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aus Heft 23/2010 Musik 1 Kommentar

"Ich saß mal in Russland im Knast"

Technomusiker Paul Kalkbrenner verbringt einen Großteil seiner Zeit unterwegs. Im Interview spricht "Deutschlands unbekanntester Superstar" über seine Lieblingsfestivals, die Annehmlichkeiten der Business-Class und warum der deutsche Techno für ihn nur eine Zwischenstation ist.

Von Kerstin Greiner und Max Fellmann (Interview) 

In Technokreisen ist er schon lang berühmt, der Rest der Welt ist gerade dabei, Paul Kalkbrenner zu entdecken: Der 33-jährige Berliner ist kein DJ, der Platten auflegt, sondern ein Musiker, der auf der Bühne mit Computer und Mischpult elektronische Klänge produziert – und das vor 10 000 Besuchern. Die Zeitschrift »Musikexpress« nannte ihn zu Recht »Deutschlands unbekanntesten Superstar«. Zu Kalkbrenners Ruhm trug auch die Hauptrolle im Film »Berlin Calling« (2008) bei: Da spielt er einen Drogen schluckenden Musiker, der in der Psychiatrie landet. Kalkbrenner sagt, die Person im Film entspreche ihm selbst zu genau 49 Prozent. Die Filmfigur Ickarus wohnt in einem heruntergekommenen Altbau, Kalkbrenner in einer sehr großen, sehr eleganten, mehrstöckigen Wohnung mit Dachterrasse in einem Hinterhaus in Berlin-Mitte. Kalkbrenner hat es geschafft, innerhalb seiner Szene glaubwürdig zu bleiben – und trotzdem im großen Stil Karriere zu machen. Von Party-Veranstaltern ist zu hören, dass seine Gagen inzwischen die der Techno-Großverdiener Sven Väth und Paul van Dyk ein- und sogar überholt haben.



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SZ-Magazin: Herr Kalkbrenner, in Ihrer Wohnung sieht ja alles noch ziemlich unberührt aus. Sind Sie gerade erst eingezogen?
Paul Kalkbrenner: Vor zwei Wochen. Ich habe die Wohnung von einer Agentur auf Zeit gemietet. Die Möbel waren drin, ich habe nur Klamotten und Bücher mitgebracht. Und eine Stehlampe. Ich möchte nichts besitzen. Natürlich habe auch ich gern eine Gabel und einen Bettvorleger – aber es müssen nicht unbedingt meine eigenen sein.

Warum beunruhigt Sie Besitz so?
Er macht mich schwer.

Andere Menschen beruhigt es, Dinge zu besitzen.
Meine Mutter sagt auch immer: Wie geht das, du brauchst doch dein eigenes Sofa? Aber ich sage, das ist doch mein Sofa, ich sitze grade drauf. Allet jut. Sofa, ick hab dir lieb!

In diesem Sommer werden Sie auf Festivals und in Clubs auf der ganzen Welt spielen. Wissen Sie auswendig, welche Auftritte als Nächstes anstehen?
Ja, das weiß ich, morgen bin ich in Istanbul, am Tag darauf in der Nähe von Leipzig auf einem Open-Air-Festival.

Auf welche Partys freuen Sie sich besonders?
Auf das Balaton Festival in Ungarn, Astropolis in Brest, auf das Burning Man Festival in den USA und meine Auftritte in Mexiko. Das Burning Man Festival in Nevada muss man einmal gesehen haben. Mehr geht nicht.

Treten Sie gern im Freien auf, bei Open-Air- Festivals?

Früh im Sommer freut man sich darauf, später nicht mehr. Am Anfang denkt man, wow, geil, draußen feiern, Sonne, Luft! Im September denkt man, pfff, ich hab genug von dem Schlamm, ich möchte wieder rein, und jut is. Außerdem bin ich in der Regel der Letzte, der auf die Bühne kommt. Wenn das Festival tagsüber läuft, ist alles super, dann ist es Abend, wenn ich auftrete. Wenn das aber ein Nachtfestival ist, dann bin ich irgendwann im Morgengrauen dran – und im Morgengrauen sieht kein Festivalgelände schön aus, viel Dreck und Müll.

Ihr liebster Sommerdrink?
Für mich nur Wasser, Wasser, Wasser.

Echt?
Na gut: und Underberg.

Wie viele Auftritte stehen in diesem Jahr insgesamt an?
Hab ich nicht gezählt. Letztes Jahr waren es 132. Macht mit An- und Abreise zwei Tage pro Auftritt, manchmal drei. Das heißt also: Ich war fast durchgehend unterwegs.

Was ist Ihnen beim Reisen wichtig?
Ich fliege Businessklasse. Auch weil ich immer nur mit Handgepäck fliege: Meine ganze Ausrüstung passt in einen Koffer, mein Laptop und alle elektronischen Geräte. Früher, in der Economy, gab es immer endlose Diskussionen, weil der Koffer zu schwer war. Dank Senator-Karte kann ich den jetzt mitnehmen.

Der Koffer, das ist dieser Koffer aus Aluminium, mit dem Sie auch im Film Berlin Calling zu sehen sind?
Ja, aber der hat schon seinen dritten Nachfolger. Die sollen eigentlich fünf Jahre halten, aber bei mir gehen die schneller kaputt. Ich beanspruche den auch mehr: Eigentlich sollen nur sechs Kilo rein, mein Handgepäck wiegt aber immer genau 19,2 Kilo.

Packen Sie immer dasselbe, egal wohin es geht, oder warum wissen Sie das so genau?
Vier T-Shirts, vier Paar Socken, vier Unterhosen. Den Rechner in den Koffer, den Rest außen rum. Es dürfen nicht zu viele, aber auch nicht zu wenige Klamotten sein, das muss abpolstern.

Gibt es einen Ort, an den Sie gern reisen, weil er Ihnen besonders viel bedeutet?
Wenn ich mal alt bin, will ich an einem Ort leben, der sogar München noch an Schönheit schlägt: ein kleines Nest zwischen Lausanne und Montreux am Genfer See, da ist es herrlich. Ruhig, beschaulich, fast betulich.

Wie bitte? Das könnte auch ein alter Mann sagen! Sind Sie Romantiker?
Absolut, ja.

Wie sieht Ihr Lieblingshotel aus?
Ich mag keine Designhotels, die sehen immer aus wie Ikea für reiche Menschen. Lieber historische Häuser, gebaut vor dem Ersten Weltkrieg, mit schweren Teppichen und Vorhängen, kleinen Lampen, viel Holz. Hotels, in denen man sich fühlt wie im Louvre.

Hey, Sie zerstören gerade unser Bild von einem Technomusiker: Eigentlich müssten Sie doch alles Moderne, alles Technische lieben! Was tun Sie, damit Sie sich im Hotel sofort zu Hause fühlen?
Da entspreche ich eher wieder Ihrem Bild: Ich mache erst mal Lichtdesign. Klick-klack, Deckenlicht aus, Standlampen an, dann muss die eine Lampe in eine andere Steckdose, die nächste mit einem T-Shirt verhängt werden. Lieber kleines Licht als großes Licht. Manchmal verschiebe ich auch Tische, mache ein kleines, neues Arrangement. Ich hab gern eine Sitzecke in meinem Zimmer, nicht nur ein Bett. Dazu noch WLAN, late check-out, 24-Stunden-Roomservice, und alles ist gut.

Schon mal was geklaut in einem Hotel?

Nö. Doch. Handtücher. Kavaliersdelikt, oder?

Können Sie das Reisen noch genießen, oder ist es für Sie ausschließlich Mittel zum Zweck geworden?
Nein, ich interessiere mich tatsächlich sehr für das Reisen, für Avionik, also für die Verkehrsfliegerei, für Maschinen und Flughäfen.

Sie können erklären, warum ein Flugzeug fliegen kann?
Es saugt sich hoch: Der Flügel steht schräg, die Luft auf der Oberseite des Flügels strömt schneller als die auf der Unterseite. Dadurch entsteht oben ein Unterdruck, unten ein Überdruck. Diese Druckdifferenz hebt das Flugzeug an.

Wissen Sie auswendig, wie viele Flugmeilen Sie haben?
Statusmeilen 400 000. Prämienmeilen, also die, mit denen man einkaufen kann, weiß ich nicht.

Haben Sie sich schon ausgerechnet, wie lange Sie noch brauchen, um in den HON Circle aufgenommen zu werden, den höchsten Status beim Lufthansa-Miles & More-Programm?
Ja. Hat aber Zeit. Jetzt erst mal den Senator-Status genießen. Muss nicht alles so schnell gehen. Aber was für ein schlaues Kundenbindungsprogramm! Das machen die gut: Wer einmal die Annehmlichkeiten so einer Senator-Karte erlebt hat, die Lounges und so, will nie mehr ohne fliegen.

Machen Sie privat je Urlaub?
Im Januar war ich in Indien, zum ersten Mal. Drei Wochen Ayurveda-Kur und Elefanten, volles Programm.

Klingt nach mentaler Reinigung und Entgiftung, so wie es auch der Techno-Urvater Sven Väth jedes Jahr macht. Ist das ein Ausgleichsprogramm zur heftigen Feierei in den Clubs?
Auch, klar. Fantastisch. Mir ging’s echt besser danach, mach ich jetzt öfter. Es ist schon erstaunlich, wie gut das tut – und wie schnell man sich an einem Wochenende den Effekt wieder ruinieren kann.

Vermissen Sie Berlin, wenn Sie unterwegs sind?
Ja, ich liebe Berlin, meine Heimat – nur nicht dieses Technomekka-Berlin, dieses neue Mallorca, wo die Leute mit dem Billigflieger einjetten und ins »Berghain« drängen. Da freue ich mich, wenn ich jedes Wochenende wegfliege.

Hat Sie das viele Reisen in den letzten Jahren verändert?
Früher war ich aufgeregt, wenn ich mal nach Barcelona durfte: Wahnsinn, die zahlen so viel Geld für meine Musik? Heute denke ich eher, uff, schon wieder Barcelona? Die diebische Freude ist weg. Ich weiß noch, als ich den ersten Auftritt im Ausland hatte, Zürich, mit dem Flugzeug, nicht mit der Regionalbahn nach Prenzlau! Tausend Leute, tausend Franken Gage! Wow, dachte ich. Heute bin ich schon ein bisschen Diva, ich gebe es zu.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Paul Kalkbrenner wegen einiger Krümel Gras eine Nacht in einem russischen Gefängnis verbringen musste.

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Kommentare

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  • Johannes Corsten (0) Avioniker Paule erklärt dat Fliejn: "Der Flügel steht schräg, die Luft auf der Oberseite des Flügels strömt schneller als die auf der Unterseite. Dadurch entsteht oben ein Unterdruck, unten ein Überdruck. Diese Druckdifferenz hebt das Flugzeug an."

    Da sollte er doch noch mal ein bisken Wikepdia tschekn, von wejn Bernoulli-Effekt un'so:

    also, Fluchzeuje fliej, weil die (ja, anjeschrägt iss schon wichtich) der der Flügel (im Querschnitt) auf der oberen Seite länger ist als der praktisch gerade untere Teil. Deshalb strömt de Luft oben schneller vorbei als unten, zufolge Daniel Bernoulli muss an beschleunigten Strömungen Unterdruck enstehen.

    Paule hat also en bisken recht: so wird det Zeuch anne Flüjl hochjezogen (aber Überdruck anner unerseite is nich).