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aus Heft 21/2010 Gesellschaft/Leben

Endstation Demenz

Tim Gutke  Fotos: Yorck Dertinger

An dieser Bushaltestelle fährt kein Bus. Nie. Helene Mattmer wartet trotzdem jeden Tag, denn sie ist dement.

Das ist keine Haltestelle.
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Gewissenhaft streicht Helene Mattmer die Sitzfalten aus ihrem knielangen Rock. Die Holzbank ist bequem, doch Helene Mattmer, 92, ist unruhig, sie schaut auf ihre Armbanduhr. Es ist kurz nach elf, und Helene Mattmer wartet auf den Bus. »Er verspätet sich schon wieder«, sagt sie verärgert und schaut sich um, als müsse der Bus jeden Augenblick um die Ecke kommen. Aber es wird kein Bus kommen. Heute nicht, morgen nicht. Nie.

Die Bushaltestelle steht auf einer Wiese im Innenhof der Münchner Pflegeanstalt Münchenstift, im geschlossenen Bereich, dort, wo die Patienten untergebracht sind, die als weglaufgefährdet gelten. Helene Mattmer hat Demenz, wie 1,2 Millionen andere Deutsche, von den heute 80-Jährigen ist jeder Dritte daran erkrankt. Da unsere Gesellschaft immer älter wird, rechnen Experten, dass sich die Zahl bis 2030 verdoppeln wird.

Heilen kann man Demenz nicht – nur den Weg des geistigen Verfalls erleichtern. Zum Beispiel mit dieser Haltestelle. Milieugestaltung nennen Fachleute das: Weil bei den Erkrankten keine neuen Erinnerungen mehr stattfinden, versucht man, ihnen eine erlebte Realität zu ermöglichen – sei es durch Möbel aus den Dreißigerjahren, Musik von früher oder eben eine Bushaltestelle, die mal eine echte Bushaltestelle war und deswegen auch noch echt aussieht: das Schild mit dem »H«, ein runder Mülleimer in Hüfthöhe und am Haltestellenmast ein detaillierter Fahrplan, der besagt, dass hier der 54er mit Endstation Lorettoplatz hält. Und der Nachtbus N42 zur Dülferstraße fährt.

»Es ist der Versuch, einen Bezug zu biografischen Erfahrungen des Patienten herzustellen, die eine identitätserhaltende Wirkung entfalten«, sagt Professor Johannes Pantel von der Klinik für Psychiatrie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt.

Ob Helene Mattmer merkt, dass hier nie ein Bus fährt? Wahrscheinlich nicht. »Aus therapeutischer Sicht macht das aber keinen Unterschied«, sagt Pantel. Denn die Haltestelle ohne Bus ist ein sogenannter Gedanken-Anker, an dessen Kette sich ihr Gehirn langsam in die Vergangenheit zieht. Auf welche Reise Helene Mattmer geht, wenn sie auf den Bus wartet, weiß niemand. Sicher ist nur: Es beruhigt sie. Denn in einer für sie ansonsten völlig strukturlosen Welt bietet das Erinnern, in diesem Fall das Warten auf den Bus, etwas Struktur. Erinnerungen bieten Sicherheit, deswegen suchen an Demenz Erkrankte Orte, an die sie sich erinnern.

Solche Haltestellen ohne Anschluss gibt es nicht nur in München, sondern auch in Essen, in Rostock, in Wuppertal. In Hamburg. Rund dreißig Stück sind es in Deutschland. Kritiker werfen den Seniorenheimen vor, sie würden damit die Menschenwürde der Patienten verletzen. Aber ist die Alternative tatsächlich humaner? »Würden die Erkrankten nicht auf einen Bus warten, sondern auf dem Gelände herumirren, wäre das vielleicht ein Problem für die Betreuer. Das Ergebnis: Man stellt sie unnötig mit Tabletten ruhig«, sagt Johannes Pantel.

Helene Mattmer weiß nichts von dieser Diskussion, sie hinterfragt die Haltestelle nicht. Genauso wenig wie die zwei älteren Damen, die sich nun zu ihr auf die Holzbank in dem Wartehäuschen setzen. »Marienplatz, Marienplatz«, ruft eine der Damen aufgeregt. Die andere ist still, ihr Blick leer.

Einige Heimbewohner nutzen die Haltestelle in ähnlicher Frequenz wie Helene Mattmer, nämlich täglich. Andere sind so weit im Zustand der Demenz fortgeschritten, dass auch dieser Anker in die Vergangenheit seinen letzten Halt verloren hat.

»Jetzt ist aber Zeit fürs Mittagessen«, sagt Helene Mattmer. Ihre Stimme klingt sanft und klar. Als käme sie aus einem Kurzurlaub zurück. Warum sie gerade auf dieser überdachten Holzbank saß, weiß sie nicht mehr.
Morgen wird sie wieder hier sitzen.


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Unser Autor Tim Gutke, 32, verbrachte seine 13 Monate Zivildienst in einer Einrichtung für Demenzkranke. Schon aus dieser Zeit kennt er Menschen, für die er jeden Tag aufs Neue ein Fremder war. Als er nun im Pflegeheim den abwesend lächelnden Bewohnern begegnete, musste er an ein Buch denken, das er inzwischen gelesen hatte: Schiffbruch mit Tiger von Yann Martel. Wie der Titel schon verrät, handelt es von einem Schiffbrüchigen, der sein Schicksal nur erträgt, weil er sich eine eigene Gedankenwelt aufgebaut hat und so seiner hoffnungslosen Realität entflieht.