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aus Heft 16/2010 Geschichte

»Aghet war der erste Völkermord in der Geschichte des 20. Jahrhunderts«

Lars Reichardt (Interview)  Fotos: dpa, getty/afp. Illustration: Reinhard Kleist.

Die türkische Regierung weigert sich bis heute, die Massaker an 1,5 Millionen Armeniern als Genozid anzuerkennen. Ein Interview aus dem Jahr 2010 mit dem mittlerweile verstorbenen Kulturwissenschaftler Hermann Goltz.


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SZ-Magazin: Herr Goltz, Schriftsteller und Journalisten, die sich zum Völkermord an Armeniern äußerten, wurden in der Türkei angeklagt – wie Orhan Pamuk – oder ermordet – wie der Journalist Hrant Dink. Sie beschäftigen sich seit dreißig Jahren mit dem Thema. Wird man auch als deutscher Wissenschaftler bedroht?

Hermann Goltz: Sie kennen die Radio-Eriwan-Antwort: im Prinzip ja. Wissenschaftler waren nie so gefährdet wie der ermordete armenisch-türkische Journalist Hrant Dink, wie Politiker oder Schriftsteller, deswegen treffen uns nur selten unappetitliche Anwürfe in irgendwelchen obskuren Chatrooms im Internet.

Sie waren wissenschaftlicher Berater für den Dokumentarfilm Aghet, der vor zwei Wochen im deutschen Fernsehen gezeigt wurde. Haben Sie sich vor radikalen Türken gefürchtet?

Ich befürchtete vor allem die üblichen Verhinderungsmaßnahmen türkischer Politiker.

Wie meinen Sie das?

Als ich im Jahr 2005 an der Armenien-Resolution des deutschen Bundestags mitarbeitete, schickte das türkische Parlament Abgeordneten-Gruppen aus allen Fraktionen nach Berlin, die mit einem großen Aufwand von Geld und Zeit jede Fraktion des deutschen Bundestages einzeln »bearbeiteten«. Da ich als Berater der deutschen Seite bei diesen Gesprächen persönlich anwesend war, bin ich Augen- und Ohrenzeuge dieses unglaublichen politischen Drucks geworden, den Ankara auf die deutsche Politik in dieser Sache ausübt.

Sie denken, der Einfluss der türkischen Regierung reicht so weit?

Auf Umwegen gelegentlich, ja. Auch viele in Deutschland lebende Türken denken stramm nationalistisch. Und besuchen Abendveranstaltungen von eingeflogenen türkischen Ideologen, die den Völkermord als Erfindung des Westens darstellen. Türkische Mitbürger haben auch schon deutsche Politiker dazu bewogen, unsere Arbeit zu behindern. Ich baue mit Kollegen von der Universität Halle-Wittenberg ja seit zehn Jahren das Johannes-Lepsius-Archiv in Potsdam wieder auf. Der Theologe Johannes Lepsius hat schon 1896 ein armenisches Hilfswerk gegründet und die erste Dokumentation über den Völkermord geschrieben. Türkische Diplomatie hat versucht, das Lepsius-Haus zu verhindern, und Ministerpräsident Matthias Platzeck unter Druck gesetzt. Der türkische Botschafter hat uns vorgeworfen, wir wollten die Türkei destabilisieren.
Worum streitet die Türkei?
Die türkische Regierung weigert sich bis heute, die Massaker 1915 und in den folgenden Jahren mit bis zu 1,5 Millionen ermordeten Armeniern als Genozid anzuerkennen. Sie behauptet, die damalige Regierung hätte die Deportation von Armeniern lediglich aus Gründen der Staatsräson, zum Selbstschutz des Staates betrieben. Überfälle von kurdischen Banden auf Armenier seien nicht mit Billigung der Regierung geschehen, der Hungertod vieler Armenier in der Wüste nie billigend in Kauf genommen, Erschießungen seien die Ausnahme gewesen.

Das heißt: Die Türkei gibt Massaker zu, aber bestreitet einen Völkermord?

Ja, eine spitzfindige Unterscheidung, in der auch Tote aufgerechnet werden. Die Türkei spricht von 300 000 Opfern, Armenien von leider realistischen 1,5 Millionen.

Wie sieht ein Historiker die Ereignisse?

Der Deportationsbeschluss von 1915 war in Wirklichkeit ein Mordbefehl. Es wurde auch gesagt, die Leute gleich zu ermorden, wäre barmherziger gewesen, statt sie hin- und herzuschicken, bis sie verdursteten oder erschlagen wurden. »Aghet«, wie die große Katastrophe auf Armenisch genannt wird, war vor dem Holocaust der erste geplante Völkermord in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Anhand dieses Völkermords prägte der polnisch-jüdische Jurist Raphael Lemkin den Begriff Genozid, der 1948 als Straftatbestand im Völkerrecht eingeführt wurde.

Glaubt der türkische Ministerpräsident Erdogan selbst an seine offizielle Position?
Ich bin sicher, nein. Völkermord verjährt nicht. Würde er anerkannt werden, müsste man auch über Wiedergutmachungsleistungen reden, es gibt türkische Diplomaten, die sogar eine Rückgabe von Immobilien
erwägen.

Sie glauben, der türkische Ministerpräsident sagt die Unwahrheit wegen des Geldes und einiger Immobilien?

Vermutlich. Es gibt allerdings auch viele Menschen in der Türkei, die nicht über die Beweislage informiert sind.

Was ist also mit Erdogan?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass er die Dokumente kennt. Ich denke aber auch, er will sie gar nicht kennen.

Welche Dokumente würden ihn denn überzeugen?
Viele internationale Diplomaten berichteten aus den Gebieten, wo 1915 die Massaker stattfanden, an ihre Botschaften. Diese Berichte sind alle zugänglich und zum Großteil sogar veröffentlicht. Allein die Berichte des Johannes Lepsius, dessen Archiv wir aufbauen, reichen aus, um sich von den Ausmaßen des Verbrechens zu überzeugen. Lepsius hat schon den früheren Völkermord 1894 bis 1896 dokumentiert, als bis zu 300 000 Armenier im Osmanischen Reich ermordet wurden. Diese erste Dokumentation trägt bezeichnenderweise den Titel: Armenien und Europa. Eine Anklageschrift wider die christlichen Großmächte und ein Aufruf an das
christliche Deutschland.

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(Lesen Sie auf der nächsten Seite, was zum Massaker geführt hat und inwieweit auch deutsche Offiziere beteiligt waren.)
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