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aus Heft 21/2010 Musik

"Ich wollte mich noch ein paar Jahre durchs Leben mogeln"

Seite 3

Tobias Haberl und Johannes Waechter (Interview) 

Uns erstaunt, wie ernst Sie den Grand Prix noch nehmen. Viele sehen diesen Wettbewerb nur noch durch die ironische Brille.
Ich verstehe Sie nicht. Das ist meine Arbeit. Sie nehmen Ihre Arbeit doch auch ernst. Außerdem, das Publikum muss den Grand Prix ja nicht ernst nehmen, aber ich muss es. Wenn ich Deutschland trainieren soll, ist es nicht meine Aufgabe, spaßig zu sein, sondern das Beste für mein Land zu geben.

Und warum tun Sie sich den Ärger noch an?

Weil es meine Leidenschaft ist. Wenn es mir ums Geld ginge, hätte ich mit vierzig aufhören müssen, ich habe seit zehn Jahren kein Geld mehr verdient. Auf ARD und ZDF läuft fast nur noch Volksmusik, die ZDF-Hitparade gibt es nicht mehr, MTV spielt fast nur internationale Sachen, uns fehlt die Plattform für moderne Schlager und schöne Melodien.

Aber Herr Siegel, das Internet ist die größte Plattform, die es je gab. Vielleicht ist Ihr Fehler, dass Sie das Geschäft wie vor zwanzig Jahren betreiben.
Ich sehe schon die Möglichkeiten des Netzes, aber es hat ein großer Kulturbruch stattgefunden. Das Musikgeschäft ist international, Videos sind viel wichtiger geworden, die Kids laden sich den ganzen Tag Klingeltöne runter.

Jetzt wissen wir immer noch nicht, wie Sie Lena Meyer-Landrut finden.

Ach, wissen Sie, das Lied ist nett, das Mädchen süß, leider trifft sie selten den Ton. Dem Dilettantismus sind keine Grenzen mehr gesetzt. Kann schon sein, dass viele Kids aus Deutschland den Song lieben und runterladen, aber in Oslo laufen 24 Künstler auf, und zwar die besten des Landes. Jeder hat drei Minuten. Da hilft kein nationaler Hype, da zählt nur das Lied. Und das muss beim ersten Mal überzeugen, eine zweite Chance gibt es nicht.

Der deutsche Beitrag wird also wieder mal in der hinteren Hälfte des Feldes landen?

Vielleicht wählen ein paar Leute dieses süße Mädchen, das da auf der Bühne rumspringt. Ich würde es ihr wünschen, aber bei der Eurovision muss man etwas machen, was exorbitant gut ist. Das Lied muss ans Herz gehen, an die Seele. Es muss dich treffen und du musst sagen: Ach, dieses Lied kommt aus Deutschland? Scheißegal, ich wähle es trotzdem! Ich wünsche Lena trotzdem viel Glück.
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Herr Siegel, kann es sein, dass Sie manchmal das Gefühl haben, Ihre musikalische Leistung als Schlagerkomponist wird zu wenig gewürdigt?
Ich bin ich kein Schlagerkomponist.

Sondern?
Komponist und Songwriter. Ich mag diese Schubladen nicht besonders. Und was Ihre Frage angeht: Ich habe 2000 Lieder komponiert und über hundert bekannte Schlager. Die Leute freuen sich, wenn sie mich sehen, und manchmal werden auch meine Lieder noch gespielt, Moskau ist ein Welthit, Dschinghis Khan wurde erst vor Kurzem zum schönsten Eurovisions-Lied aller Zeiten gewählt. Darüber habe ich mich riesig gefreut.

Trotzdem waren Sie in den letzten Jahren mehr wegen Beziehungsgeschichten und Krankheit in den Schlagzeilen als mit großen Hits.
Let’s face it – ich hatte mal 87 Angestellte und war vierzig Jahre lang jeden Tag im Büro und in drei verschiedenen Studios. Damals habe ich 16 bis 18 Stunden am Tag gearbeitet, heute sitze ich allein mit einem Tonmeister im Studio. Klar leide ich darunter. Dazu kommt, dass mein Musical Clowntown immer noch nicht auf der Bühne zu sehen ist …

… an dem Sie seit 25 Jahren arbeiten. Warum geben Sie das Projekt nicht endlich auf, immerhin gab es schon elf verschiedene Versionen?
Weil ich glaube, dass es das Beste ist, was ich in meinem Leben gemacht habe. Ich will dieses Stück auf dem Broadway sehen. Dafür kämpfe ich. Der letzte deutsche Komponist, der auf dem Broadway aufgeführt wurde, war Kurt Weill, ich glaube, 1938 mit Mahagonny.

Wollen Sie es damit Ihren Kritikern noch mal zeigen?
Das sicher auch. Es gibt so viele Leute, die sich nie mit mir beschäftigt haben. Die schauen auf mein Leben und stecken mich in eine Schublade, nach dem Motto: Was hat er gehabt? Schöne Weiber, schöne Häuser, ein schönes Leben! Diese Betrachtung ist bodenlos unfair.

Vielleicht sind Sie auch zu eitel, um loslassen zu können?
Wenn ich aufhöre zu arbeiten, falle ich tot um. Ohne meine Arbeit hätte ich die letzten drei Jahre nicht überstanden. Nein, ich ergebe mich nicht in mein Schicksal.

Welcher Siegel-Song wird auch in fünfzig Jahren noch am Lagerfeuer gesungen?
Moskau wird ewig bleiben. Ein bisschen Frieden auch. Aber ich gebe zu: Ein White Christmas habe ich noch nicht geschrieben. Das werde ich nie schaffen.


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