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aus Heft 17/2010 Internet

Hass

Illustration: Christoph Niemann

Früher gab es Sprengstoffexperten, heute gibt es das Internet. Damit kann jeder Bomben basteln. Wirklich?

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Eine Explosion mehr oder weniger, das fällt an Silvester gar nicht auf, wird sich ein Hamburger Schüler gedacht haben. Und deponierte nachts um eins zusammen mit zwei Freunden einen selbst gebauten Sprengsatz in einer Telefonzelle im Stadtteil Harburg. Bumm! Die Explosion blieb doch nicht unbemerkt. Auch deshalb, weil von der Telefonzelle danach nichts mehr übrig war. Die Teile lagen im Umkreis von 15 Metern verstreut. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt.

Wie kann ein 18-Jähriger solch eine gefährliche Bombe bauen? Die Pläne dafür, so lesen wir immer wieder, findet heute jeder ohne großen Aufwand im Internet. Der Bombenbastler, der am Computer sitzt und gefährliche Chemikalien zusammenrührt – neben dem Ballerspieler und dem Viren-Programmierer ist er eine der Schreckensgestalten des Netzes, ein immer wieder beschworener Dämon.
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In seiner alltäglichen Variante ist er ein leichtsinniger Jugendlicher, der den Chemiebaukasten von einst gegen die Basteltipps der digitalen Welt eingetauscht hat. Die böse Variante: der Terrorist, der im Netz das Wissen für seine Anschläge findet. Bei vielen großen Terroranschlägen der letzten Jahre detonierten nach Ansicht der Sicherheitsbehörden Bomben, für deren Konstruktion die Täter Anleitungen aus dem Netz genutzt hatten.

Doch wie einfach – oder schwierig – ist es wirklich, mithilfe des Internets eine Bombe zu bauen? Wie weit kommt man ohne Fachwissen und ohne sich strafbar zu machen?

Erster Versuch: »Bombe« googeln. 9 720 000 Treffer. Ganz oben steht eine Anleitung zum Atombombenbau. Der erste Satz: »Besorgen Sie sich zunächst etwa 50 Kilogramm waffenfähiges Plutonium.«

Zweiter Versuch: »Bombe bauen« googeln. Zu den ersten Treffern gehört ein Beitrag über einen Cottbusser Professor. Er sagt, dass jeder Terrorist sich in Baumärkten, Drogerien oder Apotheken legal mit Bombenmaterial eindecken könne. Eine direkte Bauanleitung ist aber noch nicht dabei.

Dritter Versuch: Wer die Suchkriterien verfeinert, gelangt auf die entsprechenden Seiten. Zum Beispiel auf die eines Berliner Vereins, wo detaillierte Anleitungen zum Bau unterschiedlicher Bomben heruntergeladen werden können. »Es geht hier nicht um Böller, die nur laut sein sollen, sondern um Sprengkraft …«, ist dort zu lesen. Betrieben wird die Seite von einem 28-jährigen Berliner, der die Sprengtechnik als »Hobby« und »Sport« bezeichnet und über die »Repression« durch Polizei und Staatsanwaltschaft jammert.

Die Behörden stufen das Treiben weniger harmlos ein: Das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion ist Privatpersonen grundsätzlich verboten und in jedem Falle strafbar.

Aber explodieren die Mischungen überhaupt, die auf dieser Seite zu finden sind? Im Auftrag des SZ-Magazins hat der Bremer Chemieprofessor Wolfram Thiemann vier der zahlreichen Bombenrezepte analysiert: ein Gemisch aus Schwarzpulver und Benzin sowie drei Verbindungen diverser Chemikalien, zum Beispiel Natriumchlorat und Ammoniumnitrat, und Haushaltsprodukte. Das Urteil des Experten: »Alle diese Gemische funktionieren, mit allen können Sie verheerende Wirkung erzielen.«

Wie leicht kommt man an die Zutaten heran? Auch dafür geben die einschlägigen Webseiten Hinweise. Empfohlen wird zum Beispiel ein spezielles Pflegemittel, das zu 75 Prozent aus einer explosiven Chemikalie besteht. »Diese Konzentration reicht aus«, sagt der Sprengmeister Eduard Reisch. »Wenn Sie das Zeug eins zu eins mit Zucker mischen, können Sie es mit einer einfachen Zündschnur zur Explosion bringen.« Das Pflegemittel unterliegt zwar der Chemikalien-Verbotsordnung, wird jedoch an volljährige Personen verkauft, die bestätigen, es »nur entsprechend der Gebrauchsanleitung und den gesetzlichen Vorschriften« anzuwenden. Teuer ist die Sprengstoffzutat nicht: Ein Kilo kostet weniger als 15 Euro.

Es ist also erschreckend leicht, im Netz ein Bombenrezept zu finden. Und es dürfte in Zukunft noch leichter werden. »Die Zahl der Bombenanleitungen auf deutschen Internetseiten ist stark angestiegen«, sagt Bert Weingarten, dessen Firma Pan Amp Sicherheitssoftware für das Internet vertreibt und seit Jahren die Szene beobachtet. »Und die Anleitungen werden immer gefährlicher.« Unternehmen kann man dagegen nichts. Denn solange nicht zur Zündung der Bombe aufgerufen wird, bleibt die Veröffentlichung einer Bauanleitung straffrei.


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