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aus Heft 16/2010 Geschichte

»Aghet war der erste Völkermord in der Geschichte des 20. Jahrhunderts«

Seite 2

Lars Reichardt (Interview)  Fotos: dpa, getty/afp. Illustration: Reinhard Kleist.





Das heißt, die Türkei bzw. das Osmanische Reich machte sich nicht allein schuldig?

Die Konkurrenz zwischen Großbritannien und dem Russischen Reich um die Weltmacht gab dem Sultan Gelegenheit, seine Vernichtungspolitik gegen Minderheiten durchzuziehen. Die zweite Dokumentation des Johannes Lepsius von 1915 wurde von der deutschen Regierung bis nach dem Krieg verboten, man wollte den türkischen Bündnispartner schonen. So wie das heute alle NATO-Partner der Türkei immer noch tun.

Sind die Berichte deswegen relativ unbekannt geblieben?

Ja, sie wurden nur ins Französische übersetzt. Aber Lepsius traf 1915 in Konstantinopel auch den für den Völkermord mitverantwortlichen Kriegsminister Enver Pascha zum Streitgespräch. Dieses Gespräch ging in die Weltliteratur ein: Franz Werfel hat es in seinem Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh verarbeitet.

Dabei hat die Türkei die Verantwortlichen des Genozids doch selbst verurteilt.
Nationalistische Ideologen sprechen von einem Nürnberg-Prozess der Siegermächte im Jahr 1919, was nicht richtig ist, denn türkische Militär- und Zivilgerichte sprachen die Urteile. Man muss wissen: 1918 nach dem Krieg gab es eine Doppelregierung – die alte Osmanische Regierung in Konstantinopel und eine neue unter Atatürk, der erst gegen den Genozid war, sich aber nach dem Krieg mit den Schuldigen des Völkermords verbündete. Die Regierung unter Atatürk hat später sogar einen der Schlächter zum Märtyrer ernannt, der in Konstantinopel von der alten Regierung hingerichtet wurde; seiner Witwe wurde eine Rente aus erbeutetem armenischen Besitz zugesprochen. Enver Pascha, der General und Gesprächspartner von Lepsius, wurde nach dem Krieg ebenfalls zum Tode verurteilt und floh nach Deutschland. Später wurden seine Gebeine nach Istanbul gebracht. In Istanbul gibt es heute ein Enver-Pascha-Denkmal, sogar Schulen wurden nach ihm benannt. Das ist, als ob wir in Deutschland eine Eichmann-Schule hätten.

Warum haben die Generäle den Genozid überhaupt befohlen?

Aus Staatsräson und Habgier. Armenier waren wohlhabende Intellektuelle, Rechtsanwälte, Kaufleute, Handwerker, Ärzte, Bauern. Karl May hat geschrieben: »Die Armenier sind die schlechtesten Kerle der Welt«, Schiller hatte das in seinem Geisterseher so ähnlich gesehen. Deutsche Offiziere, die als Ausbilder in die Türkei kamen, sprachen von den »Juden des Osmanischen Reiches«. Der evangelische Theologe und spätere deutsche Reichstagsabgeordnete Friedrich Naumann nahm 1898 sogar das Wort des Bazillus in den Mund und rechtfertigte Massaker an den Armeniern: »Die Türken haben Recht getan.«

Waren Deutsche auch unmittelbar an den Massakern beteiligt?

Einige. Oberst Graf Wolffskeel von Reichenbach etwa hat in Urfa die türkische Artillerie geleitet, die das armenische Viertel sturmreif geschossen hat. Es gab aber auch wenige deutsche Offiziere, die Deportationen zu verhindern suchten, wie Otto Liman von Sanders.

Haben Türken nicht recht, wenn sie sich deutsche Kritik an ihrer Geschichte verbitten?

Es gibt eine etwas verrückte Äußerung eines türkischen Politikers: Die Deutschen sind die einzigen Völkermörder auf der Welt und suchen verzweifelt nach Kameraden. Das ist natürlich nur Polemik. Adolf Hitler erinnerte ja selbst an die Vernichtung der Armenier, bei einem Treffen mit den Oberkommandierenden auf dem Obersalzberg, am 22. August 1939 – die Geheimrede wurde aber verbotenerweise mitgeschrieben. Es ging um den Überfall auf Polen, Hitler sagte: »Wir müssen mitleidslos wie Dschingis Khan Männer, Frauen, Kinder, Greise der polnischen Rasse vernichten.« Um etwaige Zweifel zu beseitigen, fügte er hinzu: »Wer spricht denn heute noch von der Vernichtung der Armenier?« Ein interessanter Punkt: Wie kommt Hitler auf die Armenier? Es gab einen deutsch-baltischen Offizier und Diplomaten in seinem Beraterstab, der in Anatolien 1915 versuchte, den Armeniern zu helfen, Erwin von Scheubner-Richter. Er wurde nach dem Ersten Weltkrieg ein wichtiger Berater Hitlers und führte ihn in die Münchner Gesellschaft ein, die ihn mit den nötigen Mitteln für seine politische Karriere ausstattete.

Hitler nahm die Türkei zum Vorbild?

Hitler wusste, einer Siegermacht verzeiht man vieles. Die Weltmächte rückten schon 1923 von ihrem Vorhaben ab, einen armenischen Staat zu schaffen und die Türkei als Verlierermacht deutlich zu verkleinern. Die Türkei blieb Bündnispartner des Westens, bis heute. Deswegen sprechen so wenige Länder vom Völkermord an den Armeniern.

Ein Ausschuss des amerikanischen Außenministeriums hat sich endlich dazu durchgerungen, von Genozid zu sprechen.

Die Armenier jubeln schon, aber das könnte zu früh sein, denn die Entscheidung des Kongresses steht noch aus. Deutschlands offizielle Position in der Resolution des Bundestages vom Juni 2005 ist realistischer: Hier wird auf die gemeinsame Verantwortung der Türkei und Deutschlands verwiesen, da sitzt nicht nur die Türkei auf der Anklagebank. Das Wort Genozid wurde in der Resolution vermieden, aber Ankara hat es dennoch herausgehört, und so war es ja eigentlich auch gemeint: »Deutschland verlangt von uns die Anerkennung des Genozids«, hieß es am Tag darauf in den türkischen Medien.

Gott sei Dank sind die Menschen in der Türkei viel aufgeklärter als
ihre Politiker: Denken sie nur an die großen Demonstrationen nach dem Mord an Hrant Dink durch einen 16-jährigen Fanatiker vor zwei Jahren. Da gingen nicht nur armenischstämmige Türken auf die Straße. Es gibt viele Oppositionelle in der Türkei, die sich für die Anerkennung des Völkermords einsetzen.

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("Aghet" ist armenisch und heißt "die große Katastrophe" - die Geschichte der Ermordung Hunderttausender Armenier zwischen 1915 und 1917. Die
geschichtlichen Hintergründe zum Genozid in Armenien lesen Sie auf der nächsten Seite)

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