Margits Mann, Ivan? Auch beim Fest?

»Ivan war mein Onkel, der Bruder deines Großvaters. Während sich Margit in Rechnitz auf ihrem Schloss mit Nazis vergnügte, war Ivan in Ungarn. Ihre Ehe war von Anfang an ein Desaster. Sie war die deutsche Thyssen-Milliardärin und Ivan der verarmte ungarische Graf.« Wieso war Margit ein Monster? »Das sind alte Geschichten.«

Kurz nach dem Krieg kam es zu mehreren Prozessen. Liest man die Zeugenaussagen zum Massaker von Rechnitz, Akte Vg 12 Vr 2832/45, Landesarchiv Wien, so ergibt sich folgendes Bild: Die Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 ist eine mondhelle Nacht. Im Schloss von Margit Batthyány-Thyssen in Rechnitz, Burgenland, österreichisch-ungarische Grenze, findet ein Gefolgschaftsfest statt, eine Art Kameradschaftsfest der Nazis. Ob Margit begeisterte Gastgeberin war oder nur ihr Schloss zur Verfügung stellte, lässt sich nicht genau sagen. Nur dass sie dabei war. Mitglieder der Gestapo und lokale Nazi-Größen wie SS-Hauptscharführer Franz Podezin, wie Josef Muralter, wie Hans-Joachim Oldenburg unterhalten sich mit Hitlerjungen und Angestellten des Schlosses und setzen sich an runde Tische im kleinen Saal im Erdgeschoss.

Für die Nationalsozialisten ist der Krieg verloren, die Russen sind schon an der Donau, doch das soll die Stimmung nicht trüben. Es ist acht Uhr abends. Zur selben Zeit stehen am Bahnhof in Rechnitz etwa 200 jüdische Zwangsarbeiter aus Ungarn, die beim Bau des Südostwalls eingesetzt wurden, einer gigantischen Verteidigungslinie von Polen über die Slowakei, Ungarn bis nach Triest, welche die anrollende Rote Armee hätte stoppen sollen. Um halb zehn Uhr abends lädt der Lkw-Unternehmer Franz Ostermann einen Teil der Juden in seinen Lastwagen und übergibt sie nach kurzer Fahrt in die Hände von vier Männern der Sturmabteilung, SA, die den Juden Schaufeln in die Hand drücken und ihnen befehlen, einen L-förmigen Graben auszuheben.

(Wie der Festabend auf dem Schloss verlaufen ist und warum Rechnitz noch heute weltberühmt ist, lesen Sie auf der nächsten Seite)


Kommentare

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Kommentar:

  • Paul Martin (0) Lieber Sascha Batthyány, danke für diesen Text, die Arbeit und den Mut. Ich bin in Ihrem Alter und zwar aus weniger prominenter Familie, doch die ungefragten Fragen an die Generation unserer Großeltern brennen so sehr. Nur so wie Sie können wir anfangen, uns aus dem anerzogenen Schweigen zu befreien.
  • Korbinian Winhart (0) Vielen Dank für diesen Artikel, den Mut auch das Familientreffen zu erwähnen. Es zeigt ganz deutlich warum es immer noch schwierig ist, etwas über die Kriegsverbrechen herauszufinden. Eine vorurteilslose Aufklärung ist wohl erst dann möglich wenn alle Beteiligten verschieden sind. Leider sind dann auch alle Zeugen weg.
  • David Winter (0) Beinahe 30 Jahre lang habe ich in der Schule, in der Uni, in Printmedien, im Fernsehen und im Kino von den Verbrechen des Nationalsozialismus gehört. Ich kenne die großen, entsetzlichen Zahlen und Kennlinien. Aber ich glaube, noch nie hat mich eine Geschichte über den Faschismus und den giftigen Boden, auf dem er wuchs, so erschreckt und angeekelt. Diese kriecherische Verehrung für Menschen, die, weil sie reich und adelig sind, auch Jahrzehnte nach ihren Verbrechen vom kleinen Volk protegiert werden, bis über das Grab hinaus. Ein einziger Rattenkönig aus Hass und Geld und Katzbuckelei und Lust am Töten, Vergessen, Schönlügen, aus dem der Gefreite Adolf H. gekrochen ist. Thyssen-Geld und ein Samtkostüm mit Mascherln von einer Frau, die einem Massenmörder die Steigbügel hielt. Wie leicht man sich Schweigen kaufen kann.

    "Gib Acht auf den Namen der Familie."

    Dem Autor Dank für die cojones, sich der Familiengeschichte zu stellen.
  • florian cooker (0) was mich wundert: man schafft es gräber aus dem 4jhd. aus der luft zu entdecken. das könnte doch auch hier möglich sein. 180 leichen hatten/haben sicher einen einfluss auf die erde, vegetation. wenn man dann noch der tante margit glaubt und in einem bereich 2-3km um das schloss sucht: auf google-earth zum beispiel...

    es sei denn jemand hat in den jahren danach versucht spuren zu verwischen (zubetonieren, etc..)
  • Wolfgang Kirste (0) Sascha Batthyány herzlichen Dank fuer den bewegenden Text. - Fantastisch, grauenvoll. Macht mich sehr nachdenklich...
  • alexander binder (0) Zu diesem schrecklichen Ereignis gibt es einen Film in welchem die Bewohner des Ortes befragt und Spuren der Untat gefunden werden.
    "Totschweigen" heisst der und erhältlich ist der da:
    http://www.docushop.at/product_info.php?...